Transmediale Interplanetar – die Transmediale 2013 in Berlin

Das „OCTO“-Rohrpostsystem auf der Transmediale 2013
Das „OCTO“-Rohrpostsystem auf der Transmediale 2013 | Foto (Ausschnitt): Sabine Kelka

Das jährlich in Berlin stattfindende „Festival for art and digital culture“, die Transmediale, widmete sich 2013 einer vergangenen Zukunft. Unter anderem wurde über den Status des Himmelskörpers Pluto abgestimmt.

Das Votum im Haus der Kulturen der Welt, dem zentralen Veranstaltungsort der Transmediale, fiel eindeutig aus: 357 Kontra-Stimmen standen 269 Pro-Stimmen gegenüber. Soeben waren die Besucher der Eröffnungszeremonie der Transmediale 2013 vom künstlerischen Leiter des Festivals, dem in Berlin lebenden schwedischen Medienarchäologen Kristoffer Gansing, aufgefordert worden, mit gelben Wahlzetteln über nichts Geringeres als über den planetarischen Status von Pluto abzustimmen. Dem Himmelskörper war im Jahr 2006 in einer umstrittenen Abstimmung unter Astronomen in Prag der Status als Planet aberkannt worden. Nachdem sich das Festivalpublikum anhand von Plädoyers ein Bild über die damalige Entscheidung gemacht hatte, wagte man nun einen neuen Anlauf zur Abstimmung – und scheiterte mit dem (eher künstlerischen als wissenschaftlichen) Versuch, Pluto wieder in die Riege der Planeten aufzunehmen.

Postdramatische Eröffnung

Seit Gansing 2012 mit der Jubiläumsausgabe der 1988 noch als „VideoFest“ gestarteten Transmediale die Festivalleitung übernahm, erinnern die Eröffnungszeremonien der Transmediale eher an Inszenierungen aus dem Bereich des „Postdramatischen Theaters“. Ob das Auditorium des Hauses der Kulturen der Welt in Momenten wie diesen eher ein Ort der förmlich gehaltenen Repräsentation war oder vielmehr ein Ort, an dem eine förmlich gehaltene Repräsentation aufgeführt wird, entscheiden in diesem Sinn die Besucher. Betitelt nach dem gleichnamigen Internet-Phänomen BWPWAP – Back When Pluto Was a Planet – wagte die Transmediale 2013 einen Rückblick in eine nicht genauer bestimmte Vergangenheit, in der unter anderem „User Minitel benutzten“, „Fax das neue Telex“, gerade die „Geschichte zu Ende gegangen“ war und „wir neun Planeten hatten“, wie es in einem kuratorischen Statement zum Festival heißt.

Konnte das Festivalthema auf den ersten Blick als Retrogehabe verstanden werden, erwies es sich bei genauerem Hinsehen als der mutige Versuch, eine „Klassifikationskrise“ zu beschreiben, die neben untauglich oder zumindest fragwürdig gewordenen Begriffen wie „Medienkunst“ längst auch solche wie „Medienkunstfestival“ oder „Festival für digitale Kultur“ erreicht hat. Anhand von vier thematischen Strängen – Networks, Users, Paper und Desire – versuchte das Programm-Team um Gansing 2013, mit Ausstellung, Konferenz, Workshops, Filmprogramm, Konzerten und Performances über sechs Tage im Sinn kritischer Zustandsbestimmung „irreale sowie poetische Modi der Kulturkritik“ zu untersuchen, die diese Krise als Ausdruck einer generellen Zeiterscheinung thematisierten.

Böse Medien

Überraschenderweise war es unter den thematischen Strängen vor allem der dem Papier gewidmete, der die produktivsten Erkenntnisse hervorbrachte. Der Vortrag des New Yorker Dichters Kenneth Goldsmith über die poetischen Qualitäten computergenerierter Literatur etwa gehörte zu den hervorragenden Momenten des Festivals. Dass einige der Festivalformate den Besuchern einen Bruch mit Gewohnheiten abverlangten, gehörte für die Transmediale 2013 zum Konzept. Allen voran irritierte das von Jacob Lillemose kuratierte Ausstellung zum Festival zunächst, zeigte sie doch kaum künstlerische Arbeiten neueren Datums. In drei Bereiche aufgeteilt, wurde vielmehr auch hier auf die Vergangenheit zurückgegriffen.

Die an einer Wand gruppierten Arbeiten des Ausstellungsbereichs Tools of Distorted Creativity sprachen von einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der vermeintlichen Perfektion von Technologien – so in Jacob Nielsens Arbeit Desktop (Gravity Edition) von 2007, bei der die Bildschirmsymbole eines rotierenden Monitors der Drehung nachgeben und an den unteren Bildschirmrand fallen. Der Bereich des Evil Media Distribution Center versammelte Objekte oder Verfahren, die von 66 Personen als Beispiele für „bösartige Medien“ vorgeschlagen worden waren – von der Mikrowelle über Excel bis zum Tampon. Die Retrospektive der 1925 geborenen, eher unbekannten Medienkünstlerin Sonia Landy Sheridan nahm sich im Vergleich dazu fast schon klassisch aus, wirkte jedoch aus genau diesem Grund im Rahmen der Transmediale umso überraschender.

Zurück in die Zukunft

Wie um den thematischen Akt des Innehaltens omnipräsent zu machen, zog sich zusätzlich zur Ausstellung durch weite Teile des Hauses der Kulturen der Welt ein mit OCTO betiteltes altes Netzwerkmedium: ein Rohrpostsystem, das von den Besuchern mit eigenen Nachrichten bestückt werden konnte, die mit lautem Zischen unangemeldet in die über die Veranstaltungsräume verteilten Stationen eingingen und so manche Konferenzsession mit neuem Input anreicherten. Lebendige Ideen wie diese trugen 2013 zu einem konzeptuell starken Festival bei, das sich für seine nächste Ausgabe gleichwohl wird überlegen müssen, wohin man aus der BWPWAP-Vergangenheit wieder entfliehen kann.