Katharina Hagena Schlaflose Momente

Erinnern und Vergessen als Leitmotiv: die Autorin Katharina Hagena.
Erinnern und Vergessen als Leitmotiv: die Autorin Katharina Hagena. | Foto (Ausschnitt): © Henrik Spohler

Katharina Hagena schrieb sich mit „Der Geschmack von Apfelkernen“ in die internationalen Bestsellerlisten und zeigt sich auch in ihrem zweiten Roman „Vom Schlafen und Verschwinden“ als begnadete Erzählerin.

Gerade wenn man nicht so weit ausholt, glückt manchmal der ganz große Wurf. Katharina Hagena, 1967 in Karlsruhe geboren, ist eigentlich auf dem Weg zur Professur, als ihr im Jahr 2008 mit Der Geschmack von Apfelkernen ein sensationeller Erfolg gelingt. Publikum und Presse feiern ihren Roman, der um das Schicksal dreier Generationen kreist; 2013 schafft es die bislang 1,5 Millionen Mal verkaufte und in 25 Sprachen übersetzte Familiengeschichte ins Kino. Poesie erhält jedoch nicht erst mit ihrem Romandebüt Einzug in Hagenas Arbeitsalltag: Die Autorin promoviert 1995 über Ulysses von James Joyce, anschließend führt ein Lektorat des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) die Literaturwissenschaftlerin zwei Jahre an das Trinity College in Dublin. Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Lüneburg folgen. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin in Hamburg. Neben zwei Romanen gehören auch Sach- und Kinderbücher zu ihrem Werk.

Schmaler Grat

In Hagenas Romanen entfaltet mal die Erinnerung, mal das Vergessen eine zerstörerische Wirkung – ein Balanceakt, der immer wieder neu austariert werden muss. In Der Geschmack von Apfelkernen kehrt Ich-Erzählerin Iris nach dem Tod ihrer Großmutter Bertha an den Ort ihrer Kindheit zurück. Dort, in Berthas altem Haus, verbrachte sie mit ihrer Cousine Rosmarie die Sommerferien – bis zu Rosmaries tragischem Tod. Nach und nach schlägt Iris die Kapitel der Familienchronik auf. Darin findet sie die Geschichten von Bertha, deren Persönlichkeit sich in der Demenz verliert, von der attraktiven Tante Inga, aus deren Händen beim Berühren Funken sprühen, und von Tante Harriets folgenschwerer sexueller Befreiung. Doch erst als Iris sich in den Kleidern ihrer Tanten der eigenen Vergangenheit stellt, bietet Berthas Haus genügend Raum für die Zukunft: Gemeinsam mit Max, dem Bruder von Rosmaries Jugendfreundin, gründet Iris dort ihre eigene Familie. Trotz der Todesfälle ist der Roman so bunt und lebensbejahend wie Berthas Garten, dessen Pflanzen eng mit dem Schicksal der Familie verwurzelt sind. Mit dem Tod von Berthas Schwester wechseln die Johannisbeeren über Nacht ihre Farbe und auch die reifen Boskopäpfel künden eine Zeitenwende an.

Anders in Hagenas zweitem Roman. Bei ähnlicher Leitmotivik – auch hier bilden Momente des Erinnerns und Vergessens das thematische Gerüst – schlägt die Autorin in Vom Schlafen und Verschwinden eher düstere Töne an. Die Leichtigkeit weicht der Schwere des Schlafs, die der Schlafforscherin Ellen fehlt: In einer ruhelosen Nacht lässt die Ich-Erzählerin ihr Leben Revue passieren, sinniert über ihr gegenwärtiges Leben in Hamburg und ihre Vergangenheit in Grund, einem Dorf am Oberrhein. Immer wieder tun sich mysteriöse Untiefen auf, vor allem durch das Verschwinden von Lutz, dem Vater ihrer Tochter Orla. Licht ins Dunkel bringen zwei weitere Erzähler: Marthe, Mutter von Lutz, und Ellens Jugendfreund Andreas. Beide singen im Chor von Ellens Vater Joachim, der mit Come, heavy sleep des Komponisten John Dowland seine demente Frau Heidrun aus dem Koma zu holen versucht. Dabei dient auch in diesem Roman die Natur als emotionale Projektionsfläche: „In den Bewegungen der Hälse der Graureiher sehe ich manchmal den Schriftzug seines Namens. LUTZ“, schreibt Marthe in ihr Chortagebuch.

Meer von Zeichen

In den detailreichen Schauplätzen – Hamburg und der oberrheinischen Provinz – verarbeitet Hagena autobiografische Fragmente. Und die Reise durch ein Meer von Zeichen, die Ich-Erzählerin Ellen mit dem Leser in ihrer schlaflosen Nacht unternimmt, erinnert an den Gegenstand von Hagenas wissenschaftlicher Laufbahn: In Ulysses beschreibt James Joyce einen Tag im Leben des Leopold Bloom und seine Irrfahrten durch Dublin. Der fiktionalen Qualität der Geschichte tut das keinen Abbruch, reflektieren Hagenas Romane doch ihrerseits das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit: „Wie wahr waren Geschichten, die einem erzählt wurden, und wie wahr die, die ich mir selbst aus Erinnerungen, Vermutungen, Phantasien und heimlich Erlauschtem zusammenreimte?“, fragt Iris in Der Geschmack von Apfelkernen. Und Ellen stellt in Vom Schlafen und Verschwinden fest: „Irgendetwas habe ich verpasst, verpeilt, verpennt, aber was?“

Hagena glänzt mit dieser Erzählhaltung, die den klug angelegten Familienchroniken Kontur verleiht: Gegenwart und Vergangenheit spinnt sie zu einem transparenten Gewebe, das einen tiefen Blick in das Seelenleben der Figuren gewährt. Die Autorin arbeitet virtuos mit den Charakteren, verstrickt sie in Geheimnisse, beschert ihnen schlaflose Momente und ein schmerzhaftes Erwachen. Die Texte sind voll kluger Metaphorik und sprachlicher Brillanz. Die ersten Seiten ihres zweiten Romans kosten durch die verschiedenen Zeitebenen und Erzähler etwas Mühe, die es sich aber zu investieren lohnt. Eine spannende Lektüre.