Ausstellung Die Ethnopoesie des Hubert Fichte

Hubert Fichte in St. Pauli, Hamburg 1963.
Hubert Fichte in St. Pauli, Hamburg 1963. | Foto (Ausschnitt): © bpk/ S. Fischer Stiftung/ Leonore Mau

Der deutsche Autor und Ethnograf Hubert Fichte wird dafür geschätzt, wie tief er literarisch in die Welten eintauchte, die er beschrieb. Ein Gespräch mit Diedrich Diederichsen über eine Ausstellungsreihe zu Ehren des Literaten.

Hubert Fichte war ein Multitalent: Er war Ethnologe und Poet, gilt als einer der ersten Pop-Literaten sowie als früher Vorreiter für neue Disziplinen wie Queer Studies und Postcolonial Studies. Vor allem aber war er eines: anders. Homosexualität, auch seine eigene, war zentraler Bestandteil seines Werkes – ein Novum in den 1960er- und 1970er-Jahren. Und während andere Schriftsteller Lesungen in Buchhandlungen abhielten, verlas Fichte 1966 seinen Roman Die Palette im Hamburger Star-Club auf St. Pauli, in dem damals auch die Beatles auftraten.

Darüber hinaus reiste Fichte Anfang der 1970er Jahre für völkerkundliche Studien in mehrere Länder in Südamerika, der Karibik und Afrika. Wie kaum ein anderer Autor seiner Zeit ging er bei der Beschreibung fremder Kulturen in die Tiefe: Fichte wollte mehr als nur beobachten, er wollte verstehen.

Die Erfahrungen dieser Reisen flossen auch in sein umfangreichstes literarisches Werk ein, den auf 19 Bände angelegten Romanzyklus Die Geschichte der Empfindlichkeit. Als Fichte 1986 im Alter von 51 Jahren starb, hatte er immerhin 17 Bände vollendet, die posthum veröffentlicht wurden. Eine Ausstellungsreihe, die das Goethe-Institut, das Haus der Kulturen der Welt, der S. Fischer Verlag und die gleichnamige Stiftung konzipierten, ist diesem Werk gewidmet. Sie geht der Frage nach, wie viel der europäische Reisende von den Orten verstanden hat, über die er schrieb. Geleitet wird das Projekt von Kulturwissenschaftler und Autor Diedrich Diederichsen zusammen mit dem Kurator Anselm Franke.

Herr Diederichsen, „Liebe und Ethnologie“ heißt die Ausstellung über den 1986 verstorbenen Schriftsteller und Ethnologen Hubert Fichte. Eine Ausstellung über einen Poeten – wie geht das?

Es handelt sich nicht um eine Ausstellung, sondern – beim gegenwärtigen Stand – um mindestens sieben: eine in Portugal, zwei in Brasilien, eine in Chile, eine in New York, eine in Dakar und am Schluss, im Herbst 2019, eine Art großes Resümee in Berlin. Jede dieser Ausstellungen bezieht sich auf einen anderen Text aus Fichtes unvollendetem, auf 19 Bände angelegten Großprojekt Die Geschichte der Empfindlichkeit. Für jede Ausstellung übersetzen wir einen Text aus diesem Zyklus in die Sprache der Weltgegend, über die Fichte dort schreibt. Entwickelt wurden die Ausstellungen von Kuratorinnen aus den jeweiligen Ländern. Sie haben ganz unterschiedliche Ansätze, aber allen gemeinsam ist, dass sie die Frage stellen, wie viel der europäische Reisende von den Orten verstanden hat, über die er schrieb.

Hubert Fichte mit Mother Darling, einer Yoruba Priesterin, im Jahr 1974. Hubert Fichte mit Mother Darling, einer Yoruba Priesterin, im Jahr 1974. | Foto: © bpk/ S. Fischer Stiftung/ Leonore Mau Und was würden Sie sagen: Hat Fichte die Orte verstanden, wenn man das so verallgemeinernd fragen kann?

Manches stellt sich als prophetisch heraus: Die Nähe und Intensität, mit der Fichte in andere Welten eintauchte, beeindruckt die Leute – aber natürlich hat auch sein Blick und Verstehen gewisse Grenzen. Schließlich ist auch er ein weißer Europäer.

Was zeigen die Ausstellungen?

In den Ausstellungen ist zeitgenössische Kunst zu sehen, die auf Fichte Bezug nimmt. Mal aus großer Distanz, oft unter direkter Bezugnahme auf den Text: Wenn etwa Ayrson Heraclito mit der Videokamera die Straßen und schwulen Treffpunkte in Salvador da Bahia heute filmt, von denen Fichte im Jahre 1972 erzählt hat. Die bisherigen Ausstellungen in Lissabon (Portugal) und Salvador (Brasilien) waren sowohl für ein vor allem kunstaffines, aber auch für ein an historischen und literarischen Zusammenhängen interessiertes Publikum bestimmt.

Welche Bedeutung hatte und hat Hubert Fichte?

Fichte hat den Gegensatz zwischen sachlichem und poetischem Schreiben hinter sich gelassen. Seine zugespitzte Sachlichkeit wird poetisch, seine Poesie wird plötzlich journalistisch. Als halbjüdischer, schwuler oder bisexueller Autor fühlte er sich im Nachkriegsdeutschland nicht besonders wohl und kämpfte gegen Bigotterie und Provinzialismus. Er entwickelte die Ansätze, die heute in den Queer und Postcolonial Studies diskutiert werden, schon dreißig bis vierzig Jahre früher. Neben der Geschichte der Sexualitäten und der afrikanischen Diaspora interessierten ihn die politische Ökonomie der Armut und der Ausbeutung. In Brasilien recherchierte er etwa die Beteiligung deutscher Konzerne an der Militärdiktatur.

Hubert Fichte in seinem Arbeitszimmer in Hamburg-Othmarschen im Jahr 1965. Hubert Fichte in seinem Arbeitszimmer in Hamburg-Othmarschen im Jahr 1965. | Foto © bpk/ S. Fischer Stiftung/ Leonore Mau Queer Studies spielen derzeit in Deutschland eine große Rolle. Seit im Oktober 2017 die Ehe für alle eingeführt wurde, dürfen schwule und lesbische Paare einander heiraten. Ganz aktuell hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass es neben dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht einen Eintrag für Intersexuelle im Geburtenregister geben soll; also für Menschen, die aufgrund ihrer Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig als männlich oder weiblich einzuordnen sind. Wäre das im Sinne Fichtes gewesen?

Kulturwissenschaftler und Autor Diedrich Diederichsen Kulturwissenschaftler und Autor Diedrich Diederichsen | Foto (Ausschnitt): © picture-alliance / dpa Schwer zu sagen: Rechte von LGBTIQ-Personen generell waren für ihn extrem wichtig (LGBTIQ steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen). Er beurteilte gesellschaftliche Verhältnisse immer auch daran, wie sie zu diesem Thema eingestellt waren. Mit vielen ihm sonst politisch nahestehenden linken Freunden beispielsweise hatte er Konflikte, weil sie die Homophobie in Kuba leugneten oder verharmlosten. Ob ihm aber ausgerechnet die Legalisierung der Ehe besonders wichtig gewesen wäre, weiß ich nicht. Die Überwindung der Geschlechterbinarität im Personenrecht hätte ihn wohl gefreut.