Digitalisierung in der Illustration Wenn das Tablet die Tusche ersetzt

Eine Illustration von Anemone Kloos zur „Grünen Stadt“
Eine Illustration von Anemone Kloos zur „Grünen Stadt“ | Foto (Ausschnitt): © Anemone Kloos

Computer, Tablets und digitale Programme sind aus der Illustration nicht mehr wegzudenken. Dennoch arbeiten viele Künstler am liebsten mit Bleistift, Tusche und Papier.

Schon in mittelalterlichen Handschriften begleiteten sie die Texte, spätestens seit Beginn des Buchdrucks wurden sie unverzichtbar: Illustrationen. Seit einigen Jahren befindet sich diese Zeichenkunst, die inzwischen in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und natürlich im Netz häufiger Begleiter des geschriebenen Worts ist, in einem rasanten technologischen Wandlungsprozess: Die Digitalisierung verändert die Kunst und das Handwerk.
 
Einer der bekanntesten und renommiertesten Illustratoren weltweit ist der 1970 im schwäbischen Waiblingen geborene Illustrator Christoph Niemann. Nach elf Jahren in New York und unzähligen Covern für The New Yorker und die New York Times lebt er seit 2014 wieder in Berlin. An seinen Arbeitgebern und seinem Erfolg hat das nichts geändert – im Jahr 2017 wird er mit einer Werkretrospektive im Cartoonmuseum Basel geehrt.

Bleistift und Kartoffelstempel

Niemann hat sich seit seinem Karrierebeginn in den 1990er-Jahren mit den neuen Medien auseinandergesetzt und diese immer wieder auch in seinen Arbeiten thematisiert. Seine von subtilem Humor geprägten Covergestaltungen entlarvten schon oft die Absurditäten der modernen Welt auf federleichte Weise, wie beispielsweise die japanische Geisha mit einem Mantel aus Pokémon-Figuren und einem Fächer aus Handys für The New Yorker. Oft kombiniert Niemann Zeichnungen, Basteleien und Fotos zu originellen und witzigen Bildeinfällen, die dem Betrachter ein sicheres Aha-Erlebnis verschaffen.
 
Er benutzt Bleistift, Tusche und Farbe, aber auch Kartoffelstempel, Muscheln und Legosteine, er übermalt und collagiert. Ein guter Teil von Christoph Niemanns Arbeiten ist durch die anscheinende Simplizität seiner mit wenigen Tuschestrichen „hingeworfenen“ schwarzen Linien leicht wiederzuerkennen. Doch trotz ihres Handmade-Looks sind diese meist am Computer entstanden, der aufwendige Entstehungsprozess ist ihnen nicht anzusehen.

Wimmelbilder zum Durchscrollen

Wie steht die jüngere Generation Illustratoren der Digitalisierung gegenüber? Der Leipziger Künstler Robert Deutsch, Jahrgang 1981, arbeitet unter anderem für Magazine wie Psychologie heute und ist bekannt für seine detailreichen Wimmelbilder. Gerade hat er seine erste Graphic Novel, Turing, im Avant-Verlag veröffentlicht, die sich mit dem Leben des genialen britischen Computerpioniers Alan Turing befasst. Ironischerweise ist das Buch komplett auf Papier mit echten Acrylfarben entstanden.
 
Auch wenn Deutsch gelegentlich Illustrationen mit Vektoren erzeugt, bevorzugt er meist die richtige Zeichnung: „Ich lege sehr viel Wert auf das Original, da es bei Ausstellungen mehr Eindruck macht als ein Ausdruck.“ Doch er schätzt auch die Möglichkeiten der Digitalisierung: „Die animierte Illustration finde ich reizvoll, so wie die animierten Zeitungen in den Harry-Potter-Filmen.“ Zudem lässt sich über Internetshops mit Illustrationen und Merchandising Geld verdienen. Und es ergeben sich neue Projekte, die Deutschs Experimentierfreude wecken: Eine vom Mitteldeutschen Rundfunk produzierte Kurzhörspielreihe nähert sich Martin Luther im Reformationsjahr 2017 auf unkonventionelle Weise, in Form der Webradio-Novela Lutherland. „Ich entwerfe ein riesiges Wimmelbild zum Durchscrollen. An verschiedenen Punkten des Bildes kann der Betrachter einzelne Folgen anhören. Die Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft.“

Animierte Zeichnungen

Wie Robert Deutsch schätzt auch die Illustratorin Anemone Kloos die Ästhetik des klassischen Zeichnens auf Papier. Ihre filigran-eleganten, teils märchenhaften Zeichnungen schmücken zahlreiche Zeitschriften und Kinderbücher wie Im Land der Wolken; aber auch Streetart und Wandgestaltung gehören zum Portfolio der 30-Jährigen. „Am Anfang aller meiner Bilder steht die Zeichnung per Hand mit Bleistift oder Tusche. Auf Papier arbeite ich einfach schneller, mutiger und treffender“, sagt sie. Danach scannt Kloos die Zeichnungen ein und bearbeitet sie digital weiter. Zum Beispiel den „Brunnengott“, das UNICEF-Kalendermotiv eines fantastischen Wesens, dem Wasser aus den wellenförmigen Bartlocken tropft. „Ich finde es sehr schön, wenn digital und analog verschwimmt, sodass man den Bildern nicht mehr ansieht, wie sie entstanden sind.“
 
Anemone Kloos hat sich einen Fundus eingescannter Hintergründe und Strukturen aufgebaut, auf die sie nach Bedarf zurückgreift. „Die Digitalisierung bringt spannende Veränderungen – E-Books können beispielsweise mit Musik und Lichtstimmungen spielen, der Leser interagiert mit dem Buch und den Zeichnungen.“ Auch einige von Kloos‘ Illustrationen für Werbeclips und Erklärvideos sind animiert und mit Text und Musik unterlegt. „Und schon entsteht eine Atmosphäre und eine inhaltliche Ebene, die man mit einer zweidimensionalen Zeichnung nie erreicht hätte.“
 
Christoph Niemanns Neugier für digitale Neuerungen hat ihn jüngst dazu gebracht, sich mit Smartphone-Apps zu beschäftigen. Nach der Bilderbuch-App Streichelzoo hat er 2016 Chomp entwickelt. Niemann verbindet darin pointierte Animationen, illustrierte Tiere, Berufe oder Situationen mit Selfie-Fotos, die der User selbst aufnimmt. Die jungen oder älteren Nutzer schlüpfen so in aberwitzige Rollen, gleichzeitig entsteht ein komischer Effekt, dem sich selbst digitale Verweigerer kaum entziehen können. Oder wollten Sie nicht auch schon immer mal eine Kuckucksuhr sein?