Hanns-Josef Ortheil Vom Leben erzählen

Hanns-Josef Ortheil
Hanns-Josef Ortheil | Foto (Ausschnitt): Peter von Felbert

Seine häufig autobiografischen Romane stoßen beim Publikum auf Begeisterung, bei den Kritikern mitunter auf Erstaunen. Für die deutsche Gegenwartsliteratur jedenfalls ist Hanns-Josef Ortheil eine Bereicherung.

Er schreibt häufig über sein eigenes Leben, ohne sich um sich selbst zu drehen. Der 1951 in Köln geborene Hanns-Josef Ortheil gehört fraglos zu den produktivsten und reflektiertesten Autoren, die die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu bieten hat. Seit er 1979 mit Fermer debütierte, hat er sich in unterschiedlichen Erzählspielarten erprobt. So schrieb er historische Romane wie Faustinas Küsse, die seine breite literarische und künstlerische Bildung spiegeln, versuchte sich an Gegenwartspanoramen wie Schwerenöter und ließ es sich vor allem in den vergangenen Jahren nicht nehmen, in autobiografischen Romanen die Anfänge und Erfahrungen seiner künstlerischen Laufbahn wieder und wieder literarisch zu verarbeiten.

Schlüsseltext dieser Anstrengungen ist der Roman Die Erfindung des Lebens von 2009, dessen Protagonist Johannes Catt in den 1950er-Jahren als Sohn eines Vermessungsingenieurs und einer Bibliothekarin in Köln aufwächst. Obwohl die Catts auf typische Weise an der Wirtschaftswunderzeit teilhaben, führen sie ein Außenseiterdasein. Nach dem Verlust von vier Söhnen, im Krieg und im Wochenbett, ist die Mutter verstummt – und mit ihr Johannes, der seit seinem dritten Lebensjahr kein Wort mehr spricht. So folgt der Alltag der Familie eigenen Ritualen: Vater und Mutter verständigen sich über Notizzettel, während Mutter und Sohn einen Geheimbund bilden, der von der Angst der Mutter geprägt ist, auch ihr fünftes Kind zu verlieren.

Der Traum von der Pianisten-Karriere

Johannes und seine Mutter sondern sich ab, verbringen Stunden am Rheinufer, wo der Junge seine Beobachtungsgabe schult. Angeleitet von der Mutter schickt sich Johannes an, ein „Stern am Pianistenhimmel“ zu werden. Er erhält Unterricht von einem renommierten Musikpädagogen und gewinnt endlich seine Sprache wieder.

Kenner von Hanns-Josef Ortheils Biografie wissen es: Die Musikerkarriere konnte Ortheil, wie sein Held Johannes, nicht weiterverfolgen. Eine Sehnenscheidenentzündung zwang ihn dazu, seine Studien abzubrechen. Das Schlusskapitel des Romans zeigt Johannes in desaströsem Zustand. Er beginnt frühere Aufzeichnungen umzuschreiben und einen ersten Roman zu konzipieren. Man lädt ihn zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt ein, und mit einem Mal wendet sich das Blatt. Der unvollendete Pianist, der nicht weiß, was er studieren soll, findet eine neue Berufung.

Natürlich ist Die Erfindung des Lebens keine Autobiografie im eigentlichen Sinne, doch die Eckdaten von Ortheils Werdegang lassen sich an diesem Roman gut ablesen. Ortheil ist der klassische Fall eines poeta doctus, eines gelehrten Dichters, der in vielen Kunstrichtungen versiert ist. Als promovierter Literaturwissenschaftler war er jahrelang Assistent an der Universität Mainz, schrieb Kritiken und Essays. Heute ist Ortheil Direktor des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim, die neben dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig als Hort der jungen deutschen Gegenwartsliteratur gilt.

Keiner literarischen Strömung zuzurechnen

Trotz dieser Anbindung an den Literaturbetrieb hat sich der unter anderem mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnete Ortheil nie von diesem vereinnahmen lassen. Unbeirrt schrieb er an seinem keiner Strömung zuzurechnenden Werk fort und verblüffte die Kritiker vor allem mit einer Trilogie von Liebesromanen (Die große Liebe, 2003; Verlangen nach Liebe, 2007; Liebesnähe, 2011). Diese erreicht ihren Höhepunkt in einem oberbayerischen Schloss, wo zwei Liebende unaufhaltsam und ohne Irritation den Weg zueinander finden – eine harmoniesüchtige, ästhetisch durchdrungene Provokation für die von Scheitern und Zerfall geprägte Gegenwartsliteratur.

Eine Besonderheit in Ortheils Werk stellt die Publikation von Aufzeichnungen dar, die er bereits als Jugendlicher verfasste. Als Siebenjähriger hatte er, um dem biografischen Desaster des Verstummens entgegenzuwirken, damit begonnen, Tag für Tag sein „flackerndes Denken und Fühlen“ in Notizbüchern festzuhalten. Im Jahr 2010 publizierte Ortheil eine erste Probe dieser frühen Arbeiten, das Resümee einer Fahrt an die Mosel, die er 1963 mit seinem Vater unternahm und die er aus den Notizen zu einer geschlossenen Erzählung, der Moselreise, formte. Ein Jahr nach dieser waren Vater und Sohn wieder unterwegs, diesmal in Berlin. Wieder sortiert der jetzt 14-Jährige seine Eindrücke und präsentierte seinem Vater als Weihnachtsgeschenk die Berlinreise, welche 2014 publiziert wurde. Dieses Zeugnis eines hoch begabten, genau beobachtenden Kindes fängt auf großartige Weise das geteilte Berlin der 1960er-Jahre ein und erzählt zugleich von einer einmalig intensiven Vater-Sohn-Beziehung. Es zeigt die Anfänge eines Schriftstellers, der viel zu erzählen hat, sich seiner der Tradition verpflichteten Mittel bewusst ist und sich nicht an dem orientiert, was angesagt ist. Allein deshalb lohnt es sich, seine Bücher zu lesen.