Mobile Radio Raus aus dem Studio

„Tonic Train“-Performance mit Sarah Washington und Knut Aufermann in Kopenhagen 2011.
„Tonic Train“-Performance mit Sarah Washington und Knut Aufermann in Kopenhagen 2011. | Foto (Ausschnitt): mobile-radio.net

Sarah Washington und Knut Aufermann lassen sich nicht von Studiowänden einengen: Seit 2005 sind die beiden mit Mobile Radio und ihrer Radiokunst in ganz Europa unterwegs.

„Wir lieben Radio“ – mit diesem simplen Satz erklärt Knut Aufermann, was ihn und Sarah Washington dazu bewegt hat, Mobile Radio anzustoßen. Eines ihrer Ziele ist es, das Radio aus dem Studio herauszuholen. „Wir wollten wissen, was passiert, wenn man aus der Studioumgebung ausbricht“, sagt Sarah Washington. Erste Erfahrungen mit Formaten jenseits des klassischen Hörfunks sammelten die Engländerin und der Deutsche bei Resonance FM, einer „Community“-Hörfunkstation in London, die sich vor allem an die Künstlerszene richtete und sich bis heute als Ideen-Labor und Klangwerkstatt für Radiokunst versteht.

2005 entstand der Entschluss, nach der Zeit bei Resonance FM zu zweit weiterzuarbeiten. Unter dem Namen Mobile Radio bestreiten die beiden verschiedenste Projekte, teils mit Unterstützung befreundeter Künstler, teils in Kooperation mit Bürgerradios oder anderen kleinen Hörfunkstationen in ganz Europa, hin und wieder auch im Auftrag von öffentlich-rechtlichen Sendern. Eine klare Definition für ihre Radiokunst mag Knut Aufermann nicht geben, aber zumindest eine Gemeinsamkeit lässt sich bei fast allen Projekten feststellen: Es geht darum, sich ganz auf den Ort einzulassen, an dem man gerade ist.

Ein Hinterhof in Zürich, das „Atomium“ in Brüssel oder der Kölner Klingelpützpark – die bisherigen Erfahrungen mit Mobile Radio zeigen, dass es fast keinen Ort gibt, von dem man nicht senden könnte. Der akustische Eindruck, den die beiden mitnehmen, ist dann teils live zu hören, teils in nachträglich gestalteten Sendungen, Features oder Klangexperimenten, in denen Musik, Sprache und Töne miteinander verwoben sind.

Industriedenkmal als Klangraum

Einer der Räume, von denen Washington und Aufermann besonders fasziniert sind, ist der Gasometer in Oberhausen. 2010 verbrachten die beiden gemeinsam mit anderen Radiobegeisterten zwei Nächte in dem 117 Meter hohen Industriedenkmal, um dort Aufnahmen zu machen. Knut Aufermann kommt ins Schwärmen, wenn er über dieses „Radiokunst-Camp“ spricht, an dem unter anderem Klangkünstler, Musiker und Hörspielmacher wie Felix Kubin, Dinah Bird, Barbara Kaiser und Paulo Raposo beteiligt waren.

„Der Gasometer ist ein fantastischer Klangraum“, erzählt er. Ehemals ein Behälter für industriell genutztes Gas ist der Gasometer mit seinen 68 Metern Durchmesser im Grunde ein riesiger Metall-Zylinder – geradezu unwiderstehlich für jemanden, der wie Aufermann immer auf der Suche nach spannenden Klang- und Geräuschkulissen ist. „Die meisten Leute schauen sich erst einmal um und staunen, wie groß der Raum ist, wenn sie zum ersten Mal dort sind“, so seine Beobachtung. „Ich habe als erstes einen Laut losgelassen und gehört, was zurückkommt.“

Die Aufnahmezeit im Gasometer nutzten die beteiligten Künstler ganz unterschiedlich – und wie häufig bei Mobile Radio bewegten sich die Klangexperimente in und mit dem Raum nah an den Grenzen zur Performancekunst. Für ihren Beitrag 100 Words per Metre arbeitete Sarah Washington beispielsweise mit zwei Stimmen, die abwechselnd durch die Dunkelheit des Gasometers riefen. Um diese einzufangen, hing ein Mikrofon 90 Meter über den Rufenden. Die Ergebnisse der nächtlichen Aufnahmen wurden später unter dem Titel Das Gasometer-Experiment im Radiosender WDR3 ausgestrahlt.

Radiowellen mit Eigenleben

Das Internet hat es leichter gemacht, ortsunabhängig Radiosendungen zu produzieren und auszustrahlen – aber wie findet man eigentlich Hörer, wenn man keinen festen Sendeplatz, keine eigene Frequenz hat? Die Macher von Mobile Radio sehen diese Frage eher gelassen, zumal ihre Sendungen häufig von etablierten Radiostationen übernommen werden. Bei einem Projekt wie Mobile Radio, darin sind sich Sarah Washington und Knut Aufermann einig, sind die Hörerzahlen letztlich auch nicht so wichtig. „Es ist wie bei einem Musikkonzert“, meint Aufermann. „Wenn nur zehn Leute kommen, heißt das nicht, dass es ein schlechtes Konzert ist.“

Auch Sarah Washington mag den Sinn von Mobile Radio nicht nur an messbarem Publikumserfolg festmachen. Gerade beim Hörfunk sei die Chance groß, zufällig gehört und entdeckt zu werden: „Radiowellen breiten sich bis in den Weltraum aus – wer weiß, wo sie überall hinkommen? Wenn sie einmal gesendet sind, entwickeln sie ein Eigenleben.“
 
Vom 7. September bis 9. Dezember 2012 wird Mobile Radio bei der 30. Biennale in São Paulo zu Gast sein – für Knut Aufermann und Sarah Washington das erste Mal, dass sie mit ihrem Projekt außerhalb Europas tätig sind. Für die Dauer der Biennale beziehen sie im Oscar-Niemeyer-Pavillon ein Studio mit offenen Wänden: „So kann der Lärm der Besucher, die dahin kommen, sozusagen ‚reinschwappen‘ ins Radio.“