Marjana Gaponenko im Interview
Ein Lied singen, das mit einem unendlich langen Seufzer endet

Es klingt wie ein Märchen: Marjana Gaponenko, eine Schülerin aus der Ukraine, verliebt sich in die deutsche Sprache und beginnt, Gedichte auf Deutsch zu schreiben. 16 Jahre später wird ihr der Chamisso-Preis für Deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Herkunft zugesprochen. Hinter diesem Preis steht mit der Robert-Bosch-Stiftung die größte deutsche Stiftung, die das Thema der Völkerverständigung seit langem auf ihre Fahnen geschrieben hat. Über ihre persönliche Geschichte und ihren preisgekrönten Roman „Wer ist Martha?“ spricht sie im Interview.

Marjana Gaponenko; © Robert Bosch Stiftung/Yves Noir Marjana Gaponenko | © Robert Bosch Stiftung/Yves Noir Frau Gaponenko, Sie stammen aus der Ukraine. Wie sind Sie dort zum Schreiben auf Deutsch gekommen?

In Odessa im Gymnasium bin ich das erste Mal mit Deutsch in Berührung gekommen. In meiner Familie wurde kein Deutsch gesprochen, mein Vater ist Georgier, meine Mutter kommt aus Odessa und hat als Aufnahmeleiterin in den Filmstudios von Odessa gearbeitet.

Aber ich hatte zwei Lehrer, die mich gefördert haben: meine Deutschlehrerin an der Schule, eine alte Dame die, wie es sich später herausstellte, trotz ihrer Strenge sehr warmherzig war, und einen Privatlehrer, der den Grundstein meiner schriftstellerischen Karriere legte, indem er mich für den Unterricht Geschichten auf Deutsch schreiben ließ. Gelernt habe ich aber auch von Anfang an aus der Lektüre deutscher Literatur, vor allem aus Lyrikbänden. Und heute weiß ich, dass nichts so sehr zum Schreiben anregt, wie die Anverwandlung von großen Autoren, deren Größe eben auch darin besteht, das ihre genaueste Rezeption nicht zum Kopieren, sondern zum Selberdenken und -schreiben führt.

Wer wurde zuerst auf Ihre Gedichte aufmerksam?

Moritz Senarclens de Grancy, der damals in Kiew journalistisch tätig war, hat mir bei einem Spaziergang auf dem Franzusski Boulevard von Odessa geraten, meine Gedichte an einige ausgewählte Zeitschriften in Deutschland zu schicken, was ich auch getan habe. Meine Gedichte wurden dann auch bald schon gedruckt und zwar in der von Erik Martin herausgegebenen Zeitschrift Muschelhaufen.

Wie ist dann der Sprung nach Deutschland erfolgt, denn Sie leben heute in Mainz?

Schon bald nach dem Erscheinen der Gedichte erhielt ich 2001 ein sechsmonatiges Literaturstipendium im Künstlerdorf Schöppingen bei Münster. Über Stationen in Dublin, Krakau und Frankfurt bin ich dann 2009 nach Mainz gekommen.

In der neuen Umgebung haben Sie sich dann auch an die größere Form, den Roman gewagt. Wie kam das?

2007 wurde ich zusammen mit einigen anderen Schriftstellern vom Tourismusverband Vorarlberg gefragt, ob ich eine kleine Geschichte über Lech am Arlberg schreiben könnte. Ich wurde nach Lech eingeladen und durfte eine Woche in einem Gasthof wohnen. Es war das erste Mal, dass ich so hoch in den Bergen war. Die Geschichte, die einen Brief des Journalisten Petrov an seine Liebe Anna Konstantinowna darstellt, wurde geschrieben und ist 2008 in der Sammlung Austern im Schnee erschienen. Kurz darauf habe ich beschlossen, eine Antwort an Petrov zu schreiben und bin in die Rolle der alternden Dorflehrerin Anna Konstantinowna geschlüpft. So ist das zweite Kapitel meines ersten Romans entstanden, und die übrigen Kapitel waren nur eine Frage der Zeit. Als mein erster Roman fertig war, habe ich gemerkt, dass ich gewachsen war und dass der lyrische Schuh mir zu eng wurde. Ich habe nach wie vor Gedichte geschrieben, doch sie schienen mir alle auf einmal so kurzatmig, ich wollte singen, nicht einfach kurz aufseufzen, sondern ein richtiges Lied singen, ein Lied das mit einem langen unendlich langen Seufzer endet. Das ist meine Vision von der Prosa, die ich schreibe. Sie soll lange nachhallen und ihrem Wesen nach der Lyrik trotzdem sehr nah sein. Das ist mir wichtig.

Dieser erste Roman auf Deutsch erschien dann im Residenz-Verlag Salzburg?

Piotrs erster Brief wurde, nachdem er im Buch Austern im Schnee erschienen war, mit dem österreichischen „ Frau Ava Literaturpreis“ ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand 2009 in einer ominösen Bergkirche statt, in der die erste Dichterin deutscher Zunge begraben liegen soll. Zur Preisverleihung kam mein ehemaliger Verleger, Herwig Bitsche und ermunterte mich bei einem Glas Wein unter einem Kastanienbaum, mehr daraus zu machen, was zu tun ich in der Zeit auch bemüht war. Also versprach ich ihm das fertige Manuskript in absehbarer Zeit zukommen zu lassen. Ein Jahr später erschien es als Roman im Residenz Verlag.

Die Robert-Bosch-Stiftung lobt jährlich den Chamisso-Preis für das beste Buch eines deutsch schreibenden Autors nicht-deutscher Herkunft aus. Am 28. Februar 2013 erhalten Sie in München den Hauptpreis für Ihren zweiten Roman „Wer ist Martha?“. Protagonist ist ein 96jähriger Wissenschaftler aus der Ukraine, genauer ein Ornithologe, der sein herannahendes Ende stilvoll in einem Wiener Luxushotel zelebriert. Warum diese Person und dieser Ort?

Lewadski ist nicht nur steinalt, er ist auch todkrank. Das sind Attribute, die einerseits das Dramatische verschärfen, andererseits war es mir wichtig, gerade durch diese zwei Attribute dem Drama seine Grundlage zu entziehen, indem folgende Frage gestellt wird: Lohnt es sich als todkranker Greis zu kämpfen und wenn ja, wofür? Die Antwort lautet: Für die Selbstbestimmung in erster Linie und auf den zweiten Blick für mehr Hingabe und Gottvertrauen. Todkrank begibt sich der beinahe hundertjährige Lewadski auf seine letzte Reise. Er verbringt seine letzten Tage in der Atmosphäre eines wunderschönen, aber auch ziemlich unwirklichen Ortes. Am Anfang bewundert er das theatralisch Anonyme des Grandhotels , er genießt den Luxus, in dem er nie gelebt hat und nun sterben will. Er findet Freunde, er findet zu sich selbst und geht in Frieden. All dies wurde möglich aufgrund seines Aufbruchs, seiner Flucht an einen Ort, der im vollkommenen Gegensatz zu seiner Leidenschaft und seinen Forschungsobjekten steht: den Vögeln. Erst im Luxus wird ihm klar, dass sein bescheidenes kleines Leben schön war und viel heller leuchtet als der Glanz der Lüster und Goldrahmen. Das ist die Idee, die hinter dem Wiener Luxushotel steht.

Es ist mir ein Bedürfnis, über Menschen zu schreiben, die unscheinbar und unauffällig vor sich hin leben und im Inneren reich an Wundern sind. Als Schriftstellerin suche ich im Alltäglichen das Außergewöhnliche, und ich sehe: es ist alles außergewöhnlich. Das ist der Punkt, wo mir beim näheren Betrachten das Profane im Außergewöhnlichen zulächelt und ich von einer tiefen Menschlichkeit ergriffen bin. Und so schreibe ich auch: voller Zärtlichkeit und Verständnis für meine gewöhnlichen außergewöhnlichen Helden. Was das Alter betrifft, so müssen meine Figuren gereift sein. Sie können 20 sein und eine alte Seele haben, oder 96 wie der Protagonist meines letzten Romans, Lewadski, der sich bis ins hohe Alter sein kindliches Gemüt bewahrt hat.

Der neue Roman, der in der Kritik viel Zuspruch fand und zum Teil sogar hymnisch gefeiert wurde, ist jetzt im Suhrkamp-Verlag erschienen. Wie kam dieser Wechsel zu Stande?

Rückblickend erscheint alles wie eine Kausalkette: ein Roman nach dem anderen, zwei tolle Preise. Ich könnte von einer Fügung reden, wenn ich nicht wüsste, dass hinter jedem Schritt viel harte Arbeit steckt. Viel Herzblut und viel Zeit. Vor 16 Jahren hätte ich von vielem gar nicht träumen können, was für mich heute selbstverständlich ist. Das sage ich ohne jegliche Arroganz. Der Wechsel zum Suhrkamp Verlag fand folgendermaßen statt: ein Suhrkamp-Autor hat meinen ersten Roman Annuschka Blume dem Verlag empfohlen, daraufhin wurde mir seitens des Verlags das Interesse an Zusammenarbeit signalisiert.

Inzwischen arbeiten Sie schon an einem neuen Projekt und Sie haben durchklingen lassen, dass Sie – unabhängig vom Erfolg – nur eine begrenzte Zahl von Büchern schreiben werden und sich vorstellen können, auch etwas ganz Anderes zu tun. Dürfen wir mehr darüber erfahren, über das neue Buch, aber auch über das ganz Andere?

Ein Grund, warum ich so gerne Literatur schreibe, ist, weil ich mich nicht nur für die Literatur interessiere. Ich glorifiziere sie nicht. Ich finde, dass es entscheidend wichtig ist, das Herz für etwas frei zu halten, was mit dem Beruf, den man ausübt, nichts zu tun hat. Für das Andere eben. Man kann kein guter Schriftsteller sein, wenn man die Literatur zum Mittelpunkt seines Lebens macht. Hat man die Augen nur für sie, so ist man mit Blindheit geschlagen. Ich kann mir vorstellen, dass ich mit 96 Jahren, wenn ich schriftstellerisch alles gesagt habe, eine Schreinerlehre mache und eines der wunderbaren Handwerke erlerne, für das ich aufrichtige Sympathie hege.

Und was das neue Buch angeht, so ist es eine Geschichte, die zum Teil in einer Kutsche spielt. Es geht um Möbel, Bäume und die Geschichtsphilosophie, es geht um Zeit und Physik und um eine neue Kinderpädagogik, die ein beinloser Kriegsveteran auf die Beine stellt, es geht um Besitz und Besitzlosigkeit und um die Freiheit. Hauptsächlich um die Freiheit.

Am 28. Februar 2013 erhält Marjana Gaponenko für ihren zweiten Roman Wer ist Martha? in München den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Die Robert-Bosch-Stiftung lobt den Chamisso-Preis jährlich für das beste Buch eines deutsch schreibenden Autors nicht-deutscher Herkunft aus. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, war Mitglied der Jury.