„Bild-gegen-Bild“ Was vom Krieg übrig bleibt

Radenko Milak: „What Else Did You See? I Couldn’t See Everything!“
Radenko Milak: „What Else Did You See? I Couldn’t See Everything!“ | Foto (Ausschnitt): © Radenko Milak/Haus der Kunst

Jedes Ereignis wird heutzutage auf Bildern festgehalten. Jeder Mensch mit Kamera wird zur Bildquelle. Wie beeinflussen diese Möglichkeiten unsere Wahrnehmung von Kriegen und Konflikten? Ein Besuch in der Ausstellung „Bild-gegen-Bild“ in München.

Eine ganze Wand füllen die 151 Titelseiten internationaler Zeitungen, die kommentarlos nebeneinander hängen. Sie alle stammen vom selben Tag, dem 12. September 2001. Unheimlich, wie sehr sich die Titel ähneln. Fast durchweg zeigen sie das gleiche Motiv: Rauch über dem World Trade Center in New York. Ein Foto, das für sich selbst spricht. Es braucht keine erklärende Schlagzeile mehr, wenn man das Bild sieht. Der Text dazu entsteht ganz automatisch in den Köpfen der Betrachter. So, wie das Kürzel 9/11 umgekehrt eben diese Bilder hervorruft, die hier, direkt nebeneinander gehängt, den Eindruck erwecken, eine einzige Redaktion sei für alle Titelseiten verantwortlich gewesen.

Hans-Peter Feldmanns Installation 9/12 Frontpage legt die Frage nahe, warum von diesem Ereignis die immer gleichen Bilder zu sehen sind. Mögliche Antworten liefert die Ausstellungsbroschüre: „Dies lag einerseits in der Monopolstellung US-amerikanischer Fernsehsender, andererseits spielte die Kanalisierung und Auswahl des Bildmaterials durch Nachrichtenagenturen eine wichtige Rolle. Wenige Konzerne besitzen heute die Mehrheit der Zeitungen, Magazine, Fernsehkanäle, Radiosender, Verlage, Filmstudios sowie Internetdienste und teilen damit de facto nahezu die Gesamtheit der Medienmacht unter sich auf.“

Schmutziger Terrorismus, sauberer Krieg

„Jede Geschichte besteht in Wirklichkeit aus zwei Geschichten“, schreibt der amerikanische Kunsthistoriker William J. T. Mitchell. „Da ist einmal die Geschichte des tatsächlich Geschehenen und zum anderen die Geschichte der Wahrnehmung des Geschehenen. Die erste Art von Geschichte konzentriert sich auf Zahlen und Fakten, die zweite auf Bilder und Worte, die den Rahmen bestimmen, in dem Zahlen und Fakten erst ihre Bedeutung erlangen.“ Auf diese zweite Geschichte lenkt die Ausstellung Bild-gegen-Bild den Blick der Besucher. Wie beeinflussen Bilder unsere Wahrnehmung? Welche und wessen Werte vermitteln sie? Wie zuverlässig sind sie? Werden Ereignisse erst durch Bilder zu Ereignissen gemacht?

Fragen, die man sich in einer Medienwelt permanent stellen sollte, erst recht, wenn es um Kriege geht. Das Zusammenspiel von Krieg und Bildern ist das zentrale Thema der Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, das in seinen Anfangsjahren den Nationalsozialisten als Propaganda-Galerie diente. Im ersten Raum dokumentieren Tafeln Jahr für Jahr die Kriege und kommunikationstechnischen Neuerungen zwischen 1992 und 2012. Die künstlerischen Beiträge befassen sich mit Ereignissen und Entwicklungen zwischen dem Zweiten Golfkrieg (1990–1991) und dem Arabischen Frühling (2011).

Der Golfkrieg, so heißt es in der Einführung der Ausstellung, stelle einen wichtigen Wendepunkt dar. Art und Auswahl der Bilder waren ebenso neu wie deren Aussage. „Es dominierten Nachtsichtaufnahmen, Menschen waren in den Bildern beinahe vollständig abwesend. So wurde der Konflikt als ein Krieg zwischen Maschinen dargestellt“ – wie ein Computerspiel, bei dem keine Menschen zu Schaden kommen.

Verwischte Bilder, verwischte Eindrücke

Die Arbeiten der Künstler offenbaren, was Kriegsmacher und deren Partner in den Medien verschweigen oder verfälscht darstellen und zeigen, wie derartige Manipulationen funktionieren. Dabei bleiben die Installationen subtil und offen. Thomas Ruff fotografierte verlassene Gebäude, Straßen und Landschaften durch ein Nachtsichtgerät. So entstand die gleiche Optik wie in den Fernsehbildern von der Bombardierung Bagdads. Durch die Assoziation mit den Kriegsbildern werden die an sich willkürlichen Motive zu gefühlten Angriffszielen, als habe jemand ein Fadenkreuz darüber gelegt.

Monika Hubers Projekt Einsdreißig entstand während des Arabischen Frühlings. Sie hinterfragt die Informationsquellen, auf deren Basis sich die Menschen im Westen ihre Meinungen bilden. Der Titel der Bilderserie steht für die übliche Länge eines Beitrags in den TV-Nachrichten: Eine Minute, 30 Sekunden. Huber fotografierte Bilder aus Fernsehbeiträgen ab und übermalte sie stellenweise. So verfremdet lassen sich die Bilder keinem konkreten Ort oder Ereignis mehr zuordnen. Dennoch assoziiert der Betrachter sie intuitiv mit Krieg oder Aufstand und verortet sie auch geografisch, überwiegend nach Nordafrika oder in den Nahen Osten. Die Bilder werden zu austauschbaren Symbolen für Kriege und Konflikte in Krisenregionen. Doch welchen Aussagewert haben austauschbare Bilder? Kann ein abstrakter Konflikt noch berühren? Bild-gegen-Bild ist ein Beitrag gegen die Routine des Medienkonsums und eine Schule der Wahrnehmung.