Digitale Schulbücher Wikipedia für Lehrer

Schulbuch-o-mat

Für das digitale Klassenzimmer der Zukunft braucht es auch digitale Lehr- und Lernmaterialien. Den Schlüssel dazu liefern Open Educational Resources (OER). Ein erstes deutsches OER-Biologiebuch gibt es schon, von Initiativen in anderen Ländern könnte Deutschland aber noch eine Menge lernen.

Frei verfügbare Lehrmaterialien, online, mit einer Lizenz, die eine Bearbeitung und Weiterverbreitung erlaubt – so kann man die allgemeine Definition von Open Educational Resources (OER) zusammenfassen. Genauso offen und frei haben sich Hans Wedenig und Heiko Przyhodnik auch ihr Traumschulbuch vorgestellt und kurzerhand den Schulbuch-o-mat erfunden: eine Plattform für die Erstellung von OER-Schulbüchern. Ihr erstes Projekt war ein Biologieschulbuch für die siebte und achte Klasse, mit Inhalten nach dem Berliner Rahmenlehrplan für Hauptschule, Realschule, Gesamtschule und Gymnasium.

Freie Schulbücher

„Es ging uns nicht darum, die Verlagsbranche herauszufordern, sondern darum, Missstände anzugehen“, sagt Hans Wedenig. Er saß eines Abends in Berlin mit Heiko Przyhodnik zusammen, beide waren unzufrieden mit den Schulmedien ihrer Söhne: Veraltete Informationen in teuren Lehrbüchern, die über Jahre im Unterricht benutzt werden müssen und an der realen Mediennutzung der Schüler in Zeiten von Smartphones und Tablets völlig vorbeigehen. Außerdem gäbe es zwar Unmengen an Lehrmaterial, weil viele Lehrer ihren Unterricht individuell vorbereiteten, aber keinen Ort, an dem dieses Material gebündelt und nutzbar gemacht würde.

Der Schulbuch-o-mat sollte genau so ein Ort werden: eine Plattform, auf der Lehrer Material zusammentragen und sich darüber austauschen können – eine Art Wikipedia für Lehrmaterialien. „Wir wollten zunächst ein erstes freies Schulbuch realisieren und damit zeigen, dass es auch anders geht“, sagt Wedenig. Auf der Crowdfunding-Plattform startnext.de sammelten die beiden 10.000 Euro ein und stemmten das Projekt: Ein erstes deutsches OER-Biologiebuch. Inzwischen ist das Lehrbuch längst fertig und steht unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA. Damit darf der Inhalt weiterverwendet werden, wenn der Autor genannt und die Bearbeitung unter denselben Bedingungen weitergegeben wird. Dabei können Lehrer das Material in allen Bundesländern nutzen, solange sie darauf achten, dass die verwendeten Inhalte mit dem jeweiligen Rahmenlehrplan für das Fach in ihrem Bundesland übereinstimmen. Zwar gibt es in den meisten Bundesländern eine Genehmigungspflicht für Schulbücher, sie gilt aber nur für kostenpflichtige Lehrbücher. „Es ist nicht aufzuhalten, dass der Schulbuchmarkt umgekrempelt wird“, sagt Wedenig. „Dass der Wandel kommt, kann man beim regulären Buchmarkt und der Musikindustrie doch schon längst sehen.“

Vorteile gegenüber gedruckten Lehrbüchern

Dass der Wandel kommt, sieht auch Sandra Schön von der Salzburg Research Forschungsgesellschaft, die sich auf Informationstechnologien spezialisiert: „Klar müssen dann auch Geschäftsmodelle umgestellt werden. Warum sollten ausgerechnet Schulbuchverlage gegen Veränderungen gefeit sein?“ Die Frage ist, wie lange es noch dauert, bis der Wandel in allen Klassenzimmern ankommt. Wissenschaftlerin Schön hat selbst bereits Erfahrungen mit der Erstellung offener Lehrmaterialien gemacht. Das E-Book Lehrbuch für Lehren und Lernen mit Technologien (L3T) hat sie gemeinsam mit Martin Ebner von der TU Graz und über 100 Autoren, rund 80 Gutachtern und weiteren Helfern erstellt. „Dabei wollten wir nicht zeigen, dass man mit wenig Geld ein solches Buch produzieren kann, sondern wie sinnvoll OER ist“, sagt Schön. In Österreich hat das Bildungsministerium zum Beispiel ein Einmaleins für Lehrer mit Unterrichtsbeispielen und Erfahrungsberichten entwickeln lassen und finanziert. Die Verantwortlichen haben sich bei diesem Projekt für die OER-Variante entschieden. Ist das Lehrmaterial online verfügbar und mit einer entsprechenden Lizenz versehen, können beliebig viele Kollegen darauf zugreifen und sehr schnell Anpassungen vornehmen.

OER-Initiativen in Polen und Norwegen

Während es in Deutschland noch eine Initiative gab, auf Schulcomputern nach rechtswidrig erstellten Digitalkopien von Schulbüchern zu schnüffeln, gingen andere Länder das Thema wesentlich entschlossener an: Polen hat 2012 mit dem Projekt Digitale Schule eine OER-Offensive gestartet und rund 11 Millionen Euro in die Erstellung freier und offen zugänglicher Unterrichtsmaterialien für die vierte bis sechste Klasse gesteckt. Alle Materialien stehen unter einer CC-BY-Lizenz und dürfen unter Nennung des Autors verwendet werden. In Norwegen ist die staatlich geförderte National Digital Learning Arena (NDLA) für die Bereitstellung von OER-Materialien zuständig. Die Materialien richten sich insbesondere an die Sekundarstufe, eine Qualitätssicherung findet in Kooperation mit Universitäten und anderen Institutionen statt.

In Deutschland geht die Regierung bei der Förderung von OER erste Schritte. Im aktuellen Koalitionsvertrag der Regierungsparteien CDU, CSU und SPD heißt es dazu: „Wir werden mit den Ländern und Akteuren aus allen Bildungsbereichen eine gemeinsame Strategie ,Digitales Lernen‘, die die Chancen der neuen Medien für gute Bildung entschlossen nutzt, entwickeln und umsetzen. Schulbücher und Lehrmaterial auch an Hochschulen sollen, soweit möglich, frei zugänglich sein, die Verwendung freier Lizenzen und Formate ausgebaut werden.“ Im Bundeshaushalt 2015 sind erstmalig für die Förderung von OER zwei Millionen Euro eingeplant worden.