Secession Verlag Auf zu neuen Ufern

Christian Ruzicska und Susanne Schenzle, die Gründer des Secession Verlages; © Secession Verlag
Christian Ruzicska und Susanne Schenzle, die Gründer des Secession Verlages | Foto (Ausschnitt): © Secession Verlag

Der 2009 gegründete Secession Verlag bietet ein kleines, aber feines Literaturprogramm zeitgenössischer und auch in Vergessenheit geratener Autoren an. Es lohnt sich, auf Entdeckungs-Lesereise zu gehen.

„Lies Deine Zeit“ fordert die Vorschau des Verlags Secession auf. Der Verlag ist noch jung, quasi in den Kinderschuhen, und er ist klein. Ab und zu stoßen zum Verlegerduo ein paar Praktikanten hinzu, helfen und lernen dabei – und sie haben Glück, nicht in einer Bücherfabrik gelandet zu sein, sondern bei einer heutzutage raren Spezies: bei echten Bibliophilen. 2009 gründeten Susanne Schenzle und Christian Ruzicska Secession – einen Verlag für Literatur mit Sitz in Zürich. Von dort kümmert sich Susanne Schenzle, die vom leider aufgelösten Ammann Verlag kam, um Vertrieb, Veranstaltungen und Marketing. In der Dépendence in Berlin ist Christian Ruzicska für Lizenzen, Rechte, Lektorat, Übersetzungen und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Es ist schon sein zweiter Karrierestart als Verleger. Zuvor hatte er gemeinsam mit einem Kollegen den Tropen-Verlag gegründet, der nun unter das Dach von Klett-Cotta geschlüpft ist.

Perlen und Trouvaillen

Auf zu neuen Ufern, beschlossen Schenzle und Ruzicska und wollten ein Programm machen, das erlesene literarische Perlen und seltene Trouvaillen präsentiert. 2010 lag das erste Programm auf. Inzwischen umfasst die Backlist circa 20 Titel, unter den Herbstneuerscheinungen 2012 Hausautor Steven Uhly mit seinem neuen Buch Glückskind, seinem bereits dritten Titel bei Secession, sowie auch der Schweizer Autor Christian Uetz, der ebenfalls schon Stammautor ist, mit seinem zweiten Titel Sunderwarumbe.

Doch zurück zur Namensgebung: Warum „Secession“? „Ästhetisch gesehen sind die Buchstaben rund und sehr schön – das haben unsere Designer als extrem angenehm empfunden, weil es ein schönes Schriftbild ergibt“, sagt Christian Ruzicska: „Der inhaltliche und wichtigere Grund ist, diese runden schönen Buchstaben machen einen sehr harten Schnitt und sagen, wir versuchen eine eigene Formulierung weg von einer Massenproduktion, die ständig eine große Menge von Literatur auf den Markt spülen muss. Wir versuchen eine eigene Präsenz herzustellen, von Gedanken, Inhaltlichkeit, Genauigkeit, vom Umgang mit der Literatur als Instrument zur Schärfung der Wahrnehmung.“

So ist der Name also doch Programm: Secession steht für ein bewusstes Sich-Absetzen vom Massenmarkt einerseits und für unbedingte Unabhängigkeit andererseits. „Unabhängig“ bedeutet in dieser Branche, dass man für seine „Berufung“ brennen muss – und das tut Christian Ruzicska. Schon als er noch studierte und nebenbei in einem Buchladen jobbte, waren die Kunden dankbar für seine Empfehlungen, erzählt er. Irgendwie hatte er immer das richtige Gespür, welches Buch zu wem passt – schließlich hatte er sie alle gelesen.

Qualität setzt sich durch

Der Secession Verlag hatte einen guten Start und war von Anfang an erfolgreich. Auf sechs Preise kann der Verleger inzwischen stolz verweisen: Schon ein Jahr nach seiner Gründung erhielt der Verlag die Auszeichnung Newcomer-Verlag des Jahres 2011; es folgte der Tukan-Preis 2011 für den Roman Adams Fuge von Steven Uhly; der red dot design award 2012 für Sprechendes Wasser von Jürg Halter und Tanikawa Shuntarō und nun hat auch noch der für das Frühjahr 2013 angekündigte Roman von Jérome Ferrari Le sermon sur la chute de Rome den Prix Goncourt erhalten. Mit dem red dot design award wird der bisher einzige Lyrikband für seine vorbildliche Gestaltung honoriert. Er gebührt somit der in München ansässigen Firma Kochan und Partner, die für die Website, die Corporate Identity und für die komplette Buchgestaltung des Verlages zuständig ist. Alle Titel haben ein einheitliches Erscheinungsbild, ein schmales, schlankes Buchformat, mit ansprechendem, aber zurückhaltendem Cover, ohne Schutzumschlag und – selbstverständlich – mit einem Lesebändchen.

Das neue Buch des Autors Jérome Ferrari wird gerade von Christian Rusiczka übersetzt. Übernahmen aus dem Französischen übersetzt er selbst, sowie teilweise auch englische Titel. Es ist Ferraris zweites Buch im Secession Verlag. Der nunmehr hochdekorierte Autor ist, obwohl andere Verlage hoch geboten hatten, bei Secession geblieben. Sein letztes Buch Und meine Seele ließ ich zurück handelt von Loyalität. „Und er lebt das perfekt – das ist eine absolute Ausnahme.“ freut sich Christian Ruzicska und verrät noch die beiden Titel, auf die er besonders stolz ist: Der Fall Crump von Ludwig Lewisohn, eine Wiederauflage eines Romans dieses vergessenen Autors von 1928, das Ruzicska als grandios bezeichnet – oder die Wiederentdeckung der französischen Autorin Hélène Bessette, die verarmt und vergessen starb, aber mit ihren Schriften prägend für den Nouveau Roman gewesen ist.

Außer der Liebe zu anspruchsvoller Literatur lässt sich unter den bislang aufgelegten Titeln nur schwer eine Programmlinie eruieren. Schenzle und Ruzicska folgen ihren Spürnasen und ihrem Credo: „Bücher binden Menschen“. Das hat bisher gut geklappt. Das eigentliche Erfolgsgeheimnis dürfte aber die Tatsache sein, dass es sich bei den beiden Jung-Verlegern um absolute Buchliebhaber handelt – oder um es in ihren eigenen Worten auszudrücken: „Wir möchten es betonen: Fragen Sie einen Vogel, warum er singt.“