Deutsche Wochenpublikationen Hintergründe anstatt Tagesaktualität

Die deutschen Wochenzeitungen
Die deutschen Wochenzeitungen | Foto (Montage): © PR

Politische Wochenzeitschriften müssen nicht tagesaktuell berichten. Sie konzentrieren sich auf Hintergründe, Analysen und Geschichten, die auch wenige Wochen später noch interessant sind. In Deutschland gibt es vier große Wochenpublikationen.

Seit Jahren befinden sich Tageszeitungen weltweit in der Krise. Einnahmen sinken und gleichzeitig verlieren sie an Bedeutung, da immer mehr Leser ins Internet abwandern. Wochenzeitschriften müssen bei dem Rennen um Aktualität nicht mithalten. Sie behandeln zwar oft die gleichen Themen wie Tageszeitungen, tun dies aber umfangreicher und tiefgründiger. Die Texte stellen Zusammenhänge dar, gehen auf Hintergründe ein oder ziehen Schlüsse aus der Vergangenheit.

Der Meinungsmacher

Die bekannteste Wochenzeitschrift ist Der Spiegel. Das Nachrichtenmagazin erscheint jeden Montag im SPIEGEL-Verlag in Hamburg und verkauft wöchentlich rund 950.000 Exemplare (II. Quartal 2011). Das Magazin liefert lange Hintergrundberichte zum politischen Geschehen in Deutschland und in der Welt, berichtet aber auch über Betrugsaffären, Sexualverbrechen und Enthüllungen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Vor 20 Jahren noch vertrat das Magazin linke Positionen. Jetzt gilt es als liberal und wirtschaftsfreundlich. Kritiker halten dem Spiegel oft plumpe Meinungsmache vor. Fakt ist: Der Spiegel polarisiert und stößt so regelmäßig Debatten an, wie im Jahr 2010, als er Auszüge aus dem umstrittenen Buch von Thilo Sarrazin Deutschland schafft sich ab vorab druckte.

1947 von Rudolf Augstein gegründet, setzte sich das Magazin in der Anfangszeit vehement für Meinungs- und Pressefreiheit ein und deckte schon frühzeitig politische Affären auf. 1962 machte die „Spiegel-Affäre“ das Magazin berühmt. Nachdem es kritisch über das Verteidigungskonzept der Nato berichtet hatte, wurde die Redaktion von der Polizei durchsucht und einige Redakteure verhaftet. Die Öffentlichkeit war empört. Das Verfahren wurde eingestellt und Der Spiegel hatte viele neue Leser gewonnen: junge Menschen und kritische Intellektuelle, die ihn nun als Garant für Meinungsfreiheit sahen.

Fotos und Geschichten

Das Wochenmagazin Stern legt traditionell großen Wert auf Fotografie. Das Blatt enthält zahlenmäßig weniger Artikel als die anderen Wochenzeitschriften und lädt wegen der vielen doppelseitigen Fotos zum Blättern ein. Zwar werden auch politische Themen behandelt, doch nicht als Hintergrundberichte und Analysen. Im Stern liest man Geschichten, die lebendig und bildhaft geschriebenen sind. Das Magazin will unterhalten und berichtet auch über Stars. Es erscheint donnerstags bei Gruner+Jahr in Hamburg. 1983 verursachte es einen Presseskandal: Die Redaktion glaubte, geheime Tagebücher von Adolf Hitler entdeckt zu haben und veröffentlichte erste Auszüge daraus. Eine Sensation – dachte man. Eine Woche später erwiesen sich die Bücher als Fälschungen.

Text-Häppchen und Grafiken

Der Münchener Burda Verlag brachte 1993 das Nachrichtenmagazin Focus als Konkurrenzblatt zum Spiegel auf den Markt. Die Texte im Focus sind kürzer als im Spiegel. Zur besseren Lesbarkeit sind sie in kleine Abschnitte eingeteilt und mit farbigen Grafiken und Illustrationen ausgestattet. Der Focus richtet sich an mittelständische Unternehmer und karrierebewusste Menschen, die sich kurz und knapp informieren möchten, ohne Debatten und Diskussionen. Viele Artikel haben einen starken Servicecharakter. Die Redaktion gibt Verbrauchertipps und listet Vergleiche von Telefonkosten, Geldanlagen oder Ärzten.

Die große Intellektuelle

Bildungsbürger und Akademiker lesen die Wochenzeitung Die Zeit, die jeden Donnerstag im Zeitverlag in Hamburg erscheint. Sie hat das Format einer Tageszeitung und ist genauso aufgebaut. Die Zeit vereint alle oben genannten Tugenden einer Wochenzeitung, ist daher relativ schwere Kost: Die meisten Artikel sind eine ganze Zeitungsseite lang, sie zeigen Hintergründe, analysieren und betrachten Themen aus verschiedenen Blickwinkeln. Dabei lässt das Blatt, das als bürgerlich-liberal bezeichnet werden kann, auch unterschiedliche Meinungen zu. Wenn es um kontroverse Themen wie Gentechnik oder wie die aktuelle Debatte über Euro-Bonds geht, stellt die Redaktion zwei gegensätzliche Meinungen als Pro und Contra gegenüber. So kann der Leser sich selbst eine Meinung bilden. Das Feuilleton mit Rezensionen von Theaterstücken, Ausstellungen, Büchern, Filmen und CDs von Pop bis Klassik ist im deutschen Kulturbetrieb richtungsweisend.

Die kleinen Linken aus Berlin

Seit 2009 führt Jakob Augstein, Sohn des Spiegel-Gründers, die linke Wochenzeitung der Freitag, die mit dem britischen Guardian kooperiert. Print- und Onlineausgabe sind eng aneinander gekoppelt. Die Leser werden im Internet eingebunden und schreiben in einer eigenen Rubrik auch Texte. Zwar verkauft der Freitag nur 15.000 Exemplare pro Woche, allerdings könnte er bald relevanter werden, da die Zeitung als eine von wenigen Medien neue Ideen und Konzepte ausprobiert. Erwähnt werden sollte außerdem noch die linkspolitische Wochenzeitung Jungle World. Sie ist ein idealistisches Blatt, das deutschlandweit erscheint.