Illustratorin Julia Friese Ästhetisch ausgefuchst, entenreich verspielt

Illustration aus dem Kinderbuch „Alle seine Entlein“
Illustration aus dem Kinderbuch „Alle seine Entlein“ | Foto (Ausschnitt): © 2007 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz ∙ Weinheim Basel

Sparsame Strichzeichnung, zurückhaltende Aquarell-Technik, expressive Farbigkeit – Julia Friese beherrscht die gesamte Palette der Illustrationskunst. Mit großer Liebe zum Detail illustriert sie Kinderbücher, von denen manche weltweit erfolgreich sind. 

Die Kinderbuchillustratorin Julia Friese Die Kinderbuchillustratorin Julia Friese | Foto (Ausschnitt): © Gundula Friese
In dieser Geschichte steht die Welt Kopf: Ein Fuchs möchte sich aus einem Entenei ein Rührei zubereiten. Doch in dem Moment schlüpft ein Enterich. Dieser verwechselt den Fuchs mit seiner Mutter – und schon ist es um den Fuchs geschehen. Er adoptiert den Enterich und denkt immer seltener an Entenbraten. Letztlich wächst eine ganze Entenschar und mit ihr eine neue Familie um den Fuchs heran. Aus natürlichen Feinden werden Freunde.
 
„Ästhetisch ausgefuchst und entchenreich verspielt wird die schräge Geschichte über einen Vater wider Willen erzählt. Was mit einem heftigen Hunger beginnt, endet verblüffend mit einer Kohorte an schnatternden Enten-Enkeln. Die Illustratorin Julia Friese schafft mit ihren Bildern Momente großer Spannung“, so die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises 2008, für den die Geschichte mit dem Titel Alle seine Entlein nominiert war.
 
Seit 2007 illustriert Julia Friese die Texte des Autors Christian Duda – ein Glücksfall der Synthese zweier Begabungen in der deutschen Kinderliteratur. In ihrem ersten gemeinsamen Kinderbuch Alle seine Entlein schafft die Illustratorin in Komposition und Comic-Sequenzen einen spannungsreichen Aufbau mit viel Tempo. Dem kantig konturierten Fuchs steht das malerisch pastellige Kükenvolk kontrastreich gegenüber. Julia Friese jongliere virtuos mit optischen Täuschungen und Comicelementen, so die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises. „Dabei bricht sie mit Konventionen der Seitenaufteilung und Sichtweisen, während der Autor Christian Duda gekonnt mit den Erwartungen der Leser spielt. So flaumig wie das Federvieh, so leicht und verspielt erscheint Dudas Text. Eine ausgetüftelte Vater-Sohn-Generationen-Geschichte mitten im dunklen Wald.“
 
Julia Friese scheut in ihren Arbeiten das Risiko nicht. Sie gehört zu der Generation deutscher Kinderbuch-Illustratorinnen und -Illustratoren, die als Kinder den Mauerfall 1989 und die Deutsche Einheit 1990 erlebten, sich in einer renommierten Akademie in der früheren DDR qualifizierten und gleichzeitig alle Optionen des globalen Illustrations- und Design-Transfers wahrnehmen.

Talent in vielen künstlerischen Bereichen

Geboren 1979 in Leipzig, legte Friese im Jahr 2000 in Potsdam ihr Abitur ab und arbeitet seither als Illustratorin und Designerin. Ihre Ausbildung, die sie auch an das National College of Art and Design in Dublin und die Faculdad de Bellas Artes in Bilbao führt, schließt sie 2006 mit dem Diplom der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig ab. Talent, Studium, Experimente und die Tätigkeit in Design-Studios von Barcelona und Dublin qualifizieren sie sowohl für Buchkunst als auch Gebrauchsdesign. Julia Friese eignet sich auf diese Weise traditionelle wie IT-geprägte Techniken an, die sie inzwischen ohne Brüche oder Qualitätsverlust in mehreren künstlerischen Bereichen ineinander mischt.
 
Ihre Auslandsaufenthalte ermöglichen der Illustratorin auch im Kinderbuchbereich internationale Publikationsmöglichkeiten. Von 2001 bis 2003 veröffentlicht sie drei Bilderbücher in Frankreich und nutzt die dortige Offenheit für experimentelle Bilderbuchkunst. Es folgen originäre Veröffentlichungen für Spanien und Südamerika. Von den später in Deutschland publizierten Büchern erscheinen inzwischen Lizenzausgaben in mehreren Sprachen. Zur gleichen Zeit entwirft sie Plakate, Ankündigungen, Firmenlogos, Informations- und Werbematerial für Kulturveranstaltungen, gemeinnützige Projekte und Unternehmen. Ihre Verbindung zur Leipziger Kunstszene bleibt aktiv erhalten.
 
Mit dem Bilderbuch Das Mohrrübensuppen-Abenteuer beginnen 2004 Julia Frieses Veröffentlichungen in deutschsprachigen Verlagen. Das Buch ist ihrer Großmutter gewidmet und erzählt von kindlichen Reaktionen auf ein wenig geschätztes Mittagessen im Kindergarten – vielleicht eine Erinnerung an den Kinderhort, den sie als Kind besuchte. Mit expressiver Wucht in Schwarz und Karottenrot sind Träumerei, Kreativität, Wunschdenken, Angst, Aggression und Genuss der Kinder vor dem Eintopf dargestellt. 

Freude an phantastischen, aber verbindlichen Welten

Besonders gerne aber illustriert die heute in Berlin lebende Zeichnerin Bücher von Christian Duda. Mit ihren gemeinsamen Büchern sind die beiden schon um die halbe Welt gereist. Sucht man in Dudas Texten und Julia Fries Illustrationen künstlerische Gemeinsamkeiten, so sind sie sicher in der Freude an phantastischen, aber verbindlichen Welten jenseits und gleichzeitig mitten unter der erfahrbaren Alltagswelt zu finden: als menschliche Einsicht im Gewand einer Tierfabel (Alle meine Entlein), als Flucht aus bedrückender familiärer Kälte (Schnipselgestrüpp), als wilde Assoziationen in Badewanne (Papierschiff ahoi!) und als Bilder der Gier nach etwas Süßem vor dem Schlafengehen (Bonbon). Die Phantasie des Textes belebt die Phantasie der Illustratorin und umgekehrt. Dudas Sprachstil – in seiner Sensibilität geprägt durch multikulturelle Herkunft und Dialekterfahrung – öffnet für die Illustratorin Räume für Bildgeschichten neben den Sprachgeschichten. In Stil und Technik reicht Julia Frieses Illustrationskunst von der sparsamen Strichzeichnung über zurückhaltende Aquarell-Technik bis hin zur Opulenz expressiver Farbigkeit in Ölkreide und Computer-Kolorierung.