„sprengsatz“-Weblog Von der Nischenveranstaltung zum erfolgreichen Blog

Michael H. Spreng und sein Blog „sprengsatz“
Michael H. Spreng und sein Blog „sprengsatz“ | Foto (Ausschnitt): Peter Garbet © iStockphoto

Keine Foto-Klickstrecken oder grafischen Spielereien. „sprengsatz“, das Blog des Journalisten und Politikverstehers Michael H. Spreng, kommt erfrischend puristisch daher. Mit spitzer Feder analysiert er das Berliner Politikgeschehen.

Herr Spreng, in einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ wurden Sie als „lesenswerte Stimme in einer ansonsten an politischen Köpfen eher armen Blogosphäre“ bezeichnet. Was möchten Sie mit Ihrem Politik-Blog „sprengsatz“ bewirken? Ist der Name da schon Programm?

Der Name bot sich an und erzeugt Aufmerksamkeit. Ich möchte für politisch Interessierte die Berliner Politik analysieren, verständlich und durchschaubar machen: Was ist Politik und was ist Inszenierung, was ist ernst zu nehmen und was ist Wahlkampf? Und ich will dem einen oder anderen Kollegen Denkanstöße geben. Dass dies gelegentlich gelingt, beweisen die häufigen Zitate aus dem sprengsatz in anderen Medien.

Welche Bedeutung haben Weblogs Ihrer Meinung nach in Deutschland?

Die Bedeutung ist noch ausbaufähig. Aber sie strahlen auf die Politik ab, können Diskussionen anregen und Themen auf die Agenda setzen, Begriffe prägen. In meinem Fall zum Beispiel die Begriffe „Schwarmfeigheit“ für anonyme Enthüllungen im Internet und „Mißfelderisierung“ für die neue Generation flacher, angepasster und von der Politik existenziell abhängiger Jungpolitiker. Oder die Anregung, die politischen Verhältnisse in Niedersachsen als „Erbfreundschaft“ zu bezeichnen – ein Begriff, der sich durchgesetzt hat.

Wie kommt es, dass hierzulande die Entwicklung von Blogs – im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten und auch anderen Ländern in Europa – immer noch hinterherhinkt? An fehlenden schnellen Breitband-Internetverbindungen kann es ja nicht liegen. Sind wir denn ein Blog-Entwicklungsland?

Blogs sind eine brotlose Kunst. Viele schrecken davor zurück, weil sie nur Kosten verursachen und keine Einnahmen generieren. Und in Deutschland fehlt eine Huffington Post, die werthaltig ist.

Vom Graswurzel-Journalismus zur vielzitierten „virtuellen Gegenwirklichkeit“. Inwieweit nehmen oder nahmen Blogs bereits Einfluss auf die traditionellen Medien?

Wie gesagt, sie setzen im besten Fall Themen auf die Medienagenda oder politische Agenda. Wirkliche Bedeutung haben bisher nur die Wiki-Plattformen wie Guttenplag erreicht, die Minister zu Guttenberg den Job genommen und anderen Politikern die Karriere zerstört haben.

Welche Gefahren birgt das Bloggen?

Keine, wenn man sprachlich und inhaltlich verantwortungsvoll mit den Themen umgeht. Die Gefahr geht eher von den Kommentaren zu den Beiträgen aus. Dort melden sich anonym auch viele Rechts- und Linksradikale und Spinner zu Wort. Deshalb erscheinen bei mir nur Kommentare, die ich daraufhin überprüft habe, ob sie strafrechtlich relevant sind oder grob verunglimpfend. Eine finanzielle Gefahr für die Blogs ist auch, dass die Gerichte sie wie mächtige Medienkonzerne behandeln und ihnen auch alle Kosten für Gegendarstellung/Widerruf und Unterlassung aufdrücken. Daran kann ein Blog kaputtgehen.

Wie beurteilen Sie den journalistischen Wandel durch Weblogs? Ist die immer wieder heraufbeschworene Vorstellung, dass die gedruckten Zeitungen eines Tages verschwinden, realistisch? Ist „netizen journalism“ der Journalismus der Zukunft?

Ja und nein. Die Gefahr geht mehr von den kostenlosen Onlineangeboten der Medien aus. Eine machtvollere Blogszene bekommen wir in Deutschland erst, wenn Blogs refinanzierbar sind. Die guten Zeitungen, die mit klugen Analysen und Kommentaren, mit blendend geschriebenen Reportagen und Enthüllungsgeschichten einen Mehrwert liefern, werden überleben.

Noch eine letzte Frage, was wünschen Sie sich für Ihr Blog, was sind Ihre Pläne?

Da mein Blog mein Hobby ist, werde ich weiter mit meiner Meinung und Analyse und den Anekdoten versuchen, so viele User wie möglich zu erreichen. Zurzeit sind es 170.000 bis 200.000 Visits im Monat. Und ich muss irgendwann versuchen, durch Werbung Einnahmen zu erzielen. Weitere Pläne habe ich nicht. Der sprengsatz soll ein puristischer Blog für Leser sein, die keine Foto-Klickstrecken, keine grafischen Spielereien wollen.

Michael H. Spreng, Jahrgang 1948, gehört zur Riege der bekanntesten und streitbarsten deutschen Journalisten. Von 1989 bis 2000 war er Chefredakteur der Bild am Sonntag. Bis Ende 2008 schrieb er als politischer Kolumnist unter anderem für das Hamburger Abendblatt. Seine Tätigkeit als Wahlkampfmanager von Edmund Stoiber im Bundestagswahlkampf 2002 bezeichnete er gegenüber der Süddeutschen Zeitung einmal als „einmaligen Abenteuerurlaub“. Heute arbeitet er als Medien- und Kommunikationsberater und ist häufiger Gast in politischen Talk-Shows.

2009 ist Spreng auch unter die Blogger gegangen. In seinem gut besuchten Weblog sprengsatz kommentiert und analysiert er aktuelle Ereignisse aus dem Berliner Politikbetrieb. Besonders aufmerksamkeitsstark waren seine Beiträge Schwarm-Intelligenz und Schwarm-Feigheit und Die Jäger müssen sich stellen, in denen Plagiatsaffären und anonyme Plagiatsjäger kritisch beleuchtet wurden. Er selbst sieht seinen Blog als „verlängerte Werkbank seiner journalistischen Lust am Schreiben, Analysieren und Kommentieren“.