Wochenzeitung „Die Zeit“ Erfolg mit Qualität

Das Verlagshaus am Hamburger Speersort
Das Verlagshaus am Hamburger Speersort | Foto (Ausschnitt): © DIE ZEIT

Ausführliche Artikel, geschliffene Sprache und eine vielfältige Kulturberichterstattung bilden seit 1946 den Markenkern der liberalen Wochenzeitung „Die Zeit“. Im letzten Jahrzehnt war sie mit dieser Mischung erfolgreicher denn je.

Innerhalb der deutschen Printmedien nimmt Die Zeit eine besondere Stellung ein. Als Wochenzeitung blickt sie aus größerer Distanz auf das gesellschaftliche Geschehen und kann sich Zeit nehmen, die Dinge einzuordnen. Sie leitet daraus den Anspruch ab, gründlicher als die Tagespresse und aktueller als die auf Politik, Wirtschaft oder Kultur spezialisierten Monatsmagazine zu sein. In dieser Hinsicht ähnelt sie dem ebenfalls wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin Der Spiegel, dessen publizistischer Gegenpol sie bis heute ist. Während Der Spiegel für enthüllende Recherche, einen anonymen Schreibstil und zugespitzte Meinungsbeiträge steht, wird in der Zeit Analyse, die Handschrift einzelner Autoren und der Ausgleich zwischen den politischen Lagern gepflegt.

Oft als alte Tante bespöttelt, schien Die Zeit besonders schlecht für das beschleunigte Internetzeitalter gerüstet. Stattdessen erlebt sie derzeit die wirtschaftlich erfolgreichste Phase ihres Bestehens. In den 2000er-Jahren wurde das Layout mit mehr Farbe und mehr Bildern aufgelockert, und der seit 2004 amtierende Chefredakteur Giovanni di Lorenzo setzte durch, dass häufiger Themen von allgemeinem Interesse, etwa aus den Bereichen Psychologie oder Biologie, auf die Titelseite kommen. Im Kern blieb sich die Zeit hingegen treu. Die verkaufte Auflage stieg dadurch auf aktuell rund 506.000 Exemplare (1. Quartal 2012), außerdem gibt der Verlag zahlreiche Ableger wie Zeit Campus, Zeit Wissen und Zeit Geschichte heraus, um nur einige zu nennen.

Stunde Null

Im Februar 1946 erhielten die Gründer der Zeit in Hamburg die Presselizenz von den in Norddeutschland stationierten britischen Behörden, am 21. Februar 1946 erschien die erste Ausgabe. Die vier Herausgeber, darunter der Rechtsanwalt Gerd Bucerius, wollten den moralischen Neuaufbau ihrer im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Heimat mitgestalten und sahen die Stunde Null als historische Chance an. Ernst Samhaber, der erste Chefredakteur der Zeit, scheute sich deswegen nicht, Versäumnisse der Besatzungsmächte offen anzuprangern. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Zeit zum entschiedenen Verfechter einer selbstbestimmten Demokratisierung Deutschlands und begründete damit ihren publizistischen Ruf. Bis heute ist die Redaktion den liberalen Werten von Freiheit und Pluralismus verpflichtet, ohne deswegen Parteigängerin einer politischen Bewegung zu sein.

Das Feuilleton

Zeit-Verleger Gerd Bucerius erkannte früh die Bedeutung der Kulturberichterstattung für seine an das gebildete Bürgertum gerichtete Zeitung. Zur vollen Blüte kam das Feuilleton allerdings erst nach 1957, als der Journalist und Autor Rudolf Walter Leonhardt die Ressortleitung übernahm. Auf 16 großformatigen Seiten, davon die Hälfte für die Literatur reserviert, bildete die Zeit das kulturelle Leben der Bundesrepublik Deutschland ab und wirkte maßgeblich daran mit, die Gruppe 47, zu deren Autoren Günter Grass, Heinrich Böll und Hans Magnus Enzensberger gehörten, als wichtige literarische Stimme zu etablieren. Ein weiteres Augenmerk der Redaktion lag auf der Bildungspolitik: Die in den 1960er-Jahren eingeleitete Hochschulreform ließ Leonhardt aufmerksam begleiten und machte die Zeit so zur Pflichtlektüre im akademischen Milieu.

Die Stärke des Zeit-Feuilletons war und ist die Rezension. In diesem Genre kommt die stilistische Brillanz der Autoren besonders gut zur Geltung. Eher selten stößt die Redaktion hingegen Kontroversen an, auch wenn sie in den letzten zehn Jahren deutlich diskussionsfreudiger geworden ist. Eine wichtige Ausnahme war der um die Bewertung des Nationalsozialismus kreisende Historikerstreit von 1986/87, der durch einen Zeit-Aufsatz des Philosophen Jürgen Habermas die entscheidende Zuspitzung erfuhr. Als eine der ersten großen Qualitätszeitungen wertete die Zeit zudem die Filmkritik auf, indem sie 1976 den Filmkritiker Hans-Christoph Blumenberg als Redakteur verpflichtete. Andere prägende Figuren des Zeit-Feuilletons waren Fritz J. Raddatz (Literatur) und Benjamin Henrichs (Theater).

Die Gegenwart

In finanzieller Hinsicht ist Die Zeit keine durchgängige Erfolgsgeschichte. Im Frühjahr 1951 stand sie vor dem Konkurs und Anfang der 1970er-Jahre musste Bucerius Verluste der Zeit durch Gewinne ausgleichen, die er durch seine Beteiligung am Verlagshaus Gruner & Jahr erwirtschaftete. Heute versucht die Konkurrenz vom Erfolg der Zeit zu lernen, wobei diese gerade von den durch das Internet veränderten Lesegewohnheiten profitiert. Während die Tageszeitungen am Morgen schon veraltet erscheinen, bietet die Zeit Themen und Analysen, die über den Tag hinausweisen, und ergänzt dieses Angebot auf ihrer Website um aktuelle Nachrichten und Berichte. Außerdem kommt die wöchentliche Erscheinungsweise jenem Teil der Leserschaft entgegen, der für die tägliche Zeitungslektüre keine Zeit mehr findet. Beispielhaft stand dafür die mittlerweile eingestellte Kolumne Auf eine Zigarette, in der Giovanni di Lorenzo den Alt-Bundeskanzler und Herausgeber der Zeit Helmut Schmidt in gebotener Kürze zu Entwicklungen der Weltpolitik befragte. Derzeit pflegt vor allem die Feuilleton-Redaktion in Rubriken wie Diskothek oder dem Zeit-Museumsführer das Genre der Kurzkritik.