Politische Talkshows im Fernsehen Alles nur noch Unterhaltung?

Talkshows: Inzwischen scheint es eine Inflation des Formates zu geben.
Talkshows: Inzwischen scheint es eine Inflation des Formates zu geben. | Foto (Ausschnitt): dandanian © iStockphoto

Sie heißen „Anne Will“, „hart aber fair“, „Menschen bei Maischberger“, „Beckmann“ oder „Illner“: Politische Talkshows prägen das TV-Programm bei ARD und ZDF am späten Abend. Leidet die Qualität des Formats unter dem vielfältigen Angebot?

Die politische Talkshow hat Jahrzehnte auf dem Buckel, nannte sich mal Drei nach Neun, mal Presseclub, mal Bonner Runde. Weder öffentlich-rechtliche Sender noch ihre private Konkurrenz wollten und wollen auf sie verzichten. Talkshows haben für die Sender viele Vorzüge. Sie sind ein relativ kostengünstiges Format, erlauben eine publikumswirksame Personalisierung und Markenbildung um den Moderator oder die Moderatorin herum, bieten Möglichkeiten zur Zuschauereinbindung und können als Live-Sendungen aktuelle politische Ereignisse vielschichtig und hintergründig aufnehmen.

Inflationäres Format

Doch inzwischen scheint es eine Inflation des Formates zu geben. Nicht nur bei der ARD, die ihr Programmschema 2011 änderte, sondern auch auf den anderen Sendern, wird fast um die Wette geredet und debattiert und dies nicht immer besonders inhaltsvoll, monieren Kritiker. Der Wechsel des bekannten Moderators Günther Jauch zur ARD, der auf dem privaten Sender RTL die quotenträchtige Unterhaltungsshow Wer wird Millionär moderiert, sorgte für großes Aufsehen und läutete eine Debatte über den Sinn und Wert politischer Talks ein. Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hat den Trend zur Popularisierung des Formates genauer untersucht. Im Gegensatz zu früheren Talks stünden in den neuen Formaten nicht mehr Politiker im Vordergrund, sondern mehr oder weniger prominente Gäste, die über keinen politischen Hintergrund verfügten. Zudem würden sich die Formate immer ähnlicher, so Gäbler: „Es gibt keine schärfere Abgrenzung der Formate und klarere Profilierung, sondern eine ,Vervielfachung des Ähnlichen‘“, schreibt Gäbler, der einen neuerlichen Schub weg von der Politik, hin zur Unterhaltung verzeichnet.

Nur noch Unterhaltung: Die Sicht der Kritiker

Ebenso alt wie die politischen Talks ist auch die Kritik an ihnen. Nicht nur Gäbler ärgert das große Palaver. Eine der ersten Talkshows, die sowohl in der Medienkritik Anstoß zur näheren Beschäftigung mit dem Trend der „Boulevardisierung des politischen Geschäftes“ gab, war Sabine Christiansen. Schon 2004 beschrieb der Medienkritiker Walter van Rossum in einer bitterbösen Polemik, dass er das Format nicht gerade für eine Förderung der politischen Allgemeinbildung des Publikums hielt. Aber auch die Wissenschaft und die Politik selbst gehen hart mit den Talks ins Gericht. Während Bundestagspräsident Lammert in ihnen eine „Politik-Simulation“ sieht, äußern Politik- und Kommunikationswissenschaftler eine generelle Kritik am zunehmenden „Politainment“ oder am Entstehen einer medialen Ersatzdemokratie, die die echte Politik „kolonialisiert“ habe. Die Hauptkritikpunkte lassen sich wie folgt zusammenfassen – durch die Flut an politischen Talks würden bestimmte Tendenzen bestärkt:
  • Personalisierung (es wird nur noch über Personal gesprochen, nicht über Inhalte),
  • unzulässige Mischung von Unterhaltung und Politik (Politainment und Boulevardisierung politischer Inhalte),
  • immer dieselben Gäste (ein kleiner Kreis von TV-Diskutanten prägt das öffentliche Bild),
  • einseitige thematische Ausrichtung (wichtige Themen, die auch hätten diskutiert werden können, kommen nicht mehr zur Sprache),
  • Quotenfixierung (populäre Themen werden schwierigen, aber wichtigen Themen gegenüber bevorzugt, es herrsche das Motto: „interessant vor relevant“),
  • Talkshows als Ersatzparlament (einige Politiker zeigten sich eher im Fernsehen als im Bundestag),
  • übertriebener Selbstdarstellungstrieb der Gäste (telegene Menschen und Dauerredner würden die Überhand über Gäste gewinnen, die sich zur Sache äußern möchten),
  • Langeweile durch Überangebot (immer gleiche Themen und Gäste führten letztlich nicht zu mehr Interesse des Publikums an Politik, vielmehr sei das Gegenteil der Fall – dadurch werde der Trend zur Entpolitisierung verstärkt).
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Politiker gerade in Wahlkampfzeiten eher in TV-Talks gehen als in die puristischen Politiksendungen. Sie und ihre Berater sind offenbar der Überzeugung, dass die menschelnden, wärmeren und weniger konflikthaltigen Talk-Formate ihren politischen Zielen eher zuträglich sind.

Gegenrede: Die Sicht der Macher

Thomas Bauman, ARD-Chefredakteur und verantwortlich für die Talks, will die Kritik so nicht stehen lassen. In einem Interview mit dem Fachmagazin Journalist erläuterte er seine Position. Dass es zu thematisch einseitigen Konzentrationen käme, liege nun einmal an der Natur der Dinge: „Ab und an gibt es Nachrichtenlagen, die so dominierend sind, dass man über Tage hinweg praktisch auf ein Thema setzen muss.“ Außerdem sei die Kritik, die TV-Macher würden sich gegenseitig die Themen wegnehmen, nicht korrekt. „Die Redaktionen seien untereinander selbst professionell genug, dass sie kein Interesse daran hätten, dieselben Gäste zu denselben Themen einzuladen.“ Die ZDF-Talkerin Maybritt Illner sieht noch einen anderen Aspekt: „Politik ist grundsätzlich immer Inszenierung“, sagte sie dem Mediendienst Kress. Dies sei also im Fernsehen oder in Talkshows nicht anders als im Parlament.

Literatur:

Walter van Rossum:
Meine Sonntage mit „Sabine Christiansen“. Wie das Palaver uns regiert. (Köln, 2004)

Bernd Gäbler:
Und unseren täglichen Talk gib uns heute. Eine Studie der Otto Brenner-Stiftung (Frankfurt/Main, 2011)

Andreas Dörner:
Politainment (Frankfurt/Main, 2001)

Thomas Meyer:
Mediokratie (Frankfurt/Main, 2001)