Zehn Jahre Facebook Umstritten und unverzichtbar

Facebook: Verfall der Privatsphäre?

Im Februar 2004 ist das derzeit erfolgreichste soziale Netzwerk der Welt gestartet. Doch nicht für alle ist der zehnte Geburtstag von Facebook ein Grund, „Gefällt mir“ zu sagen. Der Medienwissenschaftler Hektor Haarkötter zieht im Interview ein Fazit.

Wird Facebook in Deutschland anders genutzt als in anderen Ländern, gibt es Besonderheiten und Unterschiede?

Die Mediensystemforschung hat herausgefunden, dass unterschiedliche Kulturen, Ethnien und Volksgruppen aus unterschiedlichen Gründen auf Facebook vertreten sind. In Deutschland wird Facebook immer noch überwiegend privat genutzt, allerdings gibt es eine zunehmende Kommerzialisierung. Zunehmend wird Facebook von großen Firmen, Rundfunkanstalten und Verlagshäusern als Marketingplattform genutzt. Hier platzieren sie beispielsweise auch Stellenanzeigen, Gewinnspiele oder Kreuzworträtsel, was sie vor zehn Jahren noch in der Tageszeitung und vor fünf Jahren über ihren eigenen Onlineauftritt gemacht haben.

Wie hat sich das Nutzerverhalten in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Vor zehn Jahren kannte hier noch niemand Facebook. Damals war es ein kleines Studentennetzwerk in Harvard und anderen Unis in den USA. Mark Zuckerberg hätte wahrscheinlich in seinen kühnsten Träumen nicht geglaubt, dass das Portal mit einer solchen Dynamik wachsen würde. In Deutschland wird Facebook erst seit fünf, sechs Jahren richtig wahrgenommen. Vorher war hier ein Konkurrent der Platzhirsch, nämlich StudiVZ. Ähnlich wie Facebook in den USA hat StudiVZ eine junge Zielgruppe, nämlich Studenten und Schüler, angesprochen. StudiVZ spielt heute, wie viele andere Netzwerke, kaum noch eine Rolle.

  • <b>Nils Friedel, 29 Jahre, Gemeindejugendpfleger</b><br>„Mit Facebook bin ich seit Jahren in einer Art ‚Zwangsehe‘ verheiratet, aus der ich mich nur schwer lösen kann. Privat ist das Netzwerk auf Grund der Privatsphären-Politik und der Inhalte verzichtbar, Beruf und medienpädagogisches Interesse binden mich aber weiterhin an den ‚blauen Riesen‘.“ Foto: Nils Friedel
    Nils Friedel, 29 Jahre, Gemeindejugendpfleger
    „Mit Facebook bin ich seit Jahren in einer Art ‚Zwangsehe‘ verheiratet, aus der ich mich nur schwer lösen kann. Privat ist das Netzwerk auf Grund der Privatsphären-Politik und der Inhalte verzichtbar, Beruf und medienpädagogisches Interesse binden mich aber weiterhin an den ‚blauen Riesen‘.“
  • <b>Christina Bergmann, 47 Jahre, Journalistin</b><br>„Seit sieben Jahren lebe ich in den USA. Facebook ist für mich unverzichtbar, um mit Freunden in Deutschland Kontakt zu halten. Ich weiß so, wie es ihnen geht, was sie in ihrer Freizeit machen, worüber sie sich amüsieren oder aufregen. Wegen der ungeschützten Privatsphäre auf Facebook überlege ich mir aber gut, was ich selbst dort poste.“ Foto: Christian Bergmann
    Christina Bergmann, 47 Jahre, Journalistin
    „Seit sieben Jahren lebe ich in den USA. Facebook ist für mich unverzichtbar, um mit Freunden in Deutschland Kontakt zu halten. Ich weiß so, wie es ihnen geht, was sie in ihrer Freizeit machen, worüber sie sich amüsieren oder aufregen. Wegen der ungeschützten Privatsphäre auf Facebook überlege ich mir aber gut, was ich selbst dort poste.“
  • <b>Annette Hüsken-Brüggemann, 34 Jahre; Medienpädagogin</b><br>„Facebook ist für mich ein Arbeitsgerät. Diese Sicht vermittle ich auch in meinen Kursen. Andere neue Geräte muss man auch erst kennenlernen – sich rantasten, die Anleitung lesen, bevor man unfallfrei ihr Potenzial nutzen kann.“ Foto: Annette Hüsken-Brüggemann
    Annette Hüsken-Brüggemann, 34 Jahre; Medienpädagogin
    „Facebook ist für mich ein Arbeitsgerät. Diese Sicht vermittle ich auch in meinen Kursen. Andere neue Geräte muss man auch erst kennenlernen – sich rantasten, die Anleitung lesen, bevor man unfallfrei ihr Potenzial nutzen kann.“
  • <b>Jannic Zimmer, 18 Jahre, Lokführer-Azubi</b><br>„Einerseits finde ich, dass Facebook eine gute Alternative zum Handy ist, um sich kurzfristig mit Freunden und Bekannten zu verabreden. Andererseits finde ich es schade, wie der Konzern mit den privaten Daten von uns Usern umgeht.“ Foto: Jannic Zimmer
    Jannic Zimmer, 18 Jahre, Lokführer-Azubi
    „Einerseits finde ich, dass Facebook eine gute Alternative zum Handy ist, um sich kurzfristig mit Freunden und Bekannten zu verabreden. Andererseits finde ich es schade, wie der Konzern mit den privaten Daten von uns Usern umgeht.“
  • <b>Ulla Wolf, 68 Jahre, Netztutorin für Senioren</b><br>„Facebook ist das weltweit am meisten genutzte soziale Medium. Als internetaffiner Mensch komme ich nicht daran vorbei – auch aus diesem Blickwinkel verfolge ich den Lauf der Dinge. Das ist meistens lustig, manchmal befremdlich, aber immer irgendwie faszinierend. Es gehört einfach dazu.“ Foto: Ulla Wolf
    Ulla Wolf, 68 Jahre, Netztutorin für Senioren
    „Facebook ist das weltweit am meisten genutzte soziale Medium. Als internetaffiner Mensch komme ich nicht daran vorbei – auch aus diesem Blickwinkel verfolge ich den Lauf der Dinge. Das ist meistens lustig, manchmal befremdlich, aber immer irgendwie faszinierend. Es gehört einfach dazu.“

Warum hat sich Facebook so massiv gegenüber anderen sozialen Netzwerken durchgesetzt?

StudiVZ hat sich lange gegen die Konkurrenz behauptet, bei der Übernahme durch die Verlagsgruppe Holtzbrinck im Jahr 2007 wurden aber viele strategische Fehler begangen. Die großen Medienhäuser in Deutschland und Europa sind nicht so wendig wie die kleinen, dynamischen Computerfirmen im kalifornischen Silicon Valley oder auch in Berlin, Leipzig oder Hamburg. Das hat man unterschätzt. Außerdem gibt es den Effekt, dass dort, wo schon viele Menschen sind, immer noch mehr hinzukommen. Genau das ist bei Facebook passiert. Wir haben heute den größten Zuwachs an Facebook-Nutzern bei Menschen ab 55. Durch die große Marktdurchdringung tummeln sich in dem Netzwerk nicht mehr hauptsächlich Studierende und Menschen zwischen 14 und 29. Nach Angaben von Facebook soll es allein in Deutschland 28 Millionen Nutzer geben, die mehr oder weniger den Bevölkerungsdurchschnitt repräsentieren.

Alles über die Nutzer wissen

Warum schränkt Facebook seine Öffentlichkeitsarbeit ein?

Das ist ja ein bekanntes Muster vieler, nicht nur US-amerikanischer, Firmen. Aber bei denen wird es ganz besonders deutlich. Man will zwar alles über die Nutzer wissen, weil das das Kapital ist, mit dem man Geld verdienen kann. Aber was das eigene Unternehmen angeht, verfolgt man eine äußerst eingeschränkte Informationspolitik. Das ist eine der Paradoxien des Internet-Zeitalters: Man kauft und sammelt Informationen, aber selbst ist man sehr vorsichtig damit, was man an Informationen herausgibt.Wohin wird sich Facebook künftig entwickeln?Die Facebook-Macher wissen spätestens seit dem Börsengang im Jahr 2012 genau, wo sie hinwollen. Sie wollen die Weltbevölkerung in ihrem Netzwerk abbilden. 1,29 Milliarden Nutzer sollen es angeblich bereits weltweit sein, das ist immerhin ein Sechstel der Weltbevölkerung. Wenn die Dynamik sich so weiterentwickelt, wird man an dieses Ziel vermutlich auch nah herankommen. Die massive Nutzung von Handys und mobilem Internet trägt dazu bei.

Für Teile der Gesellschaft ist Facebook unumgänglich geworden

Facebook ist ja generell auch umstritten. Kritikpunkte sind unteranderem ungeklärte Datenschutzrichtlinien, der Verfall von Privatsphäre oder minderwertige inhaltliche Qualität. Wo sehen Sie das Hauptproblem?

Facebook – erfolgreichstes soziales Netzwerk. Facebook – erfolgreichstes soziales Netzwerk. | © F. Gopp / pixelio.de Facebook ist einerseits ein grandioser Kanal, um in kürzester Zeit viele Menschen zu erreichen, oder auch, um sich zu informieren. Für Teile der Gesellschaft ist Facebook sozial und ökonomisch unumgänglich geworden. Das Netzwerk erfüllt bestimmte Funktionen und macht das auch besser als andere, sonst wäre es nicht so erfolgreich auf dem Markt.

Andererseits umgeht Facebook als US-amerikanisches Unternehmen die in Europa und Deutschland geltenden Datenschutzbestimmungen. Die Daten werden auf US-amerikanischen Servern gespeichert. Dessen sollten sich die Nutzer bewusst sein. Als Nutzer sind wir nicht die Kunden, sondern das Produkt, das Facebook verkauft. Unsere Daten – auch der Urlaubsort oder die Krankheiten, über die wir uns austauschen – sind das Kapital, mit dem Geld verdient werden kann. Das gilt für alle Dienste im Internet, die vermeintlich kostenlos sind.

Sie forschen darüber, wie die Medien Facebook nutzen. Wie ist das in Deutschland?

Wir haben Tausende Kommentare auf journalistischen Facebook-Seiten untersucht, um zu schauen, ob es sich dabei um eine Form von partizipativem Journalismus handelt. Davon kann aber nicht die Rede sein: Die Nutzer tauschen kaum Informationen oder Argumente aus, sondern nutzen die Kommentarfunktion vor allem, um Dampf abzulassen, auf eine rüde Art und Weise, wie sie es im direkten Kontakt wohl nicht machen würden. Die Netiquette gilt bei der Kommunikation nicht mehr, aus dem sozialen Netzwerk wird ein unsoziales Netzwerk.

In der digitalen Welt verkümmern wir seelisch – das ist auch das Ergebnis einer großen Studie der US-amerikanischen Psychologin Sherry Turkle, die darüber das Buch Verloren unter hundert Freunden geschrieben hat. Demnach kann man den Freundschaftsbegriff auf Facebook im Grunde oft nur noch ironisch sehen.
 

 

Dr. Hektor Haarkötter © Dr. Hektor Haarkötter Dr. Hektor Haarkötter ist Medienwissenschaftler, Journalist und Filmemacher. Er forscht im Bereich Journalismus, Onlinekommunikation und Medienethik. Im Jahr 2011 wurde er als Professor für Kulturjournalismus an die Medienhochschule (MHKM)in München berufen. Seit Herbst 2013 unterrichtet er an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.