Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Deutsche Krimipreise
Vom Leben in getrennten Welten

Bei kaum einem anderen Genre klaffen der literarische Anspruch von Kritikern und die Vorstellung der Leser so weit auseinander wie bei Krimis.
Bei kaum einem anderen Genre klaffen der literarische Anspruch von Kritikern und die Vorstellung der Leser so weit auseinander wie bei Krimis. | Foto (Zuschnitt): picture alliance/dpa/Jörg Carstensen

In kaum einer anderen Buchsparte klaffen die Ansprüche von Kritikern und der Geschmack der Leser so weit auseinander wie bei der Kriminalliteratur. Prämierte Autoren schaffen es nur selten auf die Bestsellerlisten. 

Von Matthias Bischoff

Auf der Krimibestenliste für den Monat November 2018 stehen nur drei deutsche Titel: Christoph Peters Das Jahr der Katze, Susanne Saygins Debüt Feinde und Simone Buchholz’ Mexikoring. Die von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Deutschlandfunk Kultur präsentierte Auswahl von zehn empfehlenswerten Büchern wird allmonatlich von 19 Literaturkritikern und Krimispezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengestellt. Am auffälligsten ist dabei zunächst das Übergewicht nicht-deutschsprachiger Autoren. Und noch ein weiterer Punkt fällt sofort ins Auge: Kaum ein bekannter Name aus den einschlägigen Spiegel-Bestsellerlisten findet sich hier. 
 
Was den Kritikern gefällt, hat mit dem, was die Leser kaufen und goutieren, wenig bis gar nichts zu tun. Ein Blick auf die Spiegel-Hardcover-Liste von Anfang November 2018 zeigt das Dilemma: Zehn von zwanzig der bestverkauften Bücher sind dem Genre Krimi oder Thriller zuzuordnen, sechs davon deutschsprachig – Der Insasse von Sebastian Fitzek (Platz 1), Volker Kutschers Marlow (Platz3), Charlotte Links Die Suche (Platz 4), Rita Falks Eberhofer, Zefix!NSA-Nationales Sicherheits-Amt von Andreas Eschbach und Martin Suters Allmen und die Erotik. Einzig Volker Kutscher mit seinen in den frühen 1930er Jahren angesiedelten Romanen um den Ermittler Gereon Rath findet regelmäßig auch Gnade vor den Augen der Kritiker. Noch eindrücklicher zeigt sich die Spaltung im Bereich von Taschenbuch und Broschur, wo die Verkaufskönige der Regionalkrimis wie Jörg Maurer (Oberbayern), Jean-Luc Bannalec (Bretagne) und Klaus-Peter Wolf (Ostfriesland) seit Jahren regelmäßig ein in die Millionen gehendes Publikum zufriedenstellen und sich um die Kritik nicht scheren.
Hat gut lachen: Volker Kutscher ist einer der wenigen deutschen Autoren, bei dem sich Kritiker und Leser einig sind. Seine Reihe um den Kriminaler Gereon Rath, die in den 1920er und 1930er Jahren spielt, erfreute sich zuletzt auch als preisgekrönte Verfilmung „Babylon Berlin“ großer Beliebtheit. Hat gut lachen: Volker Kutscher ist einer der wenigen deutschen Autoren, bei dem sich Kritiker und Leser einig sind. Seine Reihe um den Kriminaler Gereon Rath, die in den 1920er und 1930er Jahren spielt, erfreute sich zuletzt auch als preisgekrönte Verfilmung „Babylon Berlin“ großer Beliebtheit. | Foto (Zuschnitt): picture alliance/Sven Simon

Zwischen anspruchsvoll und unterhaltsam

Die Kritiker leiden unter der Ignoranz der Leser. Immer wieder beklagen sie, dass deutsche Verlage zu wenig für die Förderung anspruchsvoller – was immer das genau sein mag – Kriminalromane unternähmen: Für Verlage und Buchhandel zähle nur der Verkauf, Qualitätskriterien würden außer Acht gelassen. Die Crux an diesen Qualitätskriterien aber ist: Sie sind identisch mit denen für sogenannte ernste Literatur. Hier dürfen Leserbedürfnisse nicht befriedigt werden, hier müssen Genreregeln gebrochen, infrage gestellt, ignoriert werden, hier darf es kein Happy End geben, keine Identifikation mit der Ermittlerfigur. Möglichst harter Realismus und eine möglichst kritische Schilderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit werden dotiert. Das Wörtchen „rau“ taucht verdächtig häufig im Lobpreis der Bestenliste auf. 
 
So setzt sich die unselige Spaltung der Bücher in anspruchsvolle (E = ernst, künstlerisch wertvoll) und anspruchslose (U = unterhaltsam, schnell konsumierbar), die immer schon das ungute Markenzeichen deutscher Literaturbetrachtung war, auch im Bereich Krimi fort. Anstatt einen Reißer von Sebastian Fitzek, der tatsächlich mehr mit Hollywood-Popcorn-Kino zu tun hat als mit einem Erzählwerk, sehr genau auf seine handwerkliche Machart hin zu untersuchen und analytisch ernst zu nehmen, senkt die deutsche Literaturkritik bei nahezu allem, was auf den Bestsellerstapeln liegt, naserümpfend den Daumen.
Von den Lesern geliebt, von Kritikern ignoriert: Bestsellerautor Sebastian Fitzek zu Gast im Kriminaltheater in Berlin. Von den Lesern geliebt, von Kritikern ignoriert: Bestsellerautor Sebastian Fitzek zu Gast im Kriminaltheater in Berlin. | Foto (Zuschnitt): picture alliance/Photopress/Ralf Mueller

Was sich gut verkauft, gewinnt in der Regel keinen Preis

Kein Wunder also, dass die in Deutschland vergebenen Krimipreise für den Buchkäufer so gut wie keine Rolle spielen. Der Leser ahnt, dass viele der prämierten Bücher nur ein eingeschränktes Lesevergnügen bieten. Preise gibt es hierzulande reichlich: den Radio Bremen Krimipreis und den Zürcher Krimipreis, den österreichischen Leo-Perutz-Preis oder den Preis der Crime Cologne – bei Letzterem geht es immerhin um „spannende Unterhaltung“. 
 
Die zwei wichtigsten Krimipreise für deutschsprachige Romane sind der kurz „Glauser“ genannte Friedrich-Glauser-Preis und der Deutsche Krimi Preis. Der „Glauser“ wird seit 1987 alljährlich in mehreren Kategorien vom Syndikat, der 750 Mitglieder zählenden Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur, verliehen und ist mit 5000 Euro dotiert. Der Deutsche Krimipreis, den es seit 1985 gibt, würdigt Romane, die laut Eigendarstellung „inhaltlich originell und literarisch gekonnt dem Genre neue Impulse verleihen“. Immerhin tauchen als Preisträger auch bekannte Namen auf, die durchaus den Spagat zwischen Publikumszuspruch und Kritikerlob zu meistern wissen: neben Oliver Bottini auch Friedrich Ani, Ursula Poznanski oder Tom Hillenbrand.
 
Dennoch hat es keiner der ausgezeichneten Titel der letzten Jahre auf einen vorderen Rang der Bestsellerlisten geschafft. Die Verlage machen sich schon lange nicht mehr die Mühe, preisgekrönte Titel mit einem Aufkleber zu adeln und auf Zusatzverkäufe zu hoffen. Anders als etwa beim deutschen Buchpreis, der immerhin viele Literaturinteressierte neugierig macht, geht von den Kritikerempfehlungen beim Krimi kein Impuls aus. Was ein guter Krimi ist, beurteilen Leser und Kritiker vollkommen gegensätzlich – sie leben in getrennten Welten.

Top