Philipp Walulis im Gespräch „Wer belehren will, kann einpacken“

Walulis moderiert seine Sendung
Walulis moderiert seine Sendung | Foto (Ausschnitt): © SWR/Gert Krautbauer

Für seine medienkritische Satiresendung „Walulis sieht fern“ wurde Philipp Walulis im März 2012 mit dem begehrten Grimme-Preis ausgezeichnet. Ein Gespräch über deutschen Humor, Trash-TV und perfektes Parodieren.

Herr Walulis, Ihre Sendung „Walulis sieht fern“ gilt als eine gelungene Mischung aus Satire und Medienkritik. Wie kam es dazu, woher hatten Sie die Idee?

Ich bin ja ein großer Bewunderer des britischen Fernsehkritikers Charlie Brooker, der in seiner BBC-Show Screenwipe auf oft ziemlich drastische Weise die Absurdität mancher TV-Sendungen herausarbeitet. Aber ich bin eben auch ein ehrlicher Konsument, der es liebt, unterhalten zu werden. Und so entstand die Idee für eine Sendung, die beides bietet: Spaß beim Zuschauen und gleichzeitig ein Angebot, darüber nachzudenken, was man da eigentlich sieht.

Wie beim „Tatort in 123 Sekunden“, einer Kurz-Parodie auf die am längsten laufende und beliebteste deutsche Krimi-Serie?

Genau. Die Idee war es, in ungefähr zwei Minuten die komplette Dramaturgie eines 90-Minuten-Krimis darzustellen, mitsamt all den absurden Stereotypen, die sich bei diesem allseits bekannten Format in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben. Das ist sehr unterhaltsam und fast nebenbei merkt man tatsächlich: Stimmt, an diesem Punkt verhalten sich die Figuren immer so und so. Und verhaftet wird am Ende fast immer derjenige, den die Kommissare schon von Anfang an verdächtigt haben.


Die Figuren treten dabei quasi aus ihren Rollen heraus und erklären den Zuschauenden die Handlung. Diese Metaebene, war das ihre Idee?

Ja, das gab es meines Wissens vorher so noch in keiner Satire-Sendung. Für mich ist das einfach ein sehr gutes Mittel, um einerseits so professionell wie möglich zu unterhalten. Andererseits kann ich so auf eine möglichst charmante Art eben auch eine Ebene der Reflexion und Kritik einführen, ohne mit dem berühmt berüchtigten erhobenen Zeigefinger operieren zu müssen. Ich persönlich finde es fürchterlich, wenn man belehrt wird. Ich fand schon immer die Möglichkeit faszinierend, den Menschen durch Humor ein wenig kritisches Denken quasi unterjubeln zu können.

Der Clip verzeichnete auf Youtube und Facebook bislang über 450.000 Zugriffe. Dies liegt sicher auch an dem beeindruckend professionellen Video. Offenbar ist es Ihnen sehr wichtig, die Parodien so „original“ wie möglich aussehen zu lassen.

Das stimmt. Die einzelnen Episoden müssen einfach gut aussehen. Ich finde es immer traurig, wenn eine gute Idee untergeht, weil sie schlecht umgesetzt ist. Dann sollte man das lieber aufschieben, als es auf dem Altar der Mittelmäßigkeit zu opfern. Oder sich einfach auf Formate konzentrieren, die man mit seinen Mitteln umsetzen kann. Riesen-Fernsehshows wie Wetten, dass..? werden auch in nächster Zeit nicht in Walulis sieht fern zu sehen sein, weil wir schlicht nicht die Mittel haben, sie glaubwürdig umzusetzen.

Bei ihrer Kopie von Casting- oder Kochshows gelingt Ihnen das so gut, dass man sich anstrengen muss, zwischen Original und Kopie zu unterscheiden.

Ja, und gleichzeitig muss man sich im Klaren darüber sein, dass dieser Perfektionismus auch seine Grenzen hat. Diese Erfahrung musste ich zum Beispiel mit dem Fake-Musik-Label Aggro Grünwald machen: eine Art „Reiche-Münchner-Schnösel-Rap“, den ich und mein Team offensichtlich so gut präsentieren konnten, dass es für viele schwer war, hier noch die Ironie zu erkennen. Ich glaube, die große Herausforderung bei der Art Parodie, wie ich sie mache, ist es, Ironie auf eine Weise zu kennzeichnen, die von den allermeisten Zuschauern verstanden wird, ohne dass sie von ausgesprochenen Satire-Fans als dumpfer „Wink mit dem Zaunpfahl“ empfunden wird.

Zumal der deutsche Humor ja auch den Ruf hat, eher rustikal als feinsinnig zu sein. Vor allem Beobachter aus dem Ausland behaupten immer wieder, dem deutschen Alltag fehle es an einer gewissen Grundbereitschaft zur Witzigkeit.

Das mag so sein. Und klar ist auch, dass große Stadien auch weiterhin nur mit stumpfem Haudrauf-Humor zu füllen sind. Aber zum deutschen Humor zählen eben auch fantastisch kreative Magazine wie die Satirezeitschrift Titanic, die sehr subtil und mit viel Ironie arbeiten. Oder viele hervorragende Kollegen, die sowohl massentaugliches als auch feinsinniges Entertainment beherrschen. Ganz abgesehen von Menschen wie Loriot, die einen ganz eigenen, faszinierenden Ansatz entwickelt haben. Deutscher Humor war und ist sehr breit gefächert.

Gibt es spezielle Regeln, wie humorvolle und zugleich intelligente Fernsehunterhaltung funktionieren kann?

Ich finde, die Unterhaltung sollte immer an erster Stelle stehen. Das liegt einfach in der Natur des Mediums. Kritik und die Anregung zum Nachdenken müssen dementsprechend gut verpackt sein. Wer mit Belehrung anfängt, kann sofort einpacken.
 

„Walulis sieht fern“ ist eine 30-minütige TV-Comedy-Sendung, die seit 2011 einen sowohl unterhaltsamen als auch medienkritischen Blick auf Fernsehformate wie Casting-Shows, Promi-Kochen und Doku-Soaps wirft. Das Team um den 31-jährigen Münchner Journalisten Philipp Walulis arbeitet schon seit längerem an innovativen Satire-Projekten, zu denen auch eine gefakte Rap-Band namens Aggro Grünwald gehört, in der reiche Münchner sich über Geringverdiener lustig machen.