Preis der Leipziger Buchmesse Guntram Vespers Roman „Frohburg“

Autor Guntram Vesper
Autor Guntram Vesper | Foto (Ausschnitt): © Volker Poland c/o Schoeffling & Co.

Mit „Frohburg“ hat der Autor Guntram Vesper sein Lebenswerk verfasst. Der Roman ist eine autobiografische Erkundungstour in seine Kindheit und Jugend sowie in die Welt seiner Eltern und Großeltern.

Als Guntram Vesper Mitte der 1980er-Jahre vom damaligen Zeit-Feuilletonchef Fritz J. Raddatz in seinem Haus in Göttingen besucht wurde, musste er sich, so scheint es, wegen seines Lebensmittelpunkts abseits der literarischen Zentren fast ein wenig rechtfertigen. „Wirklichkeit ist überall“, erklärte Vesper seinem weltläufigen Besucher, „sie ist in Berliner Kneipen, ist aber genausogut bei meinen alten Eltern, die ich regelmäßig besuche und die mir dann ganz und gar unglaubliche Geschichten aus ihrem Nest Frohburg erzählen.“

In diesem „Nest“, zwischen Leipzig und Chemnitz in Sachsen gelegen, wurde Guntram Vesper 1941 geboren. Hier hat er seine Kindheit und Jugend verbracht, bis seine Eltern 1957 mit ihm und seinem jüngeren Bruder Ulrich in die Bundesrepublik flüchteten. Nach Stationen in Gießen und Friedberg wollte Vesper in Göttingen Medizin studieren, brach dieses Studium zugunsten des Schreibens aber ab.

Die Geschichten, die ihm seine Eltern erzählt hatten, versammelte er 1985 in einem Lyrikband, der den Namen des 11.000 Einwohner zählenden Ortes im Titel trägt: Frohburg. Im ersten Gedicht heißt es: „Die alten Geschichten. So viele/Weit weg und sehr nahe.“ In einem anderen Gedicht des Bandes: „Auf dem Weg in die Schule/durch Thälmannstraße/Schlossergasse, Hintergraben/dem fernen Dröhnen aller/Aufmärsche und Umzüge nach/sah ich die Stadt wie/mich selber/halb ja und halb/nein.“

Autobiografische Erkundungstour

Guntram Vesper ist seiner Geburtsstadt immer nahe gewesen, spiegelte sich selbst darin. So hat sich Vesper in den vergangenen Jahren ein weiteres Mal schreibend nach Frohburg begeben, auf eine autobiografische Erkundungstour in seine Kindheit und Jugend, aber auch in die Welt seiner Eltern und Großeltern. Wie der Gedichtband heißt dieser Roman Frohburg – und wie damals, als die Eltern ihn mit Geschichten versorgten, wollte Vesper sich einmal mehr nicht nur auf sich selbst verlassen. In Frohburg, so sagt es eine seiner Figuren, „habe ich nicht nur die Augen und Ohren, hier sprudelt für mich auch mehr als eine Quelle, mitteilen kommt von teilen, abgeben, weitergeben, so sind wir nun mal, Versteckspiel ist nicht unbedingt unsere Sache.“ 
 
  • Guntram Vesper mit seiner Mutter Erika © Archiv Guntram Vesper
    Guntram Vesper mit seiner Mutter Erika
  • Guntram Vesper 1953 © Archiv Guntram Vesper
    Guntram Vesper 1953
  • Frohburg © Archiv Guntram Vesper
    Frohburg

Dieser 1.002 Seiten zählende Erinnerungsroman ist Vespers Opus magnum, in jedweder Hinsicht. Ein Buch voll mit deutscher Geschichte und Geschichten, „mit Abweichungen, Abirrungen, unzähligen Fassungen, von Widersprüchen durchsetzt, von Verschleierungen überzogen“, wie Vesper darin schreibt. Das Buch reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück und streift immer wieder auch die jüngere Gegenwart Vespers. Vor allem aber ist Frohburg ein Panorama des Lebens im Deutschland des 20. Jahrhunderts, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und Nazi-Deutschland bis zur frühen DDR, mit den frühen Jahren Vespers als am kräftigsten sprudelnde Erinnerungsquelle.

Eine Lebenswerkauszeichnung für den 75-Jährigen

Frohburg ist ein erstaunliches, beeindruckendes und reiches Buch, verdientermaßen hat Guntram Vesper dafür 2016 den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Ungewöhnlich ist diese Auszeichnung trotzdem, sie fällt aus dem Rahmen der alljährlich auf den beiden Messen vergebenen Buchpreise. Sie wirkt wie eine Lebenswerkauszeichnung für einen 75 Jahre alten Autor, der sich nicht nur im bundesrepublikanischen, sondern auch nach der Wende im gesamtdeutschen Literaturbetrieb rar gemacht hat – trotz Mitgliedschaften in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz. Auch trotz eines umfassenden Werkes aus Lyrik, Prosa, Essays und Hörspielen.

Wobei Vesper selbst seine Gedichte oft „erzählt“, und episches, essayistisches und lyrisches Schreiben nur ungern gattungstechnisch streng getrennt sieht. Sein Roman Nördlich der Liebe und südlich des Hasses aus dem Jahr 1979 besteht mehr aus assoziativer Prosa, als dass er eine stringente Geschichte schildern würde. Manche Passagen darin lesen sich wie Gedichte.

Häufiger Perspektivwechsel

Und auch Frohburg, Vespers Roman, erinnert an einen großen Bilder- und Bewusstseinsstrom, in dem die Geschichten aus Frohburg und Umgebung mal schneller, mal gemächlicher dahinfließen. Es gibt keine Kapiteleinteilungen, nur größere Absätze, mitunter aber über viel Dutzende, einmal gar über Hunderte Seiten nicht einen einzigen kleinen Absatz. Auf Anführungs- und auf Fragezeichen hat Vesper ganz verzichtet, und auch die Perspektiven wechseln häufig. Häufig lässt der Ich-Erzähler andere Figuren ins Erzählen kommen, gleichfalls in der Ich-Perspektive. 

Verblüffenderweise erschwert dieser häufige Perspektivwechsel das Lesen nicht übermäßig, dafür ist Vespers Prosa zu klar und hell. Die Geschichten sind dazu selbst in ihrer ganzen Alltäglichkeit zu interessant und spannend, genau wie die zahlreichen Verbrechens- und Mordgeschichten vor dem historischen Hintergrund.

Doch Vorsicht! Schon als Kind empfand Vesper viele der ihm erzählten Geschichten als falsch, wie es in Frohburg gleich auf den ersten Seiten heißt. „Wahrer“ seien sie für ihn erst später geworden, in Form von „Fortsetzungen, die ich mir selber ausdachte.“ Weshalb er seinem Roman listig vorausschauend eine Fontane-Sentenz vorangestellt hat: „Für etwaige Zweifler also sei es ein Roman.“ Die Wirklichkeit, sie findet sich schließlich überall, gerade auch in der Kunst.