Pressekodex „Selbstzensur“ in deutschen Redaktionen

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Die Zensur der Presse ist per Grundgesetz verboten. Doch haben sich Journalisten mit dem Pressekodex selbst ethische Normen auferlegt. Weil im Redaktionsalltag immer wieder Konflikte entstehen, auf die das Regelwerk keine eindeutige Antwort liefert, müssen die Redaktionen häufig selbst abwägen.

Ein Angeklagter springt während der Verhandlung auf und feuert aus einem Revolver zuerst auf den Richter, verfehlt ihn aber. Dann zielt er auf den Staatsanwalt und verletzt ihn mit drei Kugeln so schwer, dass dieser noch auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt. Der 11. Januar 2012 ist ein Tag, der Entsetzen im Amtsgericht Dachau und dem gesamten Münchener Umland auslöst.

Eine presseethische Grauzone

Am nächsten Tag berichten Lokalzeitungen von der Tat und nennen den überlebenden Richter mit vollständigem Namen. Auch Sueddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger und seine Redaktion wollen über den Vorfall schreiben. Sie müssen abwägen: den vollständigen Namen des Richters im Internet verbreiten oder ihn lediglich gekürzt veröffentlichen. Damit betritt die Redaktion eine presseethische Grauzone.

Bezieht man sich auf den Richter als Lokalprominenz, ist es legitim, den Namen zu nennen. So handhabten es in diesem Fall diverse Lokalausgaben. Man kann argumentieren, dass die Archive kleiner Lokalzeitungen nicht für jeden sofort einsehbar sind, und die Privatsphäre des Mannes über den Bereich, in dem er ohnehin einer breiten Öffentlichkeit bekannt war, gewahrt wurde. Sueddeutsche.de hat jedoch eine hohe Reichweite in Deutschland und ist weltweit einsehbar. Der Presskodex besagt, dass über „(…) Personen, die an der Rechtspflege beteiligt sind, wie beispielsweise Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Sachverständige“ in der Regel nicht identifizierend berichtet werden darf, „wenn sie ihre Funktion ausüben“.

Plöchinger will die Identität des Richters schützen. Er und seine Kollegen entscheiden, den Namen lediglich abgekürzt zu veröffentlichen. „Im Netz stellt man keine lokale, zeitlich begrenzte Öffentlichkeit her, sondern eine räumlich und zeitlich unbegrenzte“, sagt Plöchinger.

Herausforderungen für den digitalen Journalismus

Zwar würden die Grundprinzipien des Pressekodex auch für den digitalen Journalismus gelten, doch müsse man „die Regeln für den konkreten Raum des eigenen Mediums anpassen“, so Plöchinger.

Die Grundfassung des Pressekodex stammt von 1973. Er enthält die vom Deutschen Presserat festgelegten publizistischen Grundsätze, zu denen im Wesentlichen die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde, die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sowie die Sorgfaltspflicht zählen. Bei der Wahrung der Grundsätze nimmt der Presserat Beschwerden von Bürgern zur Berichterstattung in der Presse entgegen – jeder kann sich beschweren.

Zu den Grundsätzen gehört ebenso, dass die Privatsphäre geachtet wird, keine unlauteren Methoden zur Informationsbeschaffung angewendet werden und auf unangemessene Brutalität in der Berichterstattung verzichtet wird.

Der Pressekodex liefert einen Rahmen der Orientierung, entlang dessen Redaktionen Selbstzensur gestalten. Je nach Fall und Medium kann sich die Wahrnehmung und Dringlichkeit der Regeln ändern. Wie beispielsweise Privatsphäre wahrgenommen wird, ändert sich zunehmend durch die ortsunabhängige Verfügbarkeit des Internets. Dort sei jedes Medium und damit jede erwähnte Person potenziell global, so Plöchinger. „Wenn andere Lokalmedien im Netz keine Rücksicht darauf nehmen, entbindet mich das nicht von meiner Verantwortung, im Gegenteil. Manche Leser werden uns die Zurückhaltung danken, und wir werden danken, dass wir solche Leser haben.“

Zur Anpassung an die Möglichkeiten des Internets gehört es auch, sich in heiklen Fällen den Lesern gegenüber zu erklären. So geschehen bei Sueddeutsche.de im Fall des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik, der im Juli 2011 die Anschläge von Oslo und Utøya mit 77 Toten verübte. Die Redaktion entschloss sich nach langen internen Debatten, Fotos von Breivik zu zeigen und erläutert dies ausführlich in dem Redaktionsblog SZblog.

Die Moral beginnt beim Autor selbst

Ob sich eine Redaktion gegen die Veröffentlichung von Informationen entscheidet, liegt nicht zuletzt an ihrem moralischen Selbstverständnis und der Ausrichtung ihres Mediums, wie ein Blick in den Norden zeigt: „Wir haben das Foto von Behring Breivik einmal abgedruckt und dann nie wieder“, sagt Lars Haider, Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt. „Wir wollten dem Mann kein Forum bieten.“

Die große norddeutsche Regionalzeitung versteht sich seit jeher als Zeitung für Familien. „Wir drucken generell keine Fotos von Kriminalopfern oder Tätern, die wir ohnehin durch Verpixeln unkenntlich machen müssten“, sagt der Abendblatt-Chef.

Als handlungsleitende Maxime im Umgang mit heiklen Themen arbeite er, so Haider, mit einer griffigen Formel: „Überlege dir immer, ob du das Geschriebene auch über dich lesen wollen würdest.“

Wenn Zweifel bleiben, könne man schließlich immer noch zum bewährten Mittel greifen: auf die Veröffentlichung verzichten, sagt Stefan Plöchinger.