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Satire
Politischer Kommentar in Wort, Strich und Bild

Können die Deutschen heute besser über sich lachen oder gibt es einfach mehr Anlässe? Fakt ist, dass Karikaturen, Cartoons und Memes aus dem Alltag kaum noch wegzudenken sind. Auch die Corona-Pandemie bot und bietet immer wieder Anlass für Satire.
Können die Deutschen heute besser über sich lachen oder gibt es einfach mehr Anlässe? Fakt ist, dass Karikaturen, Cartoons und Memes aus dem Alltag kaum noch wegzudenken sind. Auch die Corona-Pandemie bot und bietet immer wieder Anlass für Satire. | Foto (Detail): © picture alliance/dieKLEINERT/Martin Erl

Nie war die Kunstform der Karikatur sichtbarer als heute: Nachdem lange die klassischen Zeichnungen dominierten, gesellen sich mittlerweile auch Cartoons, Memes und TV-Formate dazu. Eine kleine Geschichte der Karikaturenkultur in Deutschland.
 

Von Moritz Post

Lange Zeit galt die Karikatur als das Aschenbrödel der bildenden Künste. Bis in das 20. Jahrhundert hinein fristete sie ein Schattendasein in der Welt der künstlerischen Ausdrucksformen. Doch heute begegnet uns die einst als niedere künstlerische Ausdrucksform gebrandmarkte Karikatur und die ihr verwandte Form des Cartoons überall im Alltag: auf den Titelseiten der großen Tageszeitungen, in den Comik-Rubriken von Wochenzeitschriften, im Fernsehen, in den sozialen Netzwerken und auf den Werbebildschirmen der U-Bahnhöfe. Nie war die Karikatur in der Öffentlichkeit sichtbarer als heute.

Die deutsche Karikatur musste sich dafür nach dem Zweiten Weltkrieg gänzlich neu erfinden: Mit der Gleichschaltung der Medien während des Nationalsozialismus war auch die Karikatur für menschenverachtende Zwecke missbraucht worden. Und so mussten die deutschen Zeichner*innen nach dem Zusammenbruch von Nazi-Deutschland eine ganz neue Tradition der Witzzeichnung begründen, um ihre politischen Kommentare in Wort, Strich und Bild zu veröffentlichen.

Birne und Genschman

Mit dem Kommunikationsmittel der Komik gehen Karikaturen-Zeichner*innen konfrontativ gegen die bestehenden Verhältnisse vor. Sie entlarven die vermeintlich heile Welt und das Handeln von Politiker*innen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Mal geschieht dies in wenigen Strichen und im direkten Angriff auf Personen und das politische Tagesgeschehen, mal dient eine sehr detailreiche Darstellung dazu, eine Situation der Lächerlichkeit des Alltags preiszugeben.

Während Bundeskanzler Kohl nicht erfreut über seinen Spitznamen „Birne“ war, freute sich Außenminister Hans-Dietrich Genscher umso mehr über seinen: Hier probiert er 1989 eine Genschman-Maske auf. Während Bundeskanzler Kohl nicht erfreut über seinen Spitznamen „Birne“ war, freute sich Außenminister Hans-Dietrich Genscher umso mehr über seinen: Hier probiert er 1989 eine Genschman-Maske auf. | Foto: © picture-alliance/dpa/Roland Holschneider Einige dieser Karikaturen schafften es in der Bundesrepublik nach 1945, in die Alltagssprache Einzug zu nehmen. So zeigte das Satiremagazin Titanic, das seit dem Jahr 1979 das politische Geschehen kommentiert, den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl immer wieder mit einer Birne als Kopf, bis der Spitzname „Birne“ in der Bundesrepublik in aller Munde war. Und auch Kohls Außenminister Hans-Dietrich Genscher blieb nicht verschont: Nachdem Genscher 1989 einen Herzinfarkt erlitten hatte, stellte Titanic den FDP-Politiker in der Manier des Comic-Superhelden Batman dar und titelte: „Genschman darf nicht sterben!“ In der Folge entwickelten die Titanic-Satiriker*innen einen ganzen Comic um die Superhelden-Gestalt. Auch die Bezeichnung „Genschman“ etablierte sich im Volksmund als Bezeichnung für den Außenminister der deutschen Wiedervereinigung. „Birne“ war so mit Helmut Kohl verknüpft, dass selbst anlässlich seines Todes 2017 dieses Bild selbstverständlich wieder aufgegriffen wurde, wie hier in der Karikatur von Andreas Prüstel. „Birne“ war so mit Helmut Kohl verknüpft, dass selbst anlässlich seines Todes 2017 dieses Bild selbstverständlich wieder aufgegriffen wurde, wie hier in der Karikatur von Andreas Prüstel. | Foto (Detail): © picture alliance/dieKLEINERT.de/Andreas Prüstel

Früher belächelt, heute im Museum

Mittlerweile wird auch der Cartoon gleichwertig zur Karikatur gezählt. Großer Beliebtheit erfreuen sich Formate wie der wöchentlich in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erscheinende Cartoon „Am Rande der Gesellschaft“ des Cartoonisten-Duos Hauck & Bauer. Manche Cartoons finden aber auch über die Sozialen Medien weite Verbreitung: Ein Cartoon des Zeichners Ralph Ruthe zur Debatte um die Schulstreiks der Fridays for Future-Bewegung zog nicht nur im deutschen Original weite Kreise. Auch die Übersetzung des Cartoons ins Englische wurde in den sozialen Netzwerken tausende Male geteilt und weltweit diskutiert und belacht.
 


Ja, auch Goethe fand seinen Weg in die Meme-Szene. Das Originalgemälde stammt von Joseph Stieler aus dem Jahr 1828. Wer das Meme verbrochen hat? Man weiß es nicht. Ja, auch Goethe fand seinen Weg in die Meme-Szene. Das Originalgemälde stammt von Joseph Stieler aus dem Jahr 1828. Wer das Meme verbrochen hat? Man weiß es nicht. | Foto (Detail): © gemeinfrei Sowohl Karikaturen als auch Cartoons sind heute im Alltag viel präsenter als je zuvor und längst nicht mehr nur in gedruckten Medien zu finden. Insbesondere durch politische TV-Satiremagazine wie beispielsweise die ZDF heute show, in der Karikaturen und Cartoons das Stand-up -Programm des Moderators zu Beginn jeder Folge illustrieren, sind sie fester Bestandteil der TV-Kultur geworden. Mittlerweile haben dort auch die aus dem Internet stammenden Memes Einzug gehalten. Vor allem aber in den sozialen Netzwerken drücken Nutzer*innen ihre schlechte Laune mit der genervt dreinschauenden „Grumpy Cat“ aus, feiern Erfolge mit dem „Success Kid“-Meme, auf dem ein Baby am Strand entschlossen in die Kamera schaut und seine Hand voll Sand zu einer Faust ballt, oder auf Dinge mit dem verständnislosen „Facepalm“-Meme reagieren, das am häufigsten den Schauspieler Patrick Stewart in seiner Rolle als Jean-Luc Picard in Star Trek zeigt, der vor Fremdscham sein Gesicht in seiner Hand verbirgt.

Die Etablierung und Verbreitung der Karikatur und des Cartoons hat dazu geführt, dass satirischen Zeichnungen eine andere Wertschätzung entgegengebracht wird. Wurde die Karikatur vor einigen Jahrzehnten noch als niedere Kunstform belächelt, so wird sie heute in Museen ausgestellt und mit Preisen bedacht. Das Caricatura Museum in Frankfurt und das Wilhelm Busch Museum für Deutsche Karikatur in Hannover stellen Karikaturist*innen wie Greser & Lenz, Gerhard Haderer und Frank Hoppmann aus. Daneben werden seit über 15 Jahren die besten Karikaturen und Cartoons mit dem Deutschen Cartoonpreis, der jährlich zur Frankfurter Buchmesse verliehen wird, und dem Deutschen Karikaturenpreis prämiert.

  • Heute werden Karikaturen und Cartoons mit Preisen geehrt: Der Gewinner des Deutschen Karikaturenpreis 2020. Foto: © Marunde / Deutscher Karikaturenpreis
    Heute werden Karikaturen und Cartoons mit Preisen geehrt: Der Gewinner des Deutschen Karikaturenpreis 2020.
  • Wie viele andere Einsendungen auch, hatte der Gewinner der Newcomer-Kategorie das Leben während der Coronapandemie zum Thema. Foto: © Felix Gropper / Deutscher Karikaturenpreis
    Wie viele andere Einsendungen auch, hatte der Gewinner der Newcomer-Kategorie das Leben während der Coronapandemie zum Thema.
  • Wie viele Einzelfälle braucht es, bis eine Tat kein Einzelfall mehr ist? Eine satirische Kritik daran, dass vor allem rechtsextreme Gewalttaten von der Politik immer wieder als „Einzelfälle“ deklariert werden, hat Platz 2 erreicht. Foto: © Miriam Wurster / Deutscher Karikaturenpreis
    Wie viele Einzelfälle braucht es, bis eine Tat kein Einzelfall mehr ist? Eine satirische Kritik daran, dass vor allem rechtsextreme Gewalttaten von der Politik immer wieder als „Einzelfälle“ deklariert werden, hat Platz 2 erreicht.
  • Beim Karikaturenpreis 2019 drehten sich viele Einsendungen um den Klimawandel und die oft scheinheiligen, vermeintlichen Lösungen – wie hier beim Newcomer-Preis... Foto: © LAHS / Deutscher Karikaturenpreis
    Beim Karikaturenpreis 2019 drehten sich viele Einsendungen um den Klimawandel und die oft scheinheiligen, vermeintlichen Lösungen – wie hier beim Newcomer-Preis...
  • … und beim Preis für den Publikumsliebling. Foto: © Til Mette / Deutscher Karikaturenpreis
    … und beim Preis für den Publikumsliebling.

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