Judith Schalansky im Interview Bücher sind keine Fetischobjekte

Judith Schalansky; Foto: © Johanna Ruebel
Judith Schalansky | Foto (Ausschnitt): © Johanna Ruebel

Analoges Copy-und-Paste und das Buch als Wandzeitung: Judith Schalansky schreibt nicht nur Bücher, sie gestaltet sie auch. Im Interview erzählt sie, warum Texte Bilder brauchen und wie man Geschichten zum Anfassen macht.

Frau Schalansky, ist ein schönes Buch ein Risiko für seinen Inhalt?

Es ist das Gegenteil von einem Risiko. Es ist die Garantie dafür, dass man sich mit etwas wirklich beschäftigt hat. Für die Verlage ist es vielleicht riskant, weil sie nicht die Standardsituation durchspielen können. Und nicht jedes Buch ist ein „schönstes“ Buch. Aber wenn es um die Verschränkung von Form und Inhalt geht, lohnt es sich.

2012 wurde Ihr Buch „Der Hals der Giraffe“ von der Stiftung Buchkunst als „Das schönste deutsche Buch“ ausgezeichnet. Was war zuerst da, Form oder Inhalt?

Die Idee, ein Buch über eine Biologielehrerin zu machen. Doch schon als ich das zweite Kapitel schrieb, wollte ich wissen, wie das Buch von außen aussieht. Der Hals der Giraffe sollte wie ein Biologiebuch werden.

Das Buch mutet traditionell an, der Einband ist aus Leinen, der Titel ist geprägt, zu sehen ist das Skelett einer Giraffe. Spiegelt die Gestaltung die Geschichte?

Der Leineneinband der deutschen Ausgabe versucht, die Hauptfigur Inge Lohmark haptisch erfahrbar zu machen. Zunächst scheint das Buch abweisend, nehmen wir es jedoch zur Hand, fühlt es sich schön an. Das Gleiche wollte ich durch die Erzählperspektive erreichen. Wir sehen die Welt mit den Augen der Biologielehrerin Lohmark, von der wir zu Beginn des Buches denken: Die Frau ist ja grauenhaft, mit ihren sozialdarwinistischen Theorien. Doch nach und nach bauen wir eine Beziehung zu ihr auf und sie verliert ihre Monstrosität.

Texte brauchen Bilder

Wieso gibt es in „Der Hals der Giraffe“ Bilder?

Die Bilder sind Ikonen des Biologieunterrichts und haben den Schreibprozess eng begleitet. Ich musste sie zeigen: Das Kreuzungsschema zweier Rinderrassen – so eine Abbildung beeinflusst die Lektüre. Insofern stehen die Bilder auch für den pädagogischen Begriff der Anschaulichkeit.

Ist auch das Schreiben für Sie ein visueller Prozess?

Absolut! Ich habe eine Art analoge Copy-und-Paste-Methode entwickelt: Ich schreibe per Hand vor, übertrage die Notizen dann in den Computer, drucke sie aus und schneide das Geschriebene wieder auseinander, um es neu zu arrangieren. Aus den Bildern mache ich eine Wandzeitung.

Eine Wandzeitung?

Ja, das ist so ein DDR-Begriff: In der Schule gab es einen mit Leinen bespannten Keilrahmen, an dem Fotos und Artikel aufgehängt wurden. Ich muss das Buch immer wieder vor mir sehen.

Welche Rolle spielt das Sehen außerdem für Ihre Arbeit?

Es spielt eine sehr große Rolle! Intellektuell werden die visuellen Reize stets unten angesiedelt – das Abstrakte ist das Höchste und das Anschauliche ist für Kinder und Idioten. Daran stimmt was nicht. Es ist verrückt zu glauben, dass ein Text keine Bilder braucht.

Während des Studiums haben Sie ein Buch über Frakturschriften gemacht. Danach einen Matrosenroman, den „Atlas der abgelegenen Inseln“ und einen Bildungsroman – wie kommen Sie auf Ihre Themen?

Ich möchte mit jedem Buch zeigen, dass Wissenschaft auch Poesie ist und die Trennung zwischen Fakt und Fiktion nicht so eindeutig, wie wir glauben. Vielleicht dekliniere ich aber auch nur die Schulfächer durch (lacht). Für mich ist jedes Buch ein Forschungsprojekt: Ich recherchiere gern in der Staatsbibliothek Berlin und finde meine Themen in der Auseinandersetzung mit anderen Texten und Büchern.

Es ist schön, wenn Bücher dreckig werden

Ist das Buch für Sie Sammlerstück oder Gebrauchsgegenstand?

Beides. Wenn ich ein Buch kaufe, gebe ich ihm das Versprechen, es zu lesen. Aber ich bin absolut dagegen, Bücher als Fetischobjekte zu sehen und hinter Glas zu sperren. Es ist schön, wenn Bücher dreckig werden, wir auf ihnen Spuren hinterlassen. Das ist das Besondere an diesem Medium. Das können elektronische Bücher nicht.

Sind E-Books für Sie als Buchmacherin eine Herausforderung?

Nein, E-Books interessieren mich nicht. Aber jetzt müssen die Menschen endlich ein Bewusstsein für Bücher entwickeln, sich fragen, warum ein Text als gedrucktes Buch zur Welt gekommen ist und nicht als E-Book.

Wieso bevorzugen Sie das gedruckte Buch?

Weil es mir gemäß ist. Als Kind habe ich immer von einem Buch geträumt, das alle anderen Bücher ersetzt. Von einem totalen Buch, das mir sowohl sagt, wie ich in der freien Wildnis überlebe, als auch mir Trost in ängstlichen Momenten spendet. So ein Buch würde ich gerne schaffen.

Vielleicht wird es in Zukunft elektronisch möglich sein, das totale Buch zu schaffen …

Ach, ich bin eigentlich ganz froh, wenn ich dann nicht mehr da bin.

Judith Schalansky wird am 20. September 1980 in Greifswald geboren. Sie studiert Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Potsdam. Schon während ihres Studiums erscheint das Buch Fraktur mon amour (2006). Es folgen Blau steht dir nicht (2008) und der Atlas der abgelegenen Inseln (2009), mit dem sie einen ersten Preis beim Wettbewerb „Schönste Bücher des Jahres“ gewinnt. 2011 gelingt ihr der Durchbruch mit dem Roman Der Hals der Giraffe, der im Jahr 2012 als „Schönstes deutsches Buch“ ausgezeichnet wird. Ab Frühling 2013 gibt sie eine Buchreihe namens Naturkunden heraus.