Jüdisches Leben in Berlin „Israelis gehen nach Berlin, nicht nach Deutschland“

Professor Anat Feinberg forscht über hebräische und jüdische Literatur.
Professor Anat Feinberg forscht über hebräische und jüdische Literatur. | Foto (Ausschnitt): © privat

Anat Feinberg, Professorin für Hebräische und Jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, spricht über das Interesse junger israelischer Autorinnen und Autoren an Deutschland.

Frau Feinberg, viele junge Israelis kommen heute nach Deutschland, mehrere tausend leben derzeit allein in Berlin – unter ihnen sind sehr viele Kreative. Woher rührt dieses Interesse an Deutschland?

Neben dem Bedürfnis vieler junger Israelis, eine Zeit außerhalb Israels zu leben, besonders nach dem langen Dienst in der Armee, spielt auch die Neugierde, etwas anderes zu entdecken, eine wichtige Rolle. Dazu kommt noch der Ruf Berlins als eine spannende, inspirierende Stadt. Begeisterten sich junge Israelis jahrelang für Indien oder für den fernen Osten, so ist deren Ziel seit etwa zehn Jahren Berlin.

Welche Rolle spielt dabei die deutsche Geschichte?

In Israel wurden die deutsche Sprache und die deutsche Kultur lange Zeit tabuisiert. Bis heute gibt es in Israel keine Germanistik. Die Menschen, viele von ihnen junge Leute, die Deutsch als Fremdsprache lernen möchten, besuchen die Sprachkurse am Goethe-Institut, das sich vor Anfragen kaum retten kann. Ob das nun als Reaktion auf die jahrzehntelange Tabuisierung verstanden werden kann, weiß ich nicht.  

Berlin als exterritorialer Raum

Warum muss es Berlin sein und keine andere deutsche Stadt?

Berlin war eine Zeit lang für Israelis billig, besonders hinsichtlich der Mietkosten sowie des Lebensunterhalts. Dazu reizt Berlin als eine kosmopolitische und multikulturelle Stadt. Ähnlich wie Tel Aviv nicht mit dem Land Israel gleichgesetzt werden kann, so ist Berlin für viele Israelis quasi ein exterritorialer Raum. Sie würden nicht unbedingt sagen, dass sie nach Deutschland gehen, sondern: Sie gehen nach Berlin. Das ist natürlich paradox, weil keine deutsche Stadt historisch so „belastet“ ist wie Berlin.

Setzen sich die jungen Israelis mit der Geschichte auseinander?

Die Auseinandersetzung ist unvermeidlich – und das ist gut so. Auf diese Weise entstehen auch wichtige Kunstwerke. In ihrem Dokumentarfilm Schnee von gestern, der im Frühjahr 2014 in die deutschen Kinos gekommen ist, deckt Yael Reuveny ihre Familiengeschichte auf, von der sie selbst kaum etwas wusste. Dabei waren einige Mitglieder ihrer Familie keineswegs von dieser Spurensuche begeistert. Das ist eine Reaktion, die vor allem bei älteren Israelis anzutreffen ist; sie können kaum begreifen, dass ihre Kinder und Enkelkinder nach Deutschland fahren wollen. Fania Oz-Salzberger hat bereits 2001 ein Sachbuch über Israelis in Berlin veröffentlicht. Und Yoram Kaniuk erzählt in Der letzte Berliner von seinen Begegnungen in Berlin und in Deutschland. Schaut man sich die Liste der Bücher aus den letzten zwei, drei Jahren an, so zeigt sich, dass Deutschland ein „heißes“ Thema der zeitgenössischen hebräischen Literatur ist. Zu erwähnen wäre beispielsweise der Roman Gute Leute von Nir Baram, in dessen Mittelpunkt ein scheinbar ganz „gewöhnlicher“ Deutscher während der Nazi-Zeit steht. Shifra Horn erzählt in Tanz der Skorpione über einen Israeli, der seiner deutschen Geliebten nach Berlin folgt.

Wie ist denn das emotionale Verhältnis der Israelis zu Berlin?

Es ist eine Art Hassliebe. Sie sind hin- und hergerissen. Sie fangen an, sich mit der Vergangenheit intensiv zu beschäftigen, aber der Holocaust spielt da nicht mehr die einzige Rolle. Viele schätzen die Offenheit Berlins, auch gegenüber Randgruppen wie Schwulen oder Lesben. Andere, besonders Künstler, schätzen die Möglichkeiten und die Anregungen, die Berlin ihnen offensichtlich bietet. Übrigens erscheint in Berlin inzwischen sogar eine Zeitschrift auf Hebräisch, Spitz genannt. Viele richten sich zum Bleiben ein.

Literatur als Beitrag zur Versöhnung?

Gibt es einen stilistischen Einfluss der deutschen Literatur?

Den größten Einfluss auf die israelischen Schriftsteller hat noch immer die US-amerikanische Literatur. Erst in den Siebzigerjahren begann man, deutsche Prosa ins Hebräische zu übersetzen – hauptsächlich Günter Grass, Heinrich Böll und Siegfried Lenz. In den Neunzigerjahren kam erst richtig Schwung in die Sache.

Kann die Literatur zur Versöhnung beitragen?

Sie ist zumindest ein interessanter Schauplatz. Und sie lässt den neugierigen Leser etwas über ein anderes Land und eine andere Mentalität erfahren. Doch im Grunde spielt in der Literatur ein anderes Kriterium eine Rolle, nämlich die Frage, ob das Buch gut oder schlecht ist.