Hochschulradio Mehr als eine medienpraktische Ausbildung

Hochschulradio – Radiomacher sind in Studenten.
Hochschulradio – Radiomacher sind in Studenten. | Foto (Ausschnitt): © dmitrimaruta - Fotolia.com

Das erste Hochschulradio gibt es seit über 60 Jahren, andere wurden gerade erst gegründet. Doch in Zeiten straffer Studienzeiten bleibt Studierenden heute weniger Zeit für den Spaß am journalistischen Experimentieren.

Sie werfen einen kritischen Blick auf das neue Uni-Parkhaus und berichten live von der Semesterauftaktparty. In ihren Sendungen schrecken sie nicht vor stundenlangen politischen Diskussionen zurück, rezensieren Theaterstücke und geben regionalen Pop-Bands eine Präsentations-Plattform. Hochschulradios berichten über so ziemlich alles, was Studierende interessiert. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Campussender: Die Finanzierung läuft häufig über die Hochschulen, die Studios befinden sich in Mensen, Seminarräumen oder Wohnheimkellern. Und die Radiomacher sind in der Regel Studierende, die ehrenamtlich oder für kleines Geld neben dem Studium arbeiten, mit unterschiedlicher Motivation. Manche produzieren Beiträge, um sich journalistisch mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Andere besetzen Positionen im Sender, um Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit oder im Marketing zu sammeln. Oder sie träumen davon, später beruflich in den Medien Fuß zu fassen, und sind dankbar für die Gelegenheit, erste eigene Sendungen zu produzieren.

Hörer erreichen und Feedback bekommen

„Wir haben für jeden einen Platz, deshalb klingt unser Radio jeden Abend ein bisschen anders“, fasst Rebecca Röhrich zusammen, was Radio Dauerwelle aus Frankfurt am Main ausmacht. Röhrich studiert selbst nicht mehr dort an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Aber sie war mit dabei, als der Hochschulsender 2012 gegründet wurde und koordiniert die Arbeit jetzt. Als junger Sender strahlt Radio Dauerwelle nur in den Abendstunden aus, ausschließlich über das Internet. „Das Rhein-Main-Gebiet ist vollgestopft mit Radiosendern und es ist nahezu unmöglich, eine UKW-Frequenz zu bekommen. Wir hätten das auch nicht bezahlen können“, erklärt Röhrich. Das Internet sei aber ein dankbares Verbreitungsmedium: „Man sieht an professionellen Radiosendern wie DRadio Wissen, dass das Internet dem mehrfach totgesagten Medium Radio große Chancen bietet: Jeder kann mit dem Smartphone oder zuhause streamen und wir streben auf Dauer auch an, crossmedial zu arbeiten.“

Auch für etablierte Hochschulradios ist die Bedeutung des Internets nicht zu unterschätzen: „Wir senden zwar per UKW, haben aber einen recht kleinen Radius. Selbst an den Stadträndern von Ilmenau kann man uns per Internet besser empfangen. Und auch die Kommunikation mit den Hörern funktioniert online besser“, berichtet Sylvie Möller vom Hsf Studentenradio in Ilmenau. Möller studiert Medienwirtschaft und arbeitet seit eineinhalb Jahren beim Hochschulradio. Der Sender selbst wurde 1950 gegründet und ist das älteste Hochschulradio Deutschlands. Heute gibt es deutschlandweit rund 70 Hochschulsender.

Massen ansprechen oder Experimente wagen

Als Konkurrenz zu öffentlich-rechtlichen oder privaten Radiosendern sehen sich die Hochschulradios nicht. Umstritten ist in vielen Teams aber die Frage, wie massentauglich das Programm sein soll: „Manche Mitarbeiter wollen möglichst viele Hörer erreichen, andere völlig autonom bleiben und einfach ihr Ding machen – unabhängig davon, ob das dann überhaupt jemand hören möchte. Da müssen wir einen Weg finden, der niemandem die Lust am Radiomachen nimmt“, meint Röhrich.Christoph Flach, der als Radiotrainer sowohl für Sender der ARD als auch für verschiedene Campussender arbeitet und in der Jury eines Campus-Radio-Preises sitzt, hat dazu eine klare Meinung: „Ich finde es schade, wenn die Leute sich an etablierten Radios orientieren und versuchen, das bessere Massenradio zu sein. Denn Hochschulradio bietet tolle Möglichkeiten, von den üblichen Medientrampelpfaden abzuweichen und etwas völlig Neues auszuprobieren: Wenn hochschulpolitische Ereignisse oder Jubiläen anstehen, gibt es zum Beispiel immer mal wieder intensive Schwerpunktsendungen, die ruhig auch 24 Stunden dauern dürfen. Und viele Musikredaktionen steigen tiefer in die einzelnen Sparten ein, als man das im großen Radio machen kann. Besonders gut gefallen mir zum Beispiel die satirischen Formate.“ Campusradios sollen, so Flach, auf den besonderen Freiheiten und einem intensiven Gemeinschaftsgefühl zwischen den Machern und den Hörern beruhen: „Bestenfalls kommen da unverdorbene Leute heraus, die viel von den Medien verstanden haben und auch frischen Wind in die professionellen Redaktionen bringen.“

Sich die Leichtigkeit bewahren

In Zeiten von digitalen Musikplattformen und Audioschnittprogrammen ist es leichter geworden, das Handwerkszeug zum Radiomachen zu erlernen. Doch die Hochschulradios stehen vor neuen Problemen: „Durch die Bologna-Reform ist das Studium anstrengender geworden, und alle studentischen Vereine haben Probleme, neue Mitglieder zu kriegen“, meint Sylvie Möller aus Ilmenau. Und Rebecca Röhrich betont, dass Radio Dauerwelle die Studierenden am besten mit Praxis- und Berufserfahrungen locken kann. Flach hat ähnliches auch aus anderen Redaktionen gehört. Er bedauert, dass Hochschulradios durch diese Entwicklungen auf ihre pragmatische Funktion als Ausbildungssender reduziert werden: „Es wäre schön, wenn mehr Menschen sich die Leichtigkeit bewahren würden, nicht unbedingt Karriere machen zu müssen. Mit Radio kann man Menschen erreichen, sie inhaltlich weiterbringen und die Welt ein kleines bisschen verändern. Das sollte vor allem Spaß machen!“.