Antonia Rados im Gespräch „Kriegsberichterstatter haben mindestens zwei Leben“

Antonia Rados unterwegs im Nordirak
Antonia Rados unterwegs im Nordirak | Foto (Ausschnitt): © RTL

Seit mehr als 30 Jahren berichtet Antonia Rados aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Im Interview erklärt die renommierte Journalistin, was sie antreibt, und wann sie das letzte Mal darüber nachgedacht hat, alles hinzuwerfen.

Frau Rados, in einem Kommentar haben Sie kürzlich geschrieben, der Irak sei derzeit gewalttätiger, als man es je erwartet habe. Dabei bestand auch hier die Hoffnung auf Frieden. Glauben Sie als Kriegsreporterin noch an eine bessere Welt?

Ich glaube zumindest daran, dass es doch irgendwann einmal zu einem Ende eines Krieges kommt, selbst wenn das nur geschieht, weil alle Seiten kriegsmüde sind. Es ist immer wieder der Sieg der Hoffnung über die Erfahrung, an den man sich halten muss.

Was treibt Sie an, weiterzumachen?

Es gibt kaum einen Job, in dem man mehr über den Menschen lernt als der des Kriegsreporters – das ist Antrieb genug. Oft ist man zudem an einem Ort, wo Geschichte geschrieben wird. Wie während des arabischen Frühlings 2011. Mitten auf dem Tahrir-Platz sein, wenn die Jugend einen Diktator stürzt, ist unersetzbar.

Im Nachhinein denkt man andererseits oft darüber nach, wie Hoffnungen geweckt und dann doch wieder zerstört wurden. Aber der Journalismus, auch der Krisen- und Kriegsjournalismus, ist immer nur eine Momentaufnahme, nicht mehr. Historiker werden später die Ereignisse, über die wir „heiß“ berichten, einordnen. Sie werden nicht unbedingt zum selben Schluss kommen wie Reporter. Die Geschichte aber mitzuerleben, ohne genau zu wissen, wohin sie führt, ist sicher eine Antriebsfeder.

Die Schnelligkeit der Berichterstattung hat zugenommen

Sie berichten seit mehr als 30 Jahren aus Kriegs- und Krisenregionen? Wie hat sich Ihre Arbeit seitdem verändert?

Was unverändert ist: die Notwendigkeit, in Kriegsgebiete zu fahren. So nahe wie möglich dran zu sein, weil es die einzige Möglichkeit ist, etwas zu sehen, was einem sonst verborgen bleibt. Daran führt leider kein Weg vorbei. Verändert hat sich die Technik. Kleine Kameras dominieren heute. Die Schnelligkeit der Berichterstattung hat zugenommen. Die Welt ist zusammengerückt und ist emotionaler geworden. Wer die stärksten Emotionen erweckt, dominiert – im Guten wie im Schlechten: So beeinflussen beispielsweise die Internet-Videos des Islamischen Staates sowie die Hinrichtungen stark unser Bild vom Islam, obwohl ein Großteil der Muslime gegen Gewalt ist.

Sie haben im April 2014 ein Buch herausgebracht über zwei Schwestern in Ägypten, die die Zerrissenheit des Landes widerspiegeln: Die eine ist ein schillernder Bauchtanz-Star und die andere ist Salafistin. Sind Ihre Bücher Ihr Weg, um Themen aufzugreifen, die im Fernseh-Alltag zu kurz kommen?

Das Buch ist ein Medium, das sich besser für Zwischentöne eignet. Das Fernsehen braucht Bilder, nur Worte wie im Buch genügen nicht. Das Fernsehen ist unersetzbar, wenn man die richtigen Bilder hat, aber um neben gefilmten Szenen zusätzlich die jüngste Geschichte Ägyptens einfließen zu lassen – wie ich es in dem Buch über die Bauchtänzerin und die Salafistin getan habe –, braucht man Papier. Medien wie Buch und gefilmte Reportage ergänzen sich. Konkurrenz sind sie keine.

Frauen haben Heldentum weniger notwendig

Die Kriegsberichterstattung ist noch immer eher von Männern dominiert. Berichten Frauen anders als Männer?

Ja, Frauen berichten anders, weil sie sich für den mechanischen Ablauf des Krieges nicht begeistern können, Männer schon. Fachsimpeln über Waffenarten gibt es bei Frauen nicht. Bei Männern gehören im Krieg Übertreibungen dazu. Das Wort Feigheit gibt es nicht, alle sind heldenhaft, alle sind ständig an vorderster Front – zumindest beim Erzählen am Abend an der Hotelbar. Frauen haben Heldentum weniger notwendig. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber es ist so.

Gibt es bei der Recherche Unterschiede? Sind Sie als Frau dabei nicht besonders gefährdet?

Als Frau ist man immer gefährdet, allein durch die Tatsache, dass man körperlich jedem Soldaten, Milizionär und Verbrecher, von denen es in Kriegsgebieten viele gibt, unterlegen ist. Man muss also mehr mit dem Kopf arbeiten als mit den Muskeln. Das ergibt manchmal einen anderen Journalismus.

Erinnerungen an Kriegsgebiete

Sie arbeiten in ständiger Gefahr und unter Zeitdruck. Wie schaffen Sie es, dennoch ein Vertrauensverhältnis zu Ihren Gesprächspartnern aufzubauen?

Wer keine Menschen mag, kann nicht auf sie zugehen. Das muss man als Reporter. Außerdem arbeite ich ohne Unterlass. Ich bin ein Workaholic. Ich könnte rund um die Uhr arbeiten, rund ums Jahr, Tag für Tag. Dementsprechend wenig halte ich von Urlaub, für mich ist das verlorene Zeit. Aber da kann man zumindest in Ruhe lesen und neue Themen finden.

In welchen Momenten haben Sie sich schon mal überlegt, alles hinzuwerfen?

Das letzte Mal, als ich in der syrischen Stadt Aleppo war, und das Viertel, in dem ich übernachtete, heftig bombardiert wurde. Ich sagte mir, das war‘s, das war meine letzte Reise in ein Kriegsgebiet. Trotzdem mache ich weiter.

In Ihrem Beruf gibt es viele schwere Momente. Woran erinnern Sie sich trotzdem gerne, wenn Sie zurückblicken?

Man müsste ein Unmensch sein, um nicht oft an die vielen hilfsbereiten Personen zu denken, die man in Kriegsgebieten überraschenderweise mehr findet als bei uns. Ich frage mich oft: „Was wird aus ihnen, wenn wir weg sind?“ oder „Haben sie überlebt?“ Alle Erinnerungen an Kriegsgebiete sind überschattet vom der Tatsache, dass man es trotz allem um vieles besser getroffen hat als die Zurückgebliebenen. Reporter fahren wieder weg. Einheimische stecken fest in Not und Elend. Aber ich fühle mit ihnen.

Ans Essen denkt man in Kriegsgebieten ständig

Sie leben in Paris. Das ist natürlich ein Kontrastprogramm zu den Ländern, die Sie bereisen. Wie schaffen Sie es, nach Ihrer Rückkehr aus Ihren Berichtsgebieten wieder in den ganz normalen Alltag einzutauchen?

Jede Kriegsberichterstatterin, jeder Kriegsberichterstatter, hat mindestens zwei Leben, eines im Kriegsgebiet, eines daheim. Die beiden Leben haben wenig gemeinsam. Doch ich kann durchs schöne Paris spazieren und plötzlich fallen mir Szenen des Horrors aus Syrien oder Irak ein. Ich kann in Aleppo schlaflos auf einer Matratze am Boden liegen, die kugelsichere Weste für den Ernstfall neben mir, und daran denken, dass ich nach der Rückkehr gut essen gehen möchte. Essen ist wichtig. Ans Essen denkt man in Kriegsgebieten ständig. Das beruhigt einen. Vielleicht koche ich deshalb so gerne nach der Rückkehr nach Paris.

Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Eigenschaft für Ihren Beruf?

Gesunder Menschenverstand, was beinhaltet, sich nicht für eine Heldin oder einen Helden zu halten.

In den vergangenen Jahren ist die Auslandsberichterstattung in Deutschland unter immer stärkeren finanziellen Druck geraten. Spüren Sie und Ihre Kollegen das bei Ihrer Arbeit?

Wir beobachten zwei gegenläufige Trends. Während alle Medien sparen, berichtet das Internet zum Beispiel in Blogs ständig über nahe und ferne Ereignisse. Da können wir Medien nicht nachstehen. Daher wird trotz Medien-Krise beinahe mehr berichtet aus dem Ausland als früher.
 
Antonia Rados ist gebürtige Österreicherin und begann ihre journalistische Karriere beim ORF, wo sie mit ihrer Berichterstattung über die rumänische Revolution 1989 bekannt wurde. 1991 wechselte sie als Sonderkorrespondentin zum WDR und ging vier Jahre später zur Mediengruppe RTL Deutschland. Dort ist die promovierte Politologin seit 2009 Chefreporterin Ausland. Für ihre Reportagen aus dem Kosovo, dem Irak und anderen Ländern des Nahen Ostens wurde Rados unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnet.