Scripted Reality Imprägniert mit Wirklichkeit

Ensemble von „Berlin – Tag & Nacht“
Ensemble von „Berlin – Tag & Nacht“ | © rtl2

Scripted Reality werden Fernsehformate genannt, die den Anschein einer Dokumentation haben, in Wirklichkeit aber auf erfundenen Geschichten basieren. Im deutschen Fernsehen feiert diese Mischung schon seit Jahren immense Erfolge beim Publikum, ruft aber auch viele Kritiker auf den Plan.

Kurz vor der Jahrtausendwende hatte die deutsche TV-Produktionsfirma Filmpool die Idee für ein interessantes Unterhaltungsformat: Echte Kläger stehen echten Beklagten gegenüber, eine echte Richterin fällt die Urteile. Und alles darf gefilmt werden, denn verhandelt werden ausschließlich zivilrechtliche Fälle im Rahmen eines so genannten Schiedsgerichtes.

Nur kam die daraus entstandene TV-Reihe Richterin Barbara Salesch überhaupt nicht bei den Zuschauern an. Die Quoten waren miserabel, bis Filmpool eine weitere Idee hatte: Wie wäre es, von den wenig spannenden und oftmals auch komplexen Zivilrechtsfällen auf das viel publikumswirksamere Strafrecht umzuschwenken? Dann dürfte man das zwar nicht mehr bei realen Verhandlungen im Gerichtssaal filmen. Aber man könnte die Fälle ja auch vorgeben und mit Laiendarstellern nachstellen. Man könnte, so der Fachausdruck aus der Branche, die Interaktion vor der Kamera „skripten“.

Fiktion als Realität verpacken

„Auf diese Weise in einer täglichen Sendung mit nicht-professionellen Schauspielern zu arbeiten, das war damals weltweit das erste Mal“, erinnert sich Felix Wesseler von Filmpool. „Und wir hatten sehr schnell enormen Erfolg.“ Richterin Barabara Salesch prägte ein neues Genre deutscher TV-Unterhaltung: die Gerichtsshow. Für den Ansatz, Fiktion gewissermaßen als Realität zu verpacken, Wirklichkeit durch quasi-dokumentarische Stilmittel unterhaltsamer zu machen, hat sich der Begriff Scripted Reality etabliert.

Mit dem Quotenerfolg der Gerichtsshows kam auch die Kritik. Man würde hier einen Betrug am – häufig jungen – Zuschauer üben, ihn dazu verleiten, die Konstruktion für ein Abbild der Wirklichkeit zu halten, eventuell sogar Verhaltensweisen zu übernehmen, im Bewusstsein, so agiere man im echten Leben. Oder, genauso schlimm, man erzöge die Zuschauer zu Fundamentalskeptikern, die die Manipulation durchschauen und in der Folge jegliches Vertrauen in die Medien verlieren. Und zwar auch in diejenigen, die aus wichtigen Gründen den Anspruch erheben, so etwas wie „Wirklichkeit“ abzubilden.

Und, noch provozierender für die Kritiker: Scripted-Reality-Formate begannen, sich weiterzuentwickeln und das Spiel mit der behaupteten Authentizität zu perfektionieren. 2009 starteten die Filmpool-Formate Verdachtsfälle und Familien im Brennpunkt, in denen Laiendarsteller innerfamiliäre Konflikte nachspielen. Nach und nach sprangen immer mehr TV-Produktionen auf den Zug auf und entwickelten ähnliche Formate: Polizisten und Detektive gehen Verbrechen nach, Familienmitglieder tragen Konflikte aus, Anwälte beraten Mandanten in besonders schwierigen Fällen.

Erfolgsgeheimnis Authentizität

„Als einmal klar war, wie gut die Arbeit mit talentierten Laiendarsteller funktioniert, haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, diese auch langfristig in Szene zu setzen“, erzählt Felix Wesseler. Das Ergebnis war Berlin – Tag & Nacht, eine Daily-Soap mit Laiendarstellern, die 2010 startete und die Geschichte einer Berliner Wohngemeinschaft erzählt. BTN, wie die Serie unter Fans heißt, wurde ein Riesenerfolg - auch dank Facebook, wo das Format wie kaum eine vergleichbare Sendung aktiv ist. Die Serie wurde einer der Ankerpunkte in der nach wie vor geführten Diskussion über die möglichen Folgen von Scripted Reality für jüngere Zielgruppen.

Joachim von Gottberg ist Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), einem gemeinnützigen Verein privater Fernsehanbieter in Deutschland, der sich mit Fragen des Jugendschutzes und der Medienpädagogik beschäftigt. 2012 legte die FSF eine erste Studie zu Scripted Reality vor, die insbesondere auf die Rezeption von Berlin – Tag & Nacht eingeht. „Uns hat die These interessiert, es gäbe in der Rezeption von Scripted Reality eine lineare Wirkung. Also die Jugendlichen nähmen die Serie als real wahr und übernähmen das Gesehene in ihr Normalitätskonzept“, so Gottberg.

Gerade das konnte die Studie aber nicht bestätigten, im Gegenteil. „Die Konstruiertheit des Formats wird ganz bewusst wahrgenommen und als Stilmittel geschätzt“, so Gottberg. Und genau das sei ja auch der Grund, warum Scripted Reality so erfolgreich ist. „Wir haben es hier einfach mit einer bestimmten Art der Produktion und wenn man so will Schauspielführung zu tun, die besonders gut dazu geeignet ist, Authentizität herzustellen.“ Während klassische, drehbuchbasierte TV-Formate oftmals für ihren hölzernen Stil kritisiert werden und selbst Dialoge in erfolgreichen Soaps und Telenovela-Formaten „abgelesen“ wirken, hätten Wortwechsel in Sendungen wie Berlin – Tag & Nacht einen verblüffend echten Touch.

Die Grenzen des Formats

Authentizität im Spiel, also im Grunde ein klassisches Qualitätskriterium für jede Form schauspielerischer Darstellung – ist das also das Erfolgsgeheimnis von Formaten wie Berlin – Tag & Nacht? „Der Ansatz ist einfach sehr effektiv“, erklärt von Gottberg. „Statt Schauspieler dazu anzuleiten, sich in ihre Rolle hineinzuversetzen, wählt man aus einem riesigen Pool an Laiendarstellern immer genau die diejenigen aus, die aufgrund ihres Aussehens, ihrer Lebenserfahrung und ihres Charakters perfekt zur Rolle passen.“ Abgesehen davon gäbe es für die Sender noch einen weiteren, entscheidenden Vorteil: „Diese Formate sind sehr viel billiger zu produzieren, ein Sender spart in der Regel zwei Drittel der Kosten, die er für vergleichbare klassische Fernseh-Formate ausgeben würde.“

Heißt das nun, dass wir uns in Zukunft auf immer mehr TV-Formate einstellen sollten, die auf günstige Drehbedingungen und Authentizität setzen? „Scripted Reality – oder, wie wir es nennen, Scripted Entertainment – hat sich über Jahre seinen Platz im Fernsehen erarbeitet“, so Felix Wesseler. „Natürlich entwickeln wir unsere Produktionen stetig weiter und prüfen auch, bei welchen Genres es noch Sinn machen könnte, diese Methode anzuwenden.“ Für Joachim von Gottberg hat das Format aber auch klare Grenzen. „Maximale Authentizität ist nicht alles. Manche Geschichten lassen sich einfach besser mit gut ausgebildeten Schauspielern und einem ausgearbeiteten Drehbuch erzählen.“