Poetry Slam Literatur mit Eventcharakter

Poetry Slammer Finn-Ole Heinrich
Poetry Slammer Finn-Ole Heinrich | Foto (Ausschnitt): Dylan Thompson

Wenn im Münchner Club „Substanz“ zum Poetry Slam geladen wird, kommen Hunderte von jungen Zuhörern. Aber nicht nur in den Metropolen, auch in Kleinstädten treffen sich regelmäßig unzählige Literaten, um mit ihren Texten gegeneinander anzutreten. Poetry Slam: Was ist das, woher kommt das – und warum ist das in Deutschland so erfolgreich?

Poetry Slam ist ein relativ junges Format, das Literatur nicht zuerst in die Bücher, sondern auf die Bühne bringt: Meist junge Menschen treten nacheinander mit ihren Texten auf, sie werden ausgelost und haben eine strikte Zeitbegrenzung. Eine Jury oder das Publikum kürt einen Gewinner.
 

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Von Aachen bis Zwickau wird geslammt

Das Format ist in den Achtzigerjahren aus Open-Mic-Abenden in Chicago entstanden; nach Deutschland übergeschwappt ist die Welle Anfang der Neunzigerjahre, als Künstler, Journalisten und Schriftsteller die Idee aus den USA mitbrachten.

Bald wurden in den großen Städten die ersten Slams gegründet – in München, Hamburg und Berlin. Der Münchner Poetry Slam, der regelmäßig im Club Substanz stattfindet, existiert seit mehr als 15 Jahren und ist mit durchschnittlich 400 Zuschauern einer der größten Slams überhaupt.

Das Format ist so erfolgreich, dass mittlerweile auch in vielen kleineren Städten regelmäßig Slams stattfinden: Mehr als 500 deutsche Veranstalter haben sich auf der zentralen Plattform mySlam.net registriert, vom „satznachvorn“-Slam in Aachen bis zum Zwickauer Slam „Brandsätze“. Jährlich findet außerdem ein nationaler Slam statt. Ähnlich wie sonst nur beim Sport werden hier in regionalen Wettbewerben Gewinner ermittelt, die im Finale um den Titel des deutschen Meisters kämpfen. Diese „Meisterschaft“ ist bereits Wochen im Voraus ausverkauft.

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Durchlässigkeit nach unten und oben

Definieren kann man den Poetry Slam nur über äußere Merkmale: Bezeichnende Elemente sind Mündlichkeit, der Performance- und der Wettbewerbscharakter. Die Textsorten, die auf Poetry Slams vorgetragen werden, könnten vielfältiger nicht sein. Neben stark über die Rhythmik und den Reim funktionierenden Gedichten gibt es auch Prosaminiaturen.

Auch Musik ist nicht verboten. Die Grenzen sind durchlässig, egal ob zu Rap und Hip-Hop oder zum Kabarett: Die Slammer Marc-Uwe Kling und Sebastian Krämer sind mittlerweile als Musiker und Kabarettisten ebenfalls bekannt. Erlaubt ist, was gefällt, was die Gunst des Publikums gewinnt.

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„Die Texte bei Slams sind in der Regel sehr darauf ausgerichtet, für Lacher und Applaus zu sorgen. Sie müssen – vereinfacht – in fünf Minuten zehn Witze erzählen. Sie haben sehr klare Wirkmechanismen,“ beschreibt Finn-Ole Heinrich dieses Gebot. Aber er schränkt auch ein: „Die Texte sind laut. Zwischentöne, Sperriges, Leises geht unter oder hat es schwer.“

Vielleicht, weil ihre Literatur genau dieses will, schreiben manche Autoren über die Szene hinaus, lassen sie irgendwann hinter sich – und reüssieren dann im etablierten Literaturbetrieb, wie etwa Michael Lentz, Tanja Dückers oder Judith Hermann. Und eben wie Finn-Ole Heinrich, der 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann.

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Mündlichkeit und Performance-Charakter

Genau hier zeigt sich die Durchlässigkeit nach oben: Wenn Autoren dem Vortrag ihrer Texte verstärkt Aufmerksamkeit widmen. Für Nora Gomringer ist es wichtig, „die Mündlichkeit von Geschriebenem generell zu propagieren und dafür einzutreten, den Vortrag eines Textes mindestens so ernst zu nehmen wie das Schreiben.“

Auch Finn-Ole Heinrich bestätigt die Gestaltung des Vortrags als ein wichtiges Element seiner Kunst: „Manchmal bietet es sich an, mit Filmeinspielungen, Sounds, Musik, Tänzern, Schauspielern zu arbeiten. Ich bin grundsätzlich offen für andere Kunstformen. Weil sie mich interessieren und inspirieren, weil dabei oft Neues und Unerwartetes entsteht. Und weil man Lesungsformate und Zuschauer-Erwartungen aufbrechen kann. Ich nehme mein Publikum ernst und mute ihm auch etwas zu.”

Genau das ist es, was ehemalige Slammer mitbringen in den etablierten Literaturbetrieb. Denn auch Nora Gomringer sagt: „Die Live-Performance ist für Sprecher und Text eine Chance, sich auszuprobieren und Mund-Werk zu werden. Das Publikum bewertet, lacht, gähnt, geht oder bleibt am Ball.“ Der Wunsch, auszubrechen aus herkömmlichen Lesungsformaten und Literaturperzeptionen und eher die Nähe zum Theater und zur Performance zu suchen, ist ein Phänomen, das sich derzeit auch in der Suche nach neuen Formaten bei Literaturfestivals wie dem Prosa Nova in Hildesheim spiegelt.

Nora Gomringer und Wortart Ensemble

Literatur-Event – oder ursprüngliche Literatur?

Aber warum boomt der Slam in Deutschland, warum ist er so erfolgreich? Erklärungsansätze gibt es viele. Zum Beispiel, weil er eine Plattform ist, auf der sich junge Autoren mit eigenen Texten einer Öffentlichkeit vorstellen. Ein Einstieg also in die Literaturwelt: ein Ort – noch vor dem Internet –, wo jeder zu Wort kommt mit dem, was er schreibt oder vorträgt.

Der Reiz liegt außerdem in der engen Interaktion zwischen Zuschauer und Künstler. Weil Poetry Slam ein Format ist, das der Literatur einen kleinen Teil ihrer ursprünglichen Bestimmung – der Mündlichkeit, der direkten Interaktion mit dem Publikum, der Nähe auch zur Musik und öffentlichen Vortragssituation – zurückgegeben hat.

Weil der Poetry Slam ein Format ist, das Spaß macht: Literatur wird zum Event, ähnlich wie ein Rockkonzert oder ein Fußballturnier. So gesehen ist Poetry Slam also ein Format, das der Literatur seine Aufregung zurückgibt.

Slam-Dokumentarfilm „Movement“