Ulrike Edschmid Nähe und Distanz

Ulrike Edschmid
Ulrike Edschmid | Foto (Ausschnitt): Jan-Philipp Strobel, picture alliance / dpa

In zurückhaltendem, beinahe kühlem Ton erzählt die Autorin Ulrike Edschmid von der linksradikalen Bewegung im Deutschland der 1970er-Jahre – in die ihr eigener Lebensgefährte verstrickt war.

„Ich lebe in einem kritischen Abseits“, gab Ulrike Edschmid einmal zu Protokoll. Damit markiert die Autorin nicht nur ihre Distanz zum Jetset des Kulturbetriebs, zu den wechselnden literarischen Moden und den politischen Erregungskurven, sondern auch ihren Abstand zur Zeitgeschichte. Einst selbst in die Ereignisse der 1960er- und 1970er-Jahre involviert, nimmt sie immer wieder Stoffe aus der jüngeren Vergangenheit auf.

Von den Feuilletons aufmerksam verfolgt, hat die 1940 in Berlin geborene Autorin das sich selbst auferlegte Distanzgebot in dem Roman Das Verschwinden des Philip S. von 2013 erneut unter Beweis gestellt. Es geht darin um den aus Zürich stammenden Philip Werner Sauber, dem Edschmid 1967 als Studentin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin begegnete, und der 1975 unter ungeklärten Umständen durch Polizeikugeln ums Leben kam. Sie sei es nicht dem einstigen Lebensgefährten schuldig gewesen, sich in die Vergangenheit zu versenken, sondern sich selbst, so Edschmid. Jahrelang habe das Foto auf dem Terroristensteckbrief sie verfolgt, doch es hat 40 Jahre gedauert, bis Das Verschwinden des Philip S. – schon der Titel bleibt im biografisch Vagen – realisiert wurde.

Entscheidung für ein Leben im Untergrund

Der zurückhaltende, Intimitäten aussparende und poetisch fast unterkühlte Bericht führt vom idyllisch wirkenden Italien in das politisch aufgeheizte Berlin, wo nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke 1968 die Welt nicht mehr so ist wie noch am Tag zuvor. Gewalt und Argwohn zersetzen alles Vertrauen und nötigen zur Entscheidung, der sich Philip S. bereitwillig unterwirft: Die Liebesbeziehung gerät in eine schwere Krise, als er sich für ein Leben im Untergrund entscheidet. „Er tut es ohne Not“, schreibt die Autorin im Rückblick. Sie hat ihn allerdings auch nicht zurückgehalten oder verurteilt. Das hat ihr den Vorwurf eingebracht, die linksradikale Bewegung der 1970er-Jahre zu idealisieren.

Philip S., damals gerade 20 Jahre alt, ist einer der wenigen männlichen Helden in Ulrike Edschmids Werk. Nur ihrem 1966 verstorbenen Schwiegervater, dem Schriftsteller Kasimir Edschmid, wird ähnliche Ehre zuteil. Dabei ist es die Paarbeziehung, die in dem aus einem Briefwechsel entstandenen Dialogroman „Wir wollen nicht mehr darüber reden …“ von 1999 im Mittelpunkt steht. Das Buch bezieht die Lebensgefährtin Erna Pinner, die mit Kasimir Edschmid als ein Traumpaar der 1920er-Jahre galt, gleichwertig ein.

Mit Paaren hatte die schriftstellerische Laufbahn von Ulrike Edschmid, die nach dem Ausflug zum Film und in die Pädagogik Literaturwissenschaften studierte, überhaupt erst begonnen. Besser gesagt mit den Frauen von Schriftstellern, die im Schatten ihrer Männer lebten und später oft als deren Nachlassverwalterinnen agierten. Die langen Gespräche, die Edschmid mit ihnen führte, sind in die Bände Diesseits des Schreibtischs (1990) und Verletzte Grenzen (1992) eingegangen. Die Autorin interessierte sich dabei vor allem für die Rollen der Frauen als Musen, Zuarbeiterinnen und Sekretärinnen von Männern, die ohne das weibliche Coaching, ohne stabilisierende Instanz durch die Frau an ihrer Seite kaum die bekannte Produktivität entwickelt hätten. Im Gravitationsfeld eines berühmten Mannes zu leben, nötigte den Ehefrauen Unterordnung, Geduld und Selbstverleugnung ab. Denn „ein schreibender Mann“, so die Literaturwissenschaftlerin Barbara Hahn im Vorwort zu Diesseits des Schreibtischs, „braucht eine nicht-schreibende Frau an seiner Seite, die das Leben organisiert, während schreibende Frauen meist alleine leben“.

Die Mutter als Inbegriff weiblicher Autonomie

Eine, wenn zwar nicht schreibende, so doch überaus emanzipierte Frau war Ulrike Edschmids Mutter, die sich mit ihren beiden Kindern während des Zweiten Weltkriegs in eine Burg in der Rhön geflüchtet hatte und sich in der Nachkriegszeit mit Webarbeiten durchschlug. In Die Liebhaber meiner Mutter (2006) erzählt die Tochter von einer Frau, die trotz Not und Elend auf ein Stück Leben beharrt, indem sie sich mit wechselnden Partnern zusammentut und dennoch auf ihrer Autonomie besteht: „Meine Mutter gehörte zu den Frauen“, erinnert sich Edschmid, „die nie verlassen wurden.“

Dass sich Frauen wiederum völlig aus ihrer angestammten Lebensbahn katapultierten, um aus der Illegalität heraus die ihnen verhasste Gesellschaft zu bekämpfen, hat Ulrike Edschmid viel beschäftigt. Die Frau mit Waffe ist ihr biografisch zwar nicht unbekannt, aber doch fremd. Mit der ihr eigenen Diskretion näherte sie sich 1996 Astrid Proll und Katharina de Fries, ehemals Mitglieder der Rote Armee Fraktion. Das Buch ist bereits Philip S. gewidmet – eine Art Vorläufer vielleicht, bis sich die Autorin wirklich auf die sie selbst betreffende Geschichte einlassen konnte.