Medienmacht Der Fall Wulff und die Bild-Zeitung

Christian Wulff
Christian Wulff | Foto (Ausschnitt): GYI-NSEA © iStockphoto

Bundespräsident Christian Wulff trat zurück, nachdem er auf von den Medien aufgedeckte Affären zu lange mit Verzögerungstaktiken reagiert hatte. Haben die Medien ihn zu Fall gebracht? Ein Gespräch mit Medienforscher Lutz Hachmeister.

Haben die deutschen Medien in Deutschland überhaupt die Macht, einen Politiker zu Fall zu bringen?

Ja, sicher. Denken Sie an die Fälle Barschel und Möllemann. Wenn man einen Politiker zu Fall bringen will, muss er allerdings bestimmte strategische Schwächen zeigen und sich zu Fall bringen lassen. Außerdem muss der Affärencharakter für die Bevölkerung so eindeutig sein, also Normen und Regeln müssen so stark verletzt werden, dass ein Meinungsklima entsteht, in dem sich am Schluss alle einig sind: Dieser Mann oder diese Frau muss gehen. Im Fall von Christian Wulff war das so. Interessant war, dass die meisten Deutschen die Vorwürfe gegen ihn anfangs läppisch fanden und dafür waren, dass er im Amt bleibt. Am Ende haben Umfragen dann ergeben, dass 70 Prozent ihm noch nicht mal den Ehrensold geben wollten. Das hat sich komplett gedreht. Bild hat dabei eine große Rolle gespielt, aber auch andere Medien wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Spiegel Online. Das ist übrigens ein dritter Faktor: Allein schafft es ein Blatt nicht. Auch nicht Bild. Um eine hochrangige Person der Öffentlichkeit zu stürzen, müssen sich führende Medien einig sein.

Die „Bild“-Zeitung hat jahrelang sehr wohlwollend über Christian Wulff berichtet. Was hat ihn so interessant gemacht?

Wulffs Medienreferent hat die Beziehung zu Deutschlands auflagenstärkster Zeitung strategisch angebahnt. Als Christian Wulff 2008 zum zweiten Mal geheiratet hat, erregte das viel Aufsehen und wurde strategisch über Bild gespielt: Ein Katholik ist mit einer jüngeren Frau zusammen, obwohl er noch mit seiner ersten Frau verheiratet ist. Damals berichtete Bild positiv über die neue Frau, Bettina Wulff, bei der ja bis heute nicht ganz klar ist, über welche biografischen Informationen Bild verfügte. Das ging eine Zeitlang gut. Bei der Bild sagt man allerdings gerne: Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt, fährt mit uns auch wieder nach unten. Christian Wulff hat das auf dramatische Weise erlebt. Darüber hatte er vorher nicht gut nachgedacht.

Warum hat sich „Bild“ auf einmal gegen ihn gewendet?

Es gibt Hinweise darauf, dass Christian Wulff in der Zeit als Bundespräsident seine Rolle neu definierte und versucht hat, Bild klar zu machen, dass er und seine Frau nicht mehr exklusiv für Fotos und Interviews zur Verfügung stehen. Und wie in einer enttäuschten Liebesbeziehung hat sich daraus eine wechselseitige Entfremdung ergeben. Diese hatte schon über ein Jahr vor der Affäre angefangen und zu Reibereien mit dem Springer-Konzern geführt.

Welche Mittel hat die „Bild“-Zeitung in diesem Fall angewendet?

Die anfänglichen Vorgänge um den verbilligten Hauskredit, den Christian Wulff über Freunde bekommen hatte, wurden zunächst von Spiegel und Stern recherchiert. Bild bekam davon Wind, recherchierte ebenfalls und benutzte den Vorfall, um die gespannte Beziehung zu Christian Wulff endgültig zu beenden. Das war sehr geschickt. Denn Bild konnte sagen: Wir haben keine Schmutzkampagne eingeleitet, sondern seriös recherchiert wie die anderen auch. Diese Vorgehensweise gehört zu einem Strategiewechsel, den Chefredakteur Kai Diekmann schon länger verfolgt: Er möchte den Boulevardcharakter von Bild zwar beibehalten, also die großen Überschriften und die Identifikation mit der Volksstimmung, aber gleichzeitig möchte er mit seriösen Konkurrenten wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder dem Spiegel in einer journalistischen Liga spielen.

Und so eine Kooperation hat auch stattgefunden, nachdem der Bundespräsident bei führenden Persönlichkeiten des Axel-Springer-Verlags angerufen und dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung auf die Mailbox gesprochen hatte?

Ja. Das war ein skurriler Vorgang: Der Bundespräsident spricht vier Minuten lang auf die Mailbox des Chefredakteurs der größten deutschen Tageszeitung, um einen Artikel über seinen Hauskredit zu verhindern. Dabei hat er von sich in der dritten Person gesprochen, also etwa: „Der Präsident ist ungehalten.“ Die Springer-Medien berichteten nicht selbst darüber, sondern gaben Abschriften des Anrufes an Kollegen weiter. Das war sehr strategisch. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung berichteten als erste und Bild konnte wieder sagen: „Wir waren es nicht.“ Bei dem Anruf hat Christian Wulff Bild eine klare Kriegserklärung gemacht. Damit hat er sich völlig in der Rolle vertan. Für mich war damals klar, dass er zurücktreten muss. Dieses Verhalten war unhaltbar für einen Bundespräsidenten. Und das wusste Bild in dem Moment auch.

War Christian Wulff also ein leichtes Opfer der Medien?

Er war auf alle Fälle sehr naiv, was die Medienwirkung und das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten angeht. Ich hätte gedacht, dass jemand wie Wulff, der jahrelang Ministerpräsident war und professionelle Medienberater hat, so etwas wissen müsste. Die deutsche Gesellschaft ist mittlerweile erstaunlich offen und tolerant, aber das Publikum merkt schnell, ob ein Politiker komplett aus seiner Rolle fällt. Die Medien liefern natürlich die Vorlage, doch für einen Stimmungsumschwung muss auch das Publikum bereit sein, bestimmte Argumentationen mitzutragen.

Was genau hat Christian Wulff in Bezug auf die Medien unterschätzt?

Er dachte, wenn man einmal eine strategische Kooperation mit dem auflagenstärksten Boulevard-Blatt hergestellt hat, dann bleibt das so. Das ist aber nie der Fall. Man muss sich immer wieder vergewissern, welchen Status das Verhältnis hat. Und wer sich einmal auf das Spiel eingelassen hat, ist darin ein Gefangener. Christian Wulff hat das nicht geglaubt.
 

Lutz Hachmeister, geboren 1959 in Minden. Studium der Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Philosophie in Münster und Berlin. 1986 Doktorarbeit zur Geschichte der Kommunikationswissenschaft in Deutschland. 1987–1989 Medienredakteur des Berliner Tagesspiegel. 1989–1995 Direktor des Adolf-Grimme-Instituts. 1999 Habilitation am Fachbereich Journalistik der Universität Dortmund und Hochschullehrer für Mediengeschichte und Medienpolitik. Seit 2006 Leiter des Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Berlin.