Komische Literatur Humorfeindlich? Deutsche Kritiker und komische Literatur

Jakob Hein
Jakob Hein | Foto (Ausschnitt): © Katharina Behling

Vertreter des komischen Fachs werden konsequent gering geschätzt, klagen die Autoren Jakob Hein und Jürgen Witte. Geht es in den Feuilletons und Literaturpreis-Jurys wirklich so engstirnig zu?

Was verbindet Uwe Tellkamp, Ursula Krechel und Terézia Mora? Was Friedrich Christian Delius und Martin Mosebach? Natürlich, sie gehören zu den prägenden Figuren des zeitgenössischen Literaturbetriebs – und sie haben mit dem Georg-Büchner-Preis oder dem Deutschen Buchpreis eine der wichtigsten Auszeichnungen der Szene gewonnen. Nicht, dass die Schriftsteller-Kollegen Jakob Hein und Jürgen Witte ihre Verdienste in Abrede stellen würden. Und doch unterstützt die Liste der genannten Preisträger indirekt ihre These eines chronischen Missstands in der deutschen Literatur-Rezeption.

In ihrem 2013 veröffentlichten Buch Deutsche und Humor. Geschichte einer Feindschaft werden die beiden deutlich. „Kaum jemals wurde bisher komische Literatur mit ernstzunehmenden Auszeichnungen gewürdigt“, heißt es da. Konsequent werde humorvolle Kunst gering geschätzt. Um Missverständnisse zu vermeiden: Hein und Witte geht es nicht um das Klischee des humorlosen Deutschen oder einen Mangel an hochwertiger Komik. Was sie monieren, sind die fehlende Anerkennung seitens der Kritik und die ausbleibenden hohen Ehrungen. In 60 Jahren Georg-Büchner-Preis habe es zwar zahlreiche Gewinner gegeben, „die mit unfreiwilliger Komik in Erscheinung getreten sind, aber höchstens drei, die bewusst humorvoll zu nennen sind“. Auch unter den nominierten Werken zum seit 2005 vergebenen Deutschen Buchpreis hätten sich bis dato „gerade mal drei humorvolle Bücher“ befunden.

Ein bisweilen verkrampfter Umgang

Ist diese Klage zutreffend? Selbst einer der Adressaten ihrer Beschwerde gibt Rückendeckung. Uwe Wittstock, etablierter Literatur-Kritiker und Literatur-Chef des Nachrichtenmagazins Focus war oft Mitglied von Jurys und bestätigt, dass es in den Beratungszimmern eher verkniffen zugeht. „Es ist erstaunlich, wie groß die Widerstände gegen komische Kunst sind“, sagt Wittstock. So habe er bei einer Juroren-Debatte zum Deutschen Buchpreis den Satz gehört, dass ein Werk, das eine große Öffentlichkeit erreiche, schlechte Literatur sein müsse.

Wittstock seinerseits hat ein Faible für Dichter offensiven Humors, er schätzt Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und andere aus dem Umkreis der Satirezeitschrift Titanic. Dem im Jahr 2006 verstorbenen humoristischen Poeten und Zeichner Robert Gernhardt verschaffte er den Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg. „Das durchzusetzen, war gar nicht so leicht“, erinnert sich Wittstock. In diesem Zusammenhang lohnt auch der Rückblick auf die Verleihung des Kleist-Preises im Jahr 2008 an den Schriftsteller und Satiriker Max Goldt. Der Geehrte quittierte den Preis mit einem saloppen „Passt schon“, was den Kritiker Thomas Steinfeld zu einer Gegenrede in der Süddeutschen Zeitung veranlasste, weil es aus seiner Sicht eben nicht passte. Für Wittstock ist das ein weiterer Beleg für einen nach wie vor verkrampften Umgang mit dezidiert humorvoller Kunst. „Der Wunsch der Stifter ist es, dass der Preis einen hohen Rang haben soll. Dann werden lieber Namen von großen Literaten ausgesucht, die helfen, den Preis hoch zu heben.“

Auch Rezensenten müssen manchmal „herzhaft lachen“

Doch geht es wirklich immer und überall so engstirnig zu? Ja, meinen Hein und Witte und erweitern das Blickfeld: „Helge Schneider, Sven Regener, Karen Duve, Wladimir Kaminer oder Heinz Strunk werden von unzähligen Fans gefeiert, nur nicht als Künstler geehrt“, schreiben sie. Das aber lässt sich kaum aufrechterhalten. Seit Duves Regenroman, seit Regeners Herr Lehmann sind gerade diese beiden durchaus Lieblinge des Feuilletons. Doch Hein und Witte gehen noch weiter und beklagen, dass ein Rezensent sich niemals trauen würde zu schreiben, „wie herzhaft er gelacht“ oder „gegluckst“ habe. Allerdings muss man sich nur einmal die Rezension von Volker Weidermann, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zu Jochen Schmidts Roman Schneckenmühle von 2013 anschauen und wird auf genau eine solche Formulierung stoßen.

Rainer Moritz, ebenfalls Literaturkritiker und Leiter des Literaturhauses Hamburg, sieht daher eigentlich keinen Anlass mehr, von einer Ächtung komischer Literatur zu sprechen. „Das hat es bestimmt eine Zeit lang gegeben, aber frühere Restriktionen sind doch stark aufgeweicht worden. Heute ist es für komische Literatur sehr viel leichter.“ Sicher, auch Moritz fällt auf, dass beim Deutschen Buchpreis komische Literatur bislang kaum eine Rolle spielte. Zugleich erinnert er an die Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preises 2008 an Tilman Rammstedt, einen Autor, der zu den heitereren Vertretern seiner Zunft gehört, und verweist auf Wolf Haas, der 2013 den Bremer Literaturpreis erhielt.

Wie steht es also mit Achtung und Akzeptanz des Komischen im Literaturgeschäft? Keine Frage: In die Sache ist Bewegung gekommen. Trotzdem wird es wohl noch eine Weile dauern, bis sich die Forderung von Hein und Witte erfüllt, es möge doch bitte ausschließlich zwischen guter und schlechter und nicht zwischen ernster und komischer Kunst unterschieden werden.
 

Hein, Jakob und Jürgen Witte: Die Deutschen und der Humor. Geschichte einer Feindschaft; Galiani, 2013.