ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 Mehr Rentner im Netz und fernsehen im Internet immer beliebter

Mehr als 34,5 Prozent der über 60-Jährigen im Web unterwegs.
Mehr als 34,5 Prozent der über 60-Jährigen im Web unterwegs. | Foto (Ausschnitt): Jacob Wackerhausen © iStockphoto

Mehr Rentner im Netz, öffentlich-rechtliche Mediatheken werden verstärkt genutzt, zeitsouveränes Abruf-Fernsehen ist im Kommen – das sind die zentralen Ergebnisse der jüngsten ARD/ZDF-Onlinestudie.

Was einst kaum vorstellbar war, gehört heute für viele zum Alltag: Reisen buchen, Bankgeschäfte erledigen, Bücher kaufen und Waren bestellen ohne zum Telefonhörer zu greifen oder einen Fuß vor die Tür zu setzen. Möglich gemacht hat das die rasante Entwicklung und Verbreitung des Internets im vergangenen Jahrzehnt. 73,3 Prozent der deutschen Bevölkerung, das bedeutet 51,7 Millionen Menschen, sind mittlerweile online. Diese neue Rekordmarke ist hauptsächlich auf die Rentner zurückzuführen, die die Welt des Internets für sich entdeckt haben.

Immer mehr „Silver Surfer“

Laut der neuen repräsentativen ARD/ZDF-Onlinestudie, die seit 1997 jährlich durchgeführt wird, haben die sogenannten „Silver Surfer“ mächtig aufgeholt. Derzeit sind mehr als 34,5 Prozent (rund sieben Millionen) der über 60-Jährigen im Web unterwegs. Das ist eine Steigerungsrate von 23 Prozent gegenüber 2010. Sogar die ab 70-Jährigen sind in der digitalen Welt angekommen. Fast 30 Prozent der Männer, demgegenüber allerdings nur rund 9 Prozent der Frauen in dieser Altersgruppe, sind im Internet aktiv. Überraschend, wenn nicht sogar zukunftsweisend ist, dass bei den ab 70-jährigen Onlinern inzwischen fast jeder Zehnte ein Soziales Netzwerk nutzt.

Die 14- bis 19-Jährigen sind flächendeckend online, aber das trifft mit 98,2 Prozent auch schon fast auf die 20- bis 39-Jährigen zu. Mit rund 52 Millionen Nutzern ist Deutschland zahlenmäßig der größte Internetmarkt in Europa. Prozentual gesehen sind jedoch die skandinavischen Länder und die Niederlande Spitzenreiter. Dort verfügen mittlerweile neun von zehn Bürgern über einen Internetzugang.

Hauptnutzungsgrund: E-Mails

Die tägliche Nutzungsdauer aller User in Deutschland liegt bei durchschnittlich 137 Minuten. Frauen investieren insgesamt weniger Zeit in Online-Aktivitäten: Sie sind im Schnitt pro Tag rund zwei Stunden im Netz, die männliche Bevölkerung kommt auf 150 Minuten. In erster Linie geht es um Information und Kommunikation. Besonders gefragt sind aktuelle Nachrichten aus dem In- und Ausland, was laut Studie aber nicht bedeutet, dass andere tagesaktuelle Medien wie beispielsweise Fernsehen und Radio weniger genutzt werden. Es hat allerdings eine Verschiebung zu Lasten der Printmedien stattgefunden, da das World Wide Web als Informationsquelle zeitlich schneller ist.

Der hauptsächliche Grund für die Nutzung des Internets ist nach wie vor der E-Mail-Versand. Ein leichter Rückwärtstrend zugunsten Sozialer Netzwerke zeichnet sich hier lediglich bei der jungen Generation ab. 71 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind regelmäßig in Onlinecommunitys aktiv.

Fernsehen im Internet auf dem Vormarsch

Vor zehn Jahren hatte es fast noch den Anstrich von Utopie: Fernsehen im Netz. Laut Studie liegt der Anteil derer, die live im Netz fernsehen, aktuell bereits bei 21 Prozent. Bei den 14- bis 19-Jährigen sind es sogar 30 Prozent. Die Nutzung von audiovisuellen Angebotsformen wie Videos, Video-Podcast oder Fernsehcontent im Internet als Livestream oder zeitversetzt nimmt sukzessive zu. Über die Hälfte der Befragten gab an, schon einmal Fernsehinhalte im Web gesehen zu haben. Das Internet-Videoportal YouTube steht bei der Bewegtbildnutzung an erster Stelle. Zweitplaziert sind die öffentlich-rechtlichen Mediatheken, die 2011 einen deutlichen Zuwachs verbuchen konnten.

Die Sehgewohnheiten verändern sich und zeitsouveränes Fernsehen wird zukünftig eine größere Rolle spielen. Gegenwärtig gilt zwar noch, dass die meisten Menschen ihren Alltag den Medien anpassen und nicht umgekehrt. Aber eine Trendwende wurde hier bereits bei jugendlichen Nutzern festgestellt.

Der Intendant des Hessischen Rundfunks und stellvertretende Vorsitzende der ARD/ZDF-Medienkommission Dr. Helmut Reitze stellt fest: „Die Menschen sehen, hören und lesen heute, was, wann und wo sie es wollen“. Das kann Heike J., eine 53-jährige Dokumentarin aus Frankfurt am Main, nur bestätigen. „Ich schaue Fernsehen über das Internet, weil ich ein anderes Programm als der Rest der Familie mag, und das macht mich unabhängig“. Dafür hat sie sich extra einen TV-fähigen Computer mit einem 22 Zoll großen Monitor gekauft. „Man kann das lineare Fernsehen sogar unterbrechen, das ist großartig“, fügt sie hinzu. Ihr 22-jähriger Sohn Ole durchstöbert häufig die Mediatheken nach Auslandsdokumentationen. „Toll, dass ich darauf als Abrufvideo Zugriff habe“, sagt er. Seine E-Mails ruft er, wie die meisten seiner Altersgenossen, mobil ab. „Das Netz schafft das Fernsehen nicht ab, sondern es wird zu einem wichtigen Ergänzungsmedium für die TV-Sender“, resümiert Markus Schächter, ZDF-Intendant und Vorsitzender der ARD/ZDF-Medienkommission.

Noch nutzen die meisten Menschen das klassische lineare Fernsehen. Gemütlich vor dem Bildschirm zu sitzen bedeutet nicht nur Entspannung, sondern die zu festen Zeiten ausgestrahlten Sendungen strukturieren auch den Tag. Sobald jedoch technologisch ausgereifte und massentaugliche hybride Monitore Einzug in die Wohnstuben gehalten haben, die keinen Unterschied mehr zwischen Internet und Fernsehen erkennen lassen, wird sich dies ändern.