Digitale Erzählformate Die Evolution des Tablet-Journalismus

Tablet-Journalismus
Tablet-Journalismus | Foto (Ausschnitt): © goodluz - Fotolia.com

Seit der Markteinführung von Apples iPad träumen Verleger davon, ihr Printgeschäft auf die dünnen Mobilcomputer zu verlagern. Doch erst die jüngste Welle des Tablet-Journalismus bringt eigenständige Ideen für digitale Erzählformate hervor.

Und wie macht man das jetzt, eine Zeitung aus Nullen und Einsen? Seit einigen Jahren beschäftigt sich die deutsche Verlegerbranche die Frage, wie man den Printjournalismus möglichst profitabel ins Digitale übertragen kann. Um entsprechende Angebote liefern zu können, musste zuerst eine Antwort darauf gefunden werden, wie in der Zukunft gelesen wird. Nachdem man sich branchenintern an einigen Zukunftsvisionen von hauchdünnen, biegbaren Displays und Hologrammen abgearbeitet hatte, gab der Elektronikhersteller Apple im April 2010 mit der Markteinführung des iPad eine erste Antwort.

Seither beziehen sich die digitalen Wachstumsträume der Verleger auf diesen Tablet-Computer und die Geräte der Mitbewerber. Die Zahlen zumindest zeigen: Wenn es einen Markt für digitalen Journalismus gibt, dann beginnt er bei den mobilen Endgeräten. Laut einer Umfrage des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), besteht in allen Altersschichten ein reges Interesse an hochwertigen digitalen Zeitungs- und Magazininhalten. 3.300 Leser wurden dazu befragt. Mit einer durchschnittlichen Ausgabenbereitschaft zwischen 8 und 8,50 Euro pro Monat ist dieser Markt lukrativ. Bereits 8,2 Millionen Deutsche besitzen einen Tablet-Computer. Rund ein Viertel der Deutschen gab zudem in der Umfrage an, sich in naher Zukunft einen der flachen Alleskönner anschaffen zu wollen.

Drei Phasen des Tablet-Journalismus

Die große Aufgabe für den Journalismus besteht seitdem darin, die Inhalte für die neuen Geräte aufzubereiten und ihnen einen eigenen Charakter im Digitalen zu geben. Wenn man sich die seit der Einführung des iPads entwickelten Angebote anschaut, fällt auf, dass es zu Beginn vorrangig etablierte Zeitungsverlage waren, die ihre Inhalte für das neue Medium aufbereiteten. Kleinere, unabhängige Neugründungen trauen sich erst seit kurzem in diesen Markt. Generell kann man die Evolution des Tablet-Journalismus in drei Phasen einteilen, die sich teilweise überschneiden.

In der ersten Phase kamen Apps auf den Markt, in denen die Verlage die bereits erstellten Inhalte eins zu eins ins Digitale übertrugen. Wie bei der App der Schwäbischen Zeitung wurden komplette Zeitungsseiten als PDF-Version innerhalb der App zum Kauf angeboten. Für die Verlage war das eine günstige Maßnahme, um bereits erstellte Inhalte neben dem Verkauf als Printprodukt nochmals zu verwerten. Selbst Vorreiter wie Springer boten lange Zeit in ihrer iKiosk-App lediglich die gescannten Zeitungsseiten zum Verkauf. Diese Art der Zweitverwertung setzte sich lediglich als Zusatzangebot für Abonnementkunden durch, die ihre Zeitung auch im Urlaub oder an einem anderen Ort lesen wollten. Neue Leser konnten die Verlage mit dieser Methode nicht gewinnen, zu wenig Mehrwert brachten die statischen Seiten. Die Kunden waren schnell gelangweilt.

Deshalb setzten die Verleger in einer zweiten Phase auf eigens entwickelte Apps, in denen die Zeitungs- und Heftinhalte bereits für das Format der mobilen Lesegeräte aufbereitet und zusätzlich mit multimedialen Elementen angereichert wurden. Interaktive Grafiken, Audioschnipsel und Videos sollten den Eindruck eines multimedialen Erlebnisses vermitteln. Häufig waren es jedoch lediglich Elemente, die den Lesefluss behinderten und umständlich in einzelne Artikel integriert waren. Aufgrund der hohen Kosten für die Entwicklung einer eigenständigen App mit originären Inhalten – vielleicht sogar einer kleinen Redaktion im Hintergrund –, griffen viele auf diese günstige Möglichkeit zurück. Beim Stern, National Geographic oder dem Rolling Stone finden sich diese Formate noch heute, während an anderer Stelle bereits die dritte Phase des Tablet-Journalismus eingeläutet wird.

Innovationstreiber sind große Unternehmen, nicht die Verlage

Die aktuelle Entwicklung treiben in erster Linie nicht die Medienhäuser voran, sondern große Firmen und deren PR-Abteilungen. Sie erlauben sich den Luxus der vollständigen Neuentwicklung von Apps. So sind etwa beim App-Magazin des Autoherstellers Audi verschiedenste multimediale Inhalte, von der interaktiven Neuwagen-Präsentation über Videos bis hin zu klassischen Magazininhalten zu sehen. Das alles ist abgestimmt auf eine Gestensteuerung am Tablet-Computer.

Und während die gesamte Printbranche von Jahr zu Jahr weniger Werbeeinnahmen generiert – Tageszeitungen und Publikumszeitschriften büßten 2012 jeweils rund 10 Prozent ein –, sind es die Journalisten selbst, die eigene publizistische Formate gründen und dabei auch die Möglichkeiten der Tabletcomputer ausnutzen. Substanz etwa ist ein neues Wissenschaftsmagazin aus Hamburg, das nicht als gedrucktes Heft erscheint. Es wird ausschließlich als App produziert. Die Gründer nutzen dazu auch neue Wege der Finanzierung. Mit einem Crowdfunding haben sie bereits 30.000 Euro für das Projekt eingesammelt. Rein digital soll das Magazin mit populärem Ton über Neuigkeiten aus der Welt der Wissenschaft informieren.

Es ist eine neue Gründermentalität im Journalismus zu spüren, die sicherlich nicht nur Gewinner hervorbringen wird, vielleicht aber eines leisten wird: einen Weg zu finden, digitalen Journalismus spannend anzubieten und rentabel zu machen. Tablet-Computer werden dabei eine große Rolle spielen.