binooki Verlag „Uns fehlt hier etwas“

Selma Wels und Inci Bürhaniye, die Günderinnen des binooki-Verlags, © Barbara Dietl
Selma Wels und Inci Bürhaniye, die Günderinnen des binooki-Verlags | Foto (Ausschnitt): © Barbara Dietl

binooki stellt türkische Gegenwartsliteratur auf Deutsch vor. Gegründet wurde der Berliner Verlag im Juni 2011 von zwei Schwestern, die keinerlei Erfahrungen mit der Verlagsbranche mitbrachten. Im Interview blicken Selma Wels und Inci Bürhaniye auf ein erfolgreiches erstes Jahr zurück und berichten von Zwergen, Trollen und Elfen in der türkischen Gegenwartsliteratur.

Zum Anfang ein paar Grundsatzfragen: Buch oder E-Book?

Selma Wels: E-Book.

Buchhandlung oder Online-Shop?

Inci Bürhaniye: Buchhandlung.

Pamuk oder Grass?

S.W.: Schwierig. Grass.

Frühjahrs- oder Herbstprogramm?

S.W.: Herbstprogramm.

I.B.: Mir ist das Frühjahrprogramm lieber.

Warum das?

I.B.: Vielleicht hat das etwas mit dem Rhythmus zu tun, mit der Leipziger Buchmesse, auf der wir in diesem Jahr zum zweiten Mal waren. Obwohl ich mich auch auf den Herbst freue, wenn ein Roman von Murat Uyurkulak bei uns erscheint. Uyurkulak ist ein toller, unkonventioneller Autor, der übrigens aus Aydın kommt, dem Heimatort unserer Eltern.

Wie hat Ihre Familie auf Ihr Vorhaben reagiert, einen Literaturverlag zu gründen?

I.B.: Durchweg positiv. Mit unserem Vater, der inzwischen in Izmir lebt, haben wir das aber auch nicht groß besprochen. Als der erste Artikel über binooki in der türkischen Presse erschien, haben wir ihn sofort angerufen – da war er wirklich stolz auf uns.

S.W.: Unsere Mutter lebt nicht mehr, sie hat uns eigentlich an die Literatur herangeführt. Über unseren Verlag hätte sie sich sehr gefreut.

Wer steckt hinter binooki?

I.B.: Wir beide – und natürlich einige freie Literaturübersetzer, Lektoren und Grafiker.

Wie teilen Sie sich die Verlagsarbeit auf?

I.B.: Unsere Vorkenntnisse ergänzen sich gut: Selma ist ausgebildete Betriebswirtin, ich arbeite als Wirtschaftsanwältin. Zwischen uns liegt ein kleiner Generationssprung – zwölf Jahre, die man schon merkt. Ich bin die Ältere, Selma ist etwas unbedarfter, flinker und flexibler mit den neuen Medien. Wir decken so unterschiedliche Bereiche ab.

S.W.: Konkret sieht das so aus: Ich bin rund um die Uhr mit dem Verlag beschäftigt, Inci zwei Tage die Woche, weil sie ihre Kanzlei noch weiterführt.

Türkische Literatur – vor allem Gegenwartsliteratur – auf Deutsch vorzustellen, damit haben Sie eine Lücke geschlossen. Sind Sie überrascht von der großen Presse- und Branchen-Resonanz?

I.B.: Ja, sind wir! Im letzten Jahr gab es mehr als 200 Beiträge über binooki in Zeitung, Fernsehen und Radio. Offenbar hat unser Verlag einen Nerv getroffen. Aber wir sind auch mit einer klaren Empfindung als Leser gestartet, mit dem Gefühl: Uns fehlt hier etwas. 2006 bekam Orhan Pamuk den Nobelpreis für Literatur zugesprochen, 2008 war die Türkei Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Und wir dachten: Wieso ist türkische Literatur in Deutschland trotz all dem so wenig präsent? Wieso wird so wenig übersetzt? Verwunderlich ist unser Erfolg also nicht, aber wir sind natürlich erleichtert.

Die Branche ist im Umbruch, bei vielen Verlagen ist eine Unsicherheit in Hinblick auf digitale Entwicklungen spürbar. Nicht so bei Ihnen: Alle Bücher werden gleichzeitig als E-Books angeboten – eine Selbstverständlichkeit?

S.W.: Ja, das finden wir enorm wichtig. Das gedruckte Buch ist zeitlos, aber ich glaube, dass die Zukunft digital ist. Davor sollte man keine Angst haben.

Twitter, Facebook, YouTube, ein eigener Blog: Mit großer Souveränität bespielen Sie die Sozialen Medien. Was versprechen Sie sich davon?

S.W.: Das Internet ist das Medium, mit dem wir in Dialog mit unseren Lesern treten und ungefiltertes Feedback bekommen können. Jeder, der sich bei uns meldet, bekommt direkt eine Antwort. Das ist authentisch. Wenn Leser anrufen, die gerade in der Nähe sind, können sie ihr Buch auch bei uns abholen – und ich serviere Kekse, wenn welche da sind.

Sie wurden gleich im ersten Jahr mit dem renommierten Kurt-Wolff-Förderpreis ausgezeichnet. In der Begründung heißt es, dass Sie zeigen, wie sich türkische und deutsche Kultur „ganz ohne Klischees“ miteinander in Verbindung bringen lassen. Haben Klischees auch ihr Gutes?

S.W.: Sie sind auf jeden Fall da. Doch Klischees, mit denen wir in Deutschland konfrontiert werden, sind oft nicht positiv. Zum Beispiel die Aussage: Sie sprechen ja so gut Deutsch. Das impliziert, das sei nicht normal bei Menschen mit türkischem Hintergrund. Obwohl ich hier geboren bin, muss ich mich plötzlich rechtfertigen. Nach 33 Jahren bin ich das leid.

Wer liest Ihre Bücher?

I.B.: Deutsch-deutsche Leser, was mich wahnsinnig freut. Denn das war von Anfang an unser Ziel. Naheliegend ist ja, dass die zweite oder dritte Einwanderer-Generation zu unseren Büchern greift. Aber die lesen oft gleich auf Türkisch – oder, wahrscheinlicher, schauen lieber fern. Manche erreichen wir aber. Das sehe ich an meinen Kindern, die einen deutschen Vater haben und sehr gern lesen – jetzt zum Beispiel auch etwas von binooki. Damit öffnet sich ein neuer Zugang zur Kultur ihrer Mutter.

Was macht türkische Literatur aus?

I.B.: Die Türken sind melancholisch und dabei sehr witzig – und gesellschaftskritisch. Das packen sie nicht nur in die Bücher, sie gehen dafür, wie wir es bei den jüngsten Ereignissen in Istanbul sehen, auch auf die Straße.

Zeigen sich im Verlagsprogramm Ihre individuellen Präferenzen?

I.B.: Ja, auch hier ergänzen wir uns. Selma schlägt oft junge Autoren vor, ich möchte immer mal wieder einen Klassiker dabei haben.

Frau Wels, auf welches Buch aus dem Herbstprogramm freuen Sie sich?

S.W.: Auf ein Buch, das etwas mit Klischees zu tun hat – mit meinen Klischees: Fantasy von einem türkischen Autor. Das gibt es nicht, dachte ich. Trotzdem haben wir da etwas gefunden. Und ich freue mich sehr, dass Zwerge, Trolle und Elfen auch in der Türkei einen Platz haben – und dass wir sie dem deutschen Publikum präsentieren dürfen.