Durs Grünbein Der Nicht-Lyriker

Durs Grünbein zählt zu den wichtigsten Lyrikern und Essayisten deutscher Sprache, bezeichnet sich selbst aber als „Nicht-Lyriker“.
Durs Grünbein zählt zu den wichtigsten Lyrikern und Essayisten deutscher Sprache, bezeichnet sich selbst aber als „Nicht-Lyriker“. | Foto: © picture alliance / Erwin Elsner

Durs Grünbein zählt zu den wichtigsten Lyrikern und Essayisten deutscher Sprache. In eine festgelegte Kategorie wollen sich die Werke des Georg-Büchner-Preisträgers allerdings nicht stecken lassen.

Wollte man Durs Grünbeins schriftstellerische Disziplin nach seinen Werken bestimmen, so müsste er als Multimediakünstler beschrieben werden: Er ist Essayist, Übersetzer, arbeitet intermedial mit bildenden Künstlern zusammen und spricht seine eigenen Texte als Hörbücher ein. Wohl auch angesichts dieses breiten Spektrums bezeichnet er sich selbst als „Nicht-Lyriker“, und legt sich damit nicht auf nur ein Medium oder eine Gattung fest. Dennoch macht er um den Roman einen großen Bogen. „Lyrik war für mich lange Zeit Romanverweigerung. Ein Zeitgewinn durch Kürze. Damit einher ging ein anderes Souveränitätsgefühl gegenüber der Realität.“ Der Nicht-Lyriker Grünbein ist schlicht als Künstler zu verstehen, der seine Welt beschreibt und dabei gern – unter anderem – auf lyrische Mittel zurückgreift.
 
Grünbein wurde 1962 in Dresden geboren, ein Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer, die die Teilung Deutschlands endgültig besiegelte. Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und der Grenzöffnung zwischen der Bundesrepublik und der DDR besuchte Grünbein viele Länder – eine Phase, die er als „Zeit des nachholenden, beinahe hysterischen Reisens“ beschreibt. Spätere längere Auslandsaufenthalte führten den mittlerweile preisgekrönten Lyriker und Essayisten in die USA, dort war er Gast des German Department der New York University und Stipendiat in der Künstlerresidenz Villa Aurora in Los Angeles. Und auch in der Kultureinrichtung Deutsche Akademie Rom Villa Massimo hatte Grünbein während seines zehnmonatigen Stipendiums die Gelegenheit, sich mit Künstlern der Disziplinen Architektur, Bildende Kunst, Literatur und Musik auszutauschen. Ein Stipendium der Villa Massimo zählt zu den wichtigsten Auszeichnungen Deutschlands für Künstler, die als herausragend angesehen werden.

Der Funke startet den Motor

Zündkerzen, so heißt Grünbeins 2017 erschienene Sammlung von 83 Gedichten. Was wird gestartet, wenn der an der Zündkerze erzeugte Funke den Verbrennungsvorgang des Motors in Gang setzt? Was ist dieser Funke? In Grünbeins Gedichtband geht es nicht um theoretische Ideen, es werden keine Konzepte entworfen: Zündkerzen sind Dinge, zu beschreibende Dinge.
 
Die Metrik und Strophenformen dieser Gedichte erweisen sich dabei als sehr wandlungsfähig. Es handelt sich um Sequenzen, Prosagedichte, Sonette. Insgesamt setzt der Dichter auf die traditionelle Form und verzichtet auf avantgardistische Spielereien. Auf diese Weise findet sich der Leser nicht ratlos vor hermetischen Zeilen, sondern kann nachvollziehen, was Grünbein bewegt: die Vergangenheit, die Vergänglichkeit, schlussendlich die Realität. So bringt er in seinem Werk „Dekolleté“ die Vergänglichkeit ins Spiel, wenn er anschaulich warnt: „Manchmal genügt ein Schlüsselbein,/ Der Sturz in ein Augenpaar –/ Und Schmerz flammt auf/ Über allen Verzicht und Verlust/ In einem Menschenleben./ Nun zeigt sich: Es ist sehr kurz,/ Gleich vorüber die Hauptsaison.“
 
Dass die Vergänglichkeit und gleichzeitig die Erinnerung an die Vergangenheit mit einem aufflammenden Schmerz einhergeht, ist auch zentrales Thema in Grünbeins Die Jahre im Zoo. Ein Kaleidoskop.

Das Souveränitätsgefühl gegenüber der Realität

Erklärte Grünbein seine Vorliebe für die Poesie gegenüber dem Roman mit dem Souveränitätsgefühl gegenüber der Realität, so liefert er mit seinem 2015 veröffentlichten, atmosphärisch dichten Werk Die Jahre im Zoo ein mit lyrischen Intervallen durchzogenes, essayistisches autobiografisches Buch. Er beschreibt darin seine Kindheit und Jugend in der Gartenstadtsiedlung Hellerau bei Dresden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog die Gartenstadt reformbegeisterte Menschen an, die eine Einheit von Wohnen und Arbeit, von Kultur und Bildung praktizieren wollten. Doch Hellerau wird in Grünbeins 400 Seiten starkem Werk ambivalent erinnert: Als „Büchse der Pandora“ beschreibt er seine Kindheit, als „altes Blech voller Regenwürmer:/ Man öffnet sie, und Kindheit, das Erbärmliche, weht einen an“.
 
Doch wie banal die Kindheit und ereignisarme Jugend auch sein gewesen mag, Grünbein schwankt zwischen Gefühlen des Abscheus für das Vergangene und seeliger Aufgehobenheit in Erinnerung. Diese hat für ihn oft auch etwas mit Nostalgie zu tun: „Glück ist, wenn gräsergleich dich Erinnerung/ Streift an den Schläfen.“ Und die Erinnerung streift den Autor und vielleicht auch den Leser in der Gegenwart, somit scheint das Glück, zumindest für den Moment, konserviert.

Memoirenliteratur wie Die Jahre im Zoo trifft in Zeiten, in denen viele Gewissheiten infrage stehen, auf großes Interesse. Ein Hunger nach Realität wird gestillt, in dem das Authentische als erinnerungswürdig zurückkehrt. Dabei erweitert der Multimediakünstler Grünbein seine Erinnerungen um eine Ebene. Wie schon bei seinem Gedichtband Koloss im Nebel illustriert Grünbein auch in Die Jahre im Zoo seine Texte mit alten Fotografien. Dieser intermediale Kniff hilft ihm dabei, sein Hellerau in der Zeit einzufrieren: Ihm gelingt eine monumentale Beschreibung des Bildes Hellerau, gleich so, als ob er ein Gemälde beschriebe.
 
Dieselbe Methodik nutzt Grünbein auch für Ausstellungen. In Mixed-Media-Veranstaltungen mit dem Künstler Via Lewandowsky beispielsweise bringt er die bildende mit der beschreibenden Kunst zusammen: Lewandowsky liefert die Bilder, Grünbein die Texte.

Durs Grünbein lebt als freier Schriftsteller in Rom. 1995 wurde ihm der Georg-Büchner-Preis verliehen. Seit 2005 ist er Professor für Poetik an der Kunstakademie Düsseldorf. 2009 erhielt Grünbein das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland.