Netzkultur in Deutschland „Loslegen, statt verzagen“ – fünf Statements

Graffiti in Büsum

Gibt es so etwas wie eine „deutsche Netzkultur“ und wenn ja, was sind ihre Eigenschaften? Welche Rolle könnte sie für das Internet der Zukunft spielen? Fünf Kommentare.

Oft hört und liest man, es sei typisch deutsch, das Internet schwarzzumalen. Die Deutschen seien überkritisch und innovationsfeindlich angesichts einer Technologie, die doch so viele Vorteile brächte – Vorteile, die andere Länder, allen voran die USA, viel eher zu erkennen und zu nutzen wüssten. Doch stimmt das überhaupt? Wenn ja, ist es denn nicht eben gerade angemessen, nach allem, was wir mittlerweile auch von den Risiken der schönen neuen Datenwelt wissen, eine eher reflektierten Zugang zu wählen? Was genau ist überhaupt eine typisch deutsche Netzkultur und welche Utopien lassen sich damit verbinden? Zu diesen Fragen äußern sich Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Süddeutsche.de, Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn, Alexander Pschera, Autor und Geschäftsführer der PR-Agentur Maisberger, Dorothee Bär, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, sowie der Netzaktivist padeluun.

Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Süddeutsche.de

Stefan Plöchinger Stefan Plöchinger | © DPA Typisch deutsch sind angeblich Würste. Pünktlichkeit. Autobahnen. Allerlei Dinge, die wir uns gern selbst vorwerfen, wie Engstirnigkeit. Oder Schwarzmalerei.

Nach dieser Logik ist es zum Beispiel typisch deutsch, wenn wir Deutsche das Internet schwarzmalen. Es wäre wiederum aber auch typisch deutsch, wenn wir uns vorwerfen würden, keine richtige Netzkultur zu haben, weil wir das Internet schwarzmalen. Es wäre vermutlich sogar typisch deutsch, wenn wir den Gegnern der Internet-Schwarzmaler vorwerfen würden, selbst zu viel schwarzzumalen.

Ich wurde gefragt, warum die Deutschen durch die NSA-Affäre nicht stärker in Sachen Internet-Freiheiten politisiert sind. Warum Menschen lieber Texte über den ADAC als über den Snowden-Skandal lesen. Oder ob diese Wehklage typisch deutsch sei, ob die Deutschen eine schlechtere Netzkultur hätten als die fortschrittlichen USA – respektive ob eine gute eigene deutsche, vielleicht sogar europäische Netzkultur besser wäre? Das waren viele Fragen auf einmal, ich habe dazwischen als Hauptfrage erfühlt: Wie gut oder schlecht sieht die Netzkultur deutschen Typs aus, sofern sie überhaupt existiert?

Meine Antwort ist, dass ich deutlich lieber auf die Einzelfragen antworte: Den allermeisten Amerikanern sind die NSA-Enthüllungen schneller egal gewesen als den Deutschen, weshalb sich Barack Obama leider so rasch entspannt hat. Der ADAC-Skandal war eine Zeitlang neuer, frischer, aufregender als der Snowden-Dauerskandal, so dass die Leser die Abwechslung vielleicht einfach gefreut hat. Womöglich, unter Umständen, vielleicht, wahrscheinlich, oder auch nicht, ist es typisch deutsch, sich mit Fragen nach dem Grundsätzlichen aller Dinge im Netz und sonstwo zu geißeln, statt den Kopf zu befreien und sorglos zu leben.

Als digitaler Verlagsangestellter habe ich Erfahrung mit Schwarzmalern, die den Untergang der Presse wegen des Internets vorhersagen, aber auch mit dem Vorwurf typisch deutscher Fortschrittsverweigerung in der konservativen Journalistenschaft, kurz, mit selbstreferenziellen Debatten ähnlich des Typs „typisch deutsche Netzkultur“. Sie zünden noch auf der dritten Meta-Ebene superb, weil sie so angenehm vom Leben entkoppelt sind, dass man sich mal richtig grundsätzlich streiten kann. Leider ist die Realität unendlich komplizierter, sozusagen megakomplex statt metaebenig.

Ich will deshalb zurückfragen: Wieso sollen wir uns mit der Frage aufhalten, was eine typisch deutsche Netzkultur ist? Was ist überhaupt Netzkultur in dieser Debatte, was unterscheidet sie von Nichtnetzkultur? Was ist deutsche Kultur heute noch – gibt es sie trennscharf, oder sind wir eine Mehrgenerationen-Multikultur mitten in Europa und der Welt? Und was bringt es uns eigentlich konkret, diese Sachen zu erörtern, wenn wir doch zuallererst etwas zu NSA und Snowden wissen wollten?

Ich wurde dann auch noch gefragt, ob ich eine Utopie mit dem Internet verbinde und welche Rolle eine deutsche Netzkultur darin haben kann. Meine Antwort darauf ist, dass ich am Internet das Unkomplizierte liebe, zum Beispiel das Neues-machen-Können als Journalist, aber auch das Drauflos-Experimentieren im Kampf gegen staatliche Überwachung – ohne sich mit Grübeleien über moderne Varianten der Würste, Pünktlichkeit, Autobahnen, Engstirnigkeit und Schwarzmalerei aufhalten zu müssen. Wenn irgendwas typisch deutsch im Netz werden soll: am ehesten diese Haltung, loszulegen statt zu verzagen.
 

Stefan Plöchinger, Jahrgang 1976, ist Digital-Chef der Süddeutschen Zeitung und Mitglied der Chefredaktion. Er hat zuvor bei Spiegel Online, der Financial Times Deutschland und der Abendzeitung als Geschäftsführender Redakteur, Chef vom Dienst und Politikredakteur gearbeitet.

Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn

Alexander Markowetz Alexander Markowetz | © Alexander Markowetz Es gibt einen spezifisch deutschen Zugang zu netzkulturellen und -politischen Themen. Wenn wir hierzulande beispielsweise über Big-Data-Technologien diskutieren, dann vor allem in Form von Bedrohungsszenarien. Im Ausland spricht man gerne von der „German Angst“. Im Gegensatz hierzu ist beispielsweise der US-amerikanische Diskurs wesentlich chancenorientierter. Mitunter mutet er jedoch auch blauäugig und übertrieben optimistisch an.

Um die Positionen zu verstehen, muss man sich das frühe Stadium des Diskurses vor Augen halten. Einerseits propagieren „fatalistische Believer“, dass Technologie Demokratie verbreite und uns alle zu besseren Menschen mache. Diese Position ist ebenso platt wie naiv; man kann sich leicht hochgefährliche Szenarien ausmalen. Auf der anderen Seite sehen „nostalgische Reaktionäre“ nur Probleme, keine Chancen.

Der Zustand erinnert an das 19. Jahrhundert, als man über Chancen und Grenzen der Industrialisierung stritt. Auf der einen Seite propagierten Industrialisten den ungebremsten Einsatz von Technologie, unter unsäglichen Arbeitsbedingungen. Auf der anderen Seite versuchten Maschinenstürmer die Industrialisierung schlicht zu verbieten.

Im Nachhinein sehen die Diskurse des 19. Jahrhunderts platt und naiv aus. Der derzeitige Stand des Diskurses zu digitalen Technologien ist nicht viel weiter. Ich meine das nicht böse. Wir stehen erst am Anfang eines langen komplexen Diskurses, in dem die Menschheit eruieren muss, wofür sie beispielsweise Big Data nutzen will, und wofür nicht. Mittlerweile hat die Menschheit gelernt, wofür man die Technologien der Industrialisierung einsetzen sollte (tolle Produkte für breite Massen), und wofür nicht (Stellungskrieg, Genozid, Umweltzerstörung). Doch dieser Konvergenzprozess hat hundert Jahre gedauert.

Datenintensive Technologien sind nicht inhärent böse. Im 19. Jahrhundert konnte man die Cholera in London stoppen, indem man Todesfälle auf einer Stadtkarte sammelte und drei infizierte Quellen identifizierte. Die Medizin arbeitet seit zweitausend Jahren an der Vision eines „gläsernen Menschen“, um diesem zu helfen. Genauso lange sammelt sie auch hochkritische Daten. Diese dienen dem Patienten und sind durch den hippokratischen Eid geschützt. Der Umgang mit kritischen Daten ist also gar nicht neu. Derzeit erschließen wir neue Anwendungsfelder nur schneller, als wir sie gesellschaftlich bewerten können.

Das eigentliche Problem – und auch der wahre Grund für die aktuellen Ressentiments, die wir vor allem hier in Deutschland spüren – ist ein anderes: Es ist die Art und Weise, wie Big Data im Augenblick vor allem eingesetzt wird. Personenbezogene Daten werden gerade überwiegend von privaten Firmen gesammelt, die diese nutzen, um Kapital zu generieren. Und es ist absolut berechtigt und dringend notwendig, hier auf sozusagen klassisch deutsche Art skeptisch zu sein. In diesem Kontext sehe ich eine Renaissance der klassischen Geschäftsmodelle: Der Nutzer erhält einen Dienst und bezahlt dafür. Punkt. Die Weitergabe von Daten an Dritte ist ausgeschlossen. Es kommt somit zu keinerlei unerwünschten Spätfolgen, die Situation bleibt sicher und übersichtlich. Die deutsche Internet-Industrie wäre gut beraten, sich ihre reflektierte Position zu bewaren und entsprechende Angebote auszuarbeiten.
 

Alexander Markowetz, geboren 1976, ist Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn. Er beschäftigt sich unter anderem mit den psychosozialen Folgen der Digitalisierung. Im Rahmen der Studie Menthal untersucht er die Nutzung von Mobiltelefonen.

Alexander Pschera, Geschäftsführer Agentur Maisberger, Autor und Blogger

Alexander Pschera Alexander Pschera | © Alexander Pschera Wenn es um die Integration von Technologie in die Gesellschaft geht, steht uns Deutschen oft die eigene Gründlichkeit im Weg. „Erst tief nachdenken, dann nochmal nachdenken, und dann (vielleicht) anwenden“, lautet die Regel. Endloses Tüftlertum und überkritisches Sicherheitsdenken haben Deutschland den Ruf eines Innovationsverzögerers eingebracht.

Nicht ganz zu unrecht. Der Umgang mit dem Netz ist hierfür ein gutes Beispiel. Wenigen deutschen Unternehmen ist es gelungen, Unternehmenskultur und Geschäftsmodell an die digitalen Gegebenheiten anzupassen. Erst nahm man das Netz lange nicht ernst, dann war es plötzlich eine apokalyptische Bedrohung. Die Verlage haben Google verschlafen, die großen Handelsketten, allen voran Media-Saturn, haben Amazon verschlafen. Auch eine deutsche Netzkultur gibt es nicht, höchstens eine Subkultur. Sie besteht aus netten Foodblogs, praktischen Youtube-Rennradtutorials, Sascha Lobo und der Berliner re:publica. Die Elite steht dem Netz kritisch gegenüber. Die breite Masse nutzt es, ohne darüber zu nachzudenken.

Das Netz ist an einem Punkt angelangt, an dem es dringend einen dritten Weg braucht, der zwischen den Nerds und den Verweigerern in die Mitte der Gesellschaft führt. Sonst besteht die Gefahr, dass das Internet die Gesellschaft spaltet. Diesen dritten Weg zu sehen, fällt nicht leicht. Die normative Kraft des faktischen Netzes ist enorm. Sie verstellt den Blick auf Optionen und Hypothesen. Dennoch gibt es den dritten Weg. Bei seiner Etablierung können die deutschen Tugenden helfen. Sie können aus dem Netz, das bisher ein chaotischer Wildwuchs ist, eine Institution machen.

Bisher wurde das Netz sich selbst überlassen. Die Entwicklung des Netzes wurde bestimmt vom Gedanken der Selbstorganisation. Ein gefundenes Fressen für den amerikanischen Pioniergeist. Kollateralschäden wie die NSA-Affäre und das immer unheimlicher werdende Agieren von Google werden als Bestandteile des Systems in Kauf genommen. Daran wird sich mittelfristig nur wenig ändern. In dieser Generation des Internets sind die Pfründe verteilt. Der Aufbau einer nationalen Infrastruktur à la #schlandnet hat eher den Charakter eines rührenden Versuchs. „Security made in Germany“ mag für den einen oder anderen Achtungserfolg sorgen, mehr aber auch nicht.

Die deutsche Tugend der Technikverschleppung kann das Netz in anderer Hinsicht erwachsen machen. Sie kann aus dem FastNet, in dem es nur um Fressen, Verdauen, Ausscheiden geht, ein SlowNet machen – ein regionales und identitätsstiftendes Netz, ein Netz des Verweilens, der Perfektion, der Gründlichkeit, der Vertiefung. Das SlowNet ist keine Frage der Netzgeschwindigkeit, sondern der Qualität seiner Nutzung. Die digitale Welt muss langsamer werden. Sie muss Zeit bekommen, sich im echten Leben zu verankern. Und dabei können wir Deutsche ihr helfen. Denn das Netz ist nicht das, was es ist, sondern das, was wir aus ihm machen.
 

Alexander Pschera ist Geschäftsführer der Münchner Agentur Maisberger, Autor und Blogger. Er schreibt regelmäßig für das Monatsmagazin Cicero und für Deutschlandradio Kultur. Von ihm erschienen zahlreiche Essays über die digitale Welt, im Sommer 2014 erschien Das Internet der Tiere. Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur im Verlag Matthes & Seitz Berlin.

Dorothee Bär, Parlamentarische Staatssekretärin

Dorothee Bär Dorothee Bär | © CSU Möchte man den Begriff einer deutschen oder europäischen Netzkultur prägen, kommt man um die beiden Komponenten Verantwortung und Eigenverantwortung nicht umhin. Denn ich glaube, dass eben diese beiden Aspekte die Schlüssel sein können, mit denen man die Büchse der Pandora, die so mancher im Moment geöffnet sieht, wieder verschließen und den Weg in eine für alle gewinnbringende digitale Gesellschaft eröffnen könnte.

Die Digitalisierung führt nicht einfach fort, was einmal begonnen hat, sie stellt Grundsatzfragen und stellt uns gleichsam vor Wegweiser ohne Zielangaben. Wir wissen nicht, wohin die Reise geht, müssen uns aber im Klaren darüber sein, wohin sie gehen soll, und wir müssen als Gemeinschaft entscheiden, was wir auf diesem Weg mitnehmen wollen und was wir zurücklassen können.

Es geht hier nicht nur um die Weiterentwicklung von Technologie, nicht nur um die Chancen für den Standortfaktor Deutschland, nicht nur um die Frage nach Forschung und Wissenschaft: Es geht um die Grundfesten dessen, was uns als Gesellschaft zusammenhält. Es geht um einen Kulturbegriff, um Werte und Kodizes, die dem digitalen Zeitalter in einer veränderten Welt entsprechen und dabei aber sichern, was uns wichtig ist und wichtig bleiben muss.

Es vermischen sich rechtliche mit moralischen Fragen, und der Freiheitsbegriff des Internets stößt auf den Sicherheitsanspruch einer ehemals analogen Welt. Gesetze haben ihren Ursprung meist in einem Wertegerüst. Und auch wenn die Werte bleiben, muss sich die Form des Gerüstes so verändern, dass es nicht zum Hindernis wird, sondern eine Stütze bleibt. Konkret heißt das, dass Gesetze sich der Lebenswirklichkeit anpassen müssen, ohne ihr Fundament zu verlieren oder zu verraten – oftmals ein Drahtseilakt.

Gesetze haben den Auftrag, die Menschen dort zu schützen, wo Eigenverantwortung ihre Wirksamkeit verliert – zum Beispiel bei der anlasslosen Ausspähung durch den eigenen Staat oder durch Staaten aus dem Ausland. Gesetze müssen unsere Bürgerinnen und Bürger schützen, ohne ihnen dabei die Möglichkeiten und Angebote, die ihnen das Leben erleichtern, zu verwehren. Unternehmen müssen die Möglichkeit haben, Innovationen nicht nur zu erdenken, sondern auch zu entwickeln und damit den Wirtschaftsstandort zu stärken. Im Gegenzug verlangen wir das Bewusstsein um die Verantwortung, die diese Unternehmen gegenüber ihren Kunden und Nutzerinnen haben.

Begriffe wie Datensparsamkeit müssen wir überdenken und durch realistische Termini wie den des Datenmanagements ersetzen. Es geht nicht darum, dass keine oder möglichst wenig Daten verarbeitet werden, sondern dass dies transparent und verantwortungsbewusst geschieht. Medienkompetenz, eine moderne Gesetzgebung und digitales Verantwortungsbewusstsein von allen Teilen unserer Gesellschaft sind die Hauptingredienzen, die in den Begriff einer deutschen, europäischen oder gar einer weltweiten Netzkultur einfließen sollten.
 

Dorothee Bär, Mitglied des Bundestages, ist Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, Vorsitzende des Netzrates der Christlich-Sozialen Union (CSU) und des „virtuellen Verbands“ CSUnet. 

padeluun, Künstler und Netzaktivist

padeluun padeluun | © Veit Mette Ich denke schon, dass wir es mit einer sehr eigenständigen deutschen Netzkultur zu tun haben: Bereits deutlich bevor das Internet sich als Netzwerk-Technologie durchsetzte, entstanden in Deutschland mehrere ernst zu nehmende Mailbox-Systeme. Viele dieser Netzwerke, auch das Z-Netz, an dessen Aufbau ich beteiligt war, wurden genutzt, um sich über gesellschaftspolitische Themen auszutauschen und politisches Engagement zu bündeln. Hinzu kam die frühe Gründung des Hacker-Netzwerkes Chaos Computer Club. Bei vergleichbaren Initiativen, wie sie sich auch in den USA formierten, hatte man es mit einer recht homogenen Szene von Computernerds aus gutbürgerlichen Verhältnissen zu tun. Das war beim deutschen Chaos Computer Club anders. Hier gab es von Anfang an ein viel breiteres Spektrum an Meinungen und Biografien. Der Mitgründer Wau Holland war ja nicht nur Hacker, sondern ein regelrechter Datenphilosoph, der mit dazu beitrug, Datenvernetzung nicht nur als ein rein technisches Phänomen zu denken.

So konnte sich in der deutsche Netzkultur-Szene schon sehr früh ein Bewusstsein dafür bilden, um was es bei der sogenannten Datenvernetzung eigentlich geht: nämlich nicht nur um die Daten an sich, sondern vor allem darum, was mit diesen geschieht und welche Auswirkungen dies auf die Menschen hat, die über Datennetze miteinander kommunizieren. Und man hatte auch schnell den Anspruch, diese Haltung nach außen zu kommunizieren. Beispielsweise im Rahmen großer Messen wie der CeBIT, auf der es bereits seit 1990 geförderte Sonderstände für netzpolitische Themen gab.

Es war auch schon früh klar – und ich denke, dies ist vor allem für den aktuellen Diskurs entscheidend – dass digitale Vernetzung ein äußerst komplexes Phänomen ist, das Menschen schnell überfordert, weil es keinem historischen Erfahrungswert entspricht. Es ist nun einmal schwer zu begreifen, was für einen Wert doch oftmals so harmlos erscheinende Daten haben, wenn man sie auf besondere Weise verknüpft. Es ist schwer zu begreifen, dass diese Daten für alle möglichen Zwecke verwendet werden können, durchaus auch zum persönlichen Nachteil. Und dass persönliche Daten auch desjenigen fließen, der sich dem Netz komplett verweigert.

Trotz allem glaube ich, dass wir lernen können, mit dieser Situation in einer Art und Weise umzugehen, die nicht zwangsläufig in eine Dystopie münden muss. Ich gehe davon aus, dass irgendwann immer mehr Menschen klar wird, wie wichtig es doch ist, Vertraulichkeiten austauschen und Geheimnisse wahren zu können. Ich bin optimistisch, dass der Austausch digitaler Daten in naher Zukunft nur noch verschlüsselt erfolgt, auch deshalb, weil wir es hier mit einem großen Marktpotenzial zu tun haben, das vor allem auch deutsche Firmen nutzen werden. Und – noch wichtiger – dass wir trotz des aktuellen tiefen Vertrauensbruchs immer noch die Möglichkeit haben, Systeme zu etablieren, denen wir tatsächlich vertrauen können. Und dies, ohne uns selbst verzweifelt und im Grunde oftmals sogar gegen unser Interesse zwingen zu müssen, zu Datenasketen zu werden.
 

Der Künstler, der seit 1976 unter dem Namen padeluun auftritt, ist
Gründungsvorstand der überparteilichen Bürgerrechtsvereinigung
Digitalcourage e. V. und einer der Organisatoren sowie Jurymitglied der
deutschen BigBrotherAwards. Außerdem war er Mitglied der Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft des 17. Deutschen
Bundestages.