Hannah Dübgen Gegenwartsautorin mit globalem Blick

Hannah Dübgen
Hannah Dübgen | Foto (Ausschnitt): © Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

Sie interessiert sich für gesellschaftliche Fragen, für das Leben in der vernetzten Welt – und für aktuelle politische Themen. Genaue Beobachtung, eine exakte und rhythmische Sprache zeichnen Hannah Dübgens Prosa aus. Die vielseitige Schriftstellerin hat auch als Librettistin und Theaterautorin Erfolg.

„Ich sehe Literatur als Prozess des genauen Blicks, als Wirklichkeitsannäherung durch Sprache an“, sagt Hannah Dübgen. Für ihre Beobachtungen findet sie eine klare und exakte Sprache, in der immer wieder britischer Humor aufblitzt. Fünf Jahre verbrachte die 1977 in Düsseldorf geborene Autorin in Oxford, studierte dort Literatur und Philosophie, ein Jahr lebte sie in Paris und beschäftigte sich intensiv mit der Theaterszene. Mit dieser Außenperspektive – auch auf die deutsche Sprache – wählt sie ihre Worte bewusst und durchdacht.

Sie formuliert klangvoll, musikalisch, strukturiert und rhythmisch. Die Basis dafür legte ein musikwissenschaftliches Studium in Berlin. In die Hauptstadt zog es Hannah Dübgen nach den Lehrjahren vor allem, weil sie als Schriftstellerin mit ihrem Werkzeug der Sprache im lebendigen Austausch stehen will. Für Dübgen konnte es nur Berlin sein, weil es für sie der speziellste Ort in Deutschland ist: international und weltoffen. Das Globale zieht sie an. Sie spricht schnell, formuliert aber immer eindeutig. Alle ihre Äußerungen sitzen, sofort merkt man, hier redet eine Frau, die gerne denkt und sich über vieles Gedanken gemacht hat.

Lettra.tv Interview mit Hannah Dübgen zu „Strom“

Gesellschaftliche Aspekte

Hannah Dübgen ist durch und durch eine Gegenwartsautorin, die sich für gesellschaftliche Aspekte und aktuelle Lebensformen in der vernetzten Welt interessiert – und auch für politisch brisante Themen: Die Konfliktzone Palästina/Israel stellt sie in den Mittelpunkt ihres 2013 erschienenen Debütromans Strom. „Mein Ansatz fürs Schreiben ist: Ich will dieses Land, diesen zwischenmenschlichen oder sozialen Konflikt anschauen, ihn beobachten und verstehen, ihn riechen und schmecken.“ Sie geht hier der für sie dringenden Frage nach: „Haben die Menschen auf der anderen Seite die gleiche Angst? Und können [die Palästinenser] nur noch weniger weg als die Israelis?“ Hannah Dübgen, die nur zufällig einen jüdischen Vornamen hat, erspürte selbst etwas von dem Leben in der gespaltenen Gegend während eines Israelaufenthalts. In der Artists Residence Herzliya bei Tel Aviv verfasste sie das erste Israelkapitel von Strom.

In ihrem Prosadebüt verknüpft Hannah Dübgen Schicksale von vier Protagonisten. Sie kommen aus verschiedenen Kulturen und Zeitzonen, scheinen weit voneinander entfernt zu sein, und dennoch haben sie Gemeinsamkeiten. Dem Roman steht der Leitsatz voran: „Nah oder fern gibt es nicht mehr, nur noch nah oder fremd.“ Das Ferne ist nicht unbedingt das Fremde, das gemeinsame Wissen ist via Internet teilbar, Erfahrungen aber muss man selbst machen. Wie bei einem Streichquartett bekommt jede Figur im Roman eine eigene Stimme. Diese musikalische Form zu übernehmen, lag Hannah Dübgen nah. Vier Erzählstränge auszulegen, zu halten und zusammenzuführen, schließlich zu einem klangvollen Werk auszuformen, setzt die in der Musik geschulte Autorin mit leichter Hand und virtuos um.

Gefragte Librettistin

Das Musiktheater ist eine andere künstlerische Welt, in der Hannah Dübgen zuhause ist. Sie hat bereits Textbücher für drei abendfüllende Opern geschrieben und ist eine gefragte Librettistin. Dabei hat sie so namhafte Künstler wie den japanischen Komponisten Toshio Hosokawa und die deutsche Choreografin Sasha Waltz mit einem Stoff aus dem japanischen Nō-Theater zu einer Tanzoper inspiriert. Komponisten wie Moritz Eggert und Jörn Arnecke setzen ihre Texte in Töne um. Für Arneckes Oper Kryos beispielsweise imaginiert Hannah Dübgen das Gesellschaftsthema Klimawandel in das 23. Jahrhundert. Von der Kritik bekam sie viel Lob für ihre eigens erfundene Spektralsprache.

Seit ihrem Studium arbeitet Hannah Dübgen als freie Dramaturgin an verschiedenen Theatern – und inzwischen auch als Dramatikerin: Ihr erstes eigenes Schauspiel Gegenlicht wurde gleich ins Rampenlicht gerückt. 2008 erhielt sie eine Nominierung für den Dramatikerpreis des Theaters Klagenfurt. Nur fünf Jahre später, 2013, spielte Österreich wieder eine wichtige Rolle für die Autorin – beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis präsentierte sie den Text Schattenlider. Zwar konnte sie sich bei der Fachjury nicht durchsetzen, aber das Publikum ließ sich vom Vortrag der sprachfreudigen Theaterfrau Dübgen in den Bann der Geschichte um ein Kind ziehen, das mit leeren Augenhöhlen geboren wird.

2013 machte Hannah Dübgen sich noch zwei weitere Male einem größeren Publikum bekannt: Sie wurde für den Klaus-Michael-Kühne-Preis für Romandebütanten nominiert. Für Strom erhielt sie im Herbst den Förderpreis für Literatur ihrer Geburtsstadt Düsseldorf mit den Worten: „Hannah Dübgen erzählt bewegend und mit immenser Kraft […] von dem Strom, der unsere Zeit ist.“