Hörfunk in Deutschland Auf dem Weg ins digitale Zeitalter

Nahezu alle Radioprogramme werden bereits seit Mitte der 1990er-Jahre digital produziert.
Nahezu alle Radioprogramme werden bereits seit Mitte der 1990er-Jahre digital produziert. | Foto (Ausschnitt): TMSK © iStockphoto

Trotz der Neuen Medien verzeichnet der traditionelle Hörfunk hohe Reichweiten und stabile Werbeumsätze. Dennoch gelten Digitalisierung, Internet-Nutzung und neue mobile Endgeräte als Herausforderungen für die deutschen Radio-Sender.

Seit seiner Einführung in der Weimarer Republik und der medienpolitischen Neuordnung im Nachkriegs-Deutschland konnte das Radio seine Stellung in der Medienrezeption der Deutschen behaupten. Vermutlich ist das eine Sache der Tradition oder der Gewohnheit: Seit im Februar 1949 der erste Ultrakurzwellen-Sender Europas in Bayern in Betrieb genommen wurde, haben sich rund 300 Millionen UKW-Radios in deutschen Haushalten angesammelt.

Vielfältiges Angebot

Im Jahr 1981 rief das Bundesverfassungsgericht die duale Rundfunkordnung ins Leben, den Grundstein für das Nebeneinander von öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk in Deutschland. Eine Folge dieses Urteils: Die wichtigsten privaten Medienkonzerne der Republik sind in unterschiedlichem Maß auch im Hörfunk aktiv. Der werbefinanzierte kommerzielle Hörfunk gilt als Vorreiter für eine bundesweite Orientierung auf Format- und Spartenradios mit geringem Wortanteil und kleinem redaktionellen Aufwand. Dennoch ist der Hörfunk in Deutschland seit Einführung des privaten Hörfunks vielfältiger geworden.

Zurzeit gibt es in Deutschland 58 öffentlich-rechtliche Stationen auf Länder- und Bundesebene, 222 Privatsender und 113 sonstige, etwa nichtkommerzielle Uni-Radios. Die Musikfarben und Wortinhalte der Sender sind jeweils auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten. Das Angebot reicht vom Kinder- bis zum Seniorenprogramm, vom Jazz- bis zum Klassiksender und vom hochwertigen Informations- oder Kulturkanal wie dem bundesweit ausgestrahlten, öffentlich-rechtlichen Deutschlandradio – mit den drei Sendern Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wisen – oder dem deutschen Auslandssender Deutsche Welle bis zur reinen Musik-Unterhaltung durch private Lokalsender.

Laut Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse hörten die Deutschen im Jahr 2011 pro Tag durchschnittlich 199 Minuten Radio. Bei den 10- bis 29-Jährigen ist die Hördauer in den vergangenen Jahren sogar angestiegen, von 136 auf 145 Minuten täglich. Das macht sich auch an den Umsätzen bemerkbar: Im Jahr 2011 flossen laut Nielsen Media Research in Deutschland rund 1,46 Milliarden Euro in Radiowerbung. Das sind 5,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Das herkömmliche Radio aus der Region erhält keine ungeteilte Aufmerksamkeit mehr, ist aber das beliebteste Parallelmedium, dem man sich also parallel zu anderen Tätigkeiten widmet, so die Erkenntnis der TNS Emnid-Studie Surfer wollen was auf die Ohren.

Digitalisierung auf allen Kanälen

Nahezu alle Radioprogramme werden bereits seit Mitte der 1990er-Jahre digital produziert. Das hat auch die Arbeit der Journalisten maßgeblich verändert: Reporter recherchieren, sprechen und schneiden ihre Beiträge selbst, Moderatoren „fahren“ ganze Sendungen eigenhändig und Nachrichtensprecher werden mitunter komplett durch O-Töne ersetzt, die digital gespeichert und zwischen steigenden Musikanteilen nach Belieben „live“ präsentiert werden. Initiativen wie die Radioretter oder Fair Radio verdeutlichen jedoch, dass deutsche Radiojournalisten sich gezielt für die Kultur des gesprochenen Wortes einsetzen.

Mit der flächendeckenden Einführung des DSL-Standards für Breitband-Internetverbindungen kam in Deutschland ab 2005 auch die digitale Verbreitung des Radios ins Rollen. Schnell entstanden sogenannte Webradios, die ausschließlich online senden und meist inhaltliche oder musikalische Nischen besetzen. Mittlerweile soll es mehr als 3.000 deutsche Webradios geben. Die Macher herkömmlicher Radiosender sehen „online“ indes nicht als Alternative, sondern meist als ergänzenden Verbreitungsweg, um ihr Publikum an die Medien-Marke zu binden. Nachdem die komplette Abschaltung der UKW-Frequenzen immer wieder verschoben wurde, setzen die Verantwortlichen in den Sendern derzeit zunehmend auf eine hybride Strategie aus einem terrestrischen digitalen Broadcastnetz (DAB+) und dem Internet, auf das zunehmend auch von mobilen Endgeräten zugegriffen wird. Die Verbreitung des neuen Mobilfunk-Standards LTE (Long-Term-Evolution) mit höheren Bandbreiten wird diesen Trend vermutlich forcieren.

Das Radio der nächsten Generation: mobil, individualisiert, interaktiv

„Radio to go“ wird hand- und hosentaschentauglich, denn mittlerweile gibt es nicht nur einzelne Sendeformate als Podcast zum Download, sondern auch komplette Radiosender als App für Smartphones oder Tablets. Aggregatoren wie phonostar.de, radio.de oder deutschland.fm ermöglichen den Hörern strukturierten Zugriff auf unzählige deutsche Radio-Angebote. last.fm bietet ein individualisierbares Musikprogramm, laut.fm User-generierte Musikzusammenstellung, und bei 1000mikes.com können die Hörer auch selbst moderieren. Allen Neuerungen zum Trotz muss das „neue Radio“ das alte nicht zwingend verdrängen: Drei Viertel der Deutschen, die Radio per Internet oder Handy nutzen, tun dies zusätzlich zur herkömmlichen Hörgewohnheit. Das neue Radio wird das alte nicht ersetzen, sondern ergänzen.
 

Literatur:

Hans Bausch:
Der Rundfunk im Kräftespiel der Weimarer Republik 1923–1933 (Mohr/Siebeck, 1956)

Konrad Dussel:
Deutsche Rundfunkgeschichte (UVK, 2010)