Netzwerk Recherche Die Kontrolle der Macht

Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche
Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche | Foto (Ausschnitt): © Netzwerk Recherche

Investigative Journalisten haben einen besonderen Ruf: Sie stören, weil sie nachfragen und nicht zufrieden sind mit dem, was man ihnen hinwirft. Sie verlangen Erklärungen, wollen Einsicht in die Akten. Sie sind manchmal überraschend gut informiert, aber sie geben ihre Quellen nicht preis. Seit 2001 haben sie sich in Deutschland zu einem Verein zusammengeschlossen.

Das Ziel des Vereins Netzwerk Recherche (NR) ist es, Recherchearbeit in den Redaktionen aller Medien zu stärken, Recherchetechniken zu vermitteln und Kollegen bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Denn: „Recherche zählt zu den Kernaufgaben jedes Journalisten – aber leider wird gerade die Recherchearbeit oft sträflich vernachlässigt“, sagt Oliver Schröm, Geschäftsführer von NR.

Sparzwänge, der Verlust von Anzeigenkunden, der Abdruck kostenloser PR-Berichte, die Zusammenlegung von Redaktionen, die Entlassung fest angestellter Journalisten – in vielen Redaktionen fehlen schlichtweg Zeit und Geld für langwieriges Recherchieren; und möglicherweise auch der Mut, diese aufwendige Informationssuche einem Verleger gegenüber zu vertreten.

Redaktionen arbeiten zusammen

Deswegen hat NR dazu beigetragen, dass Redaktionen bei komplexen Themen zusammenarbeiten. So haben der Norddeutsche Rundfunk (NDR) und die Rechercheure der Süddeutschen Zeitung in einer 2013 abgedruckten Serie akribisch ermittelt, wo in Deutschland die Dienststellen sitzen, die mit dem US-amerikanischen Geheimdienst NSA zusammenarbeiten, und wie die Kooperation zwischen den Diensten funktioniert. Und nur durch gemeinsamen Druck verschiedener Medien war das Bundesinnenministerium im Sommer 2013 bereit, den vollständigen Doping-Bericht mit Fakten über die Vergabe leistungssteigernder Mittel an Profisportler und Olympiateilnehmer seit 1950 der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Verein stellt Mentoren und unterstützt die Ausbildung von Journalisten aktiv durch Seminare. Ein wichtiger Teil der Arbeit besteht in der Vermittlung von Recherchetechniken. Zwar sind Behörden, ebenso wie öffentliche GmbHs und andere Firmen im Staatseigentum, zur Offenheit verpflichtet. Doch was tun, wenn ein Oberbürgermeister schweigt oder ein Amt nur Ausflüchte verteilt? Antworten auf solche Fragen liefert NR in Fachkonferenzen, Werkstätten und Publikationen.

„Sicherheit vor Schnelligkeit“

Im Jahr 2006 veröffentlichte der Verband einen Medienkodex, der in zehn knapp formulierten Leitsätzen Orientierung für die berufliche Praxis geben soll. Grundsätze wie „Sicherheit vor Schnelligkeit“, uneingeschränkter Informantenschutz und Verzicht auf Vorteilsnahme gehören dazu.

Der Verein verleiht jedes Jahr den „Leuchtturm Recherche“ an besonders verdienstvolle Rechercheure und einen Negativpreis – die „Verschlossene Auster“ – an die „Informationsblockierer“ des Jahres. Preisträger des Leuchtturms waren 2013 die Journalisten Michael Obert und Moises Saman für ihre Reportage über rechts- und gesetzlose Banden in der Sinai-Wüste. Die Verschlossene Auster ging unter anderem an die FIFA (Féderation Internationale de Football Association) und den damaligen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich.

Leiche im Keller

2011 geriet NR in eine Krise – ausgerechnet zu seinem zehnjährigen Bestehen. Der langjährige Geschäftsführer Thomas Leif musste wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten zurücktreten. Leif hatte Fördermittel angefordert, obwohl sie dem Verein nicht zustanden. Dies erschütterte die Glaubwürdigkeit eines Verbandes, der sich selbst Anstand und Wahrhaftigkeit auf die Fahnen geschrieben und nun eine „Leiche im Keller“ hatte. Das Geld wurde zurückgezahlt, der Vorstand neu gewählt, die Strukturen gestrafft.

Heute wird NR von Oliver Schröm (ehemals Lokalredakteur in Füssen) und Julia Stein (Team Recherche des Norddeutschen Rundfunks NDR) geleitet. Der Verein finanziert sich durch Mitglieds- und Teilnehmerbeiträge, Fördergelder von öffentlichen und privaten Institutionen, Anzeigeneinnahmen und Spenden. Verschiedene Verlage und Sender wie Gruner und Jahr, der NDR, der Westdeutsche Rundfunk oder die Süddeutsche Zeitung sind Gastgeber der regelmäßigen Konferenzen.

Wie nutzt man effektiv Datenbanken?

Einmal im Jahr treffen sich die Vereinsmitglieder beim NDR in Hamburg zur Jahreskonferenz. Etwa 900 kamen im Juni 2013 zusammen. Schwerpunktthemen waren Open Data, die Nutzung von Datenbanken sowie die Recherche in Zeiten des Online-Journalismus. Ein Punkt, den Georg Mascolo, ehemaliger Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, bei seiner Rede ansprach, ließ aufhorchen. Das Informationsfreiheitsgesetz, das seit 2006 allen Interessierten das Recht auf Zugang zu amtlichen Informationen von Bundesbehörden zusichert, sei nicht nur ein Instrument für Journalisten. Auch viele Bürger in Nichtregierungsorganisationen nutzen diesen Weg der Informationsbeschaffung und bedienen sich der Möglichkeiten des Social Web. Welche Chancen dies für den investigativen Journalismus bietet – das wird vielleicht Thema des nächstes Netzwerktreffens.