Öffentlich-rechtlicher Rundfunk Zwischen Attraktivität und Auftrag

ZDF in Mainz

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland stellt sich nur langsam auf den digitalen Wandel ein. Schafft der Verwaltungs-Apparat der Sender den Spagat zwischen einem attraktiven Programm und dem gesetzlichem Auftrag?

Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk vor einem großen, vielleicht schmerzhaften Umbruch steht, war bereits im Juli 2013 an den Stirnfalten des ehemaligen Tagesthemen-Sprechers Tom Buhrow abzulesen. Der einst durch seine sanftmütig-süffisanten Moderationen bekannte Nachrichtenmann hatte gerade den Intendantenposten beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) übernommen. Um eine Etatlücke von 100 Millionen Euro ab 2016 zu verhindern, musste er nun massive Stellenstreichungen verkünden. Jeder zehnte Arbeitsplatz soll bis 2020 beim WDR verschwinden.

In der öffentlichen Wahrnehmung sind die Öffentlich-Rechtlichen zu groß geworden

Für Kritiker des öffentlich-rechtlichen Finanzierungsmodells war die Stellenkürzung ein gefundenes Fressen. Die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen schien eine chancenlose zu sein: Zu groß, zu behäbig und altmodisch strukturiert seien die Fernseh-, Hörfunk- und Digitalkanäle von ARD und ZDF. Noch dazu wurde der Vorwurf laut, die ARD schnappe den deutschen Zeitungsverlegern, organisiert in ihrem Bundesverband (BDZV), auch die Nutzer weg, indem die Sendergemeinschaft in ihrer Tagesschau-App presseähnliche Inhalte anbiete. So war es in der Berichterstattung über den Rechtsstreit der beiden Parteien um die Wettbewerbsverzerrung durch die App zu lesen. Der Tenor war eindeutig: Der öffentlich-rechtlichen Sender erhalte zu viel Geld und nutze seine Marktmacht auch noch dazu aus, Wettbewerber zu verdrängen.

Die Öffentlich-Rechtlichen auf dem richtigen Weg

Gibt es also überhaupt eine Zukunft für das öffentlich-rechtliche Programm im digitalen Zeitalter? Stephan Weichert, seit 2008 Professor an der privaten Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg, ist davon überzeugt. Auch im digitalen Zeitalter und angesichts eines sich immer weiter ausdifferenzierenden Publikums müssen die Öffentlich-Rechtlichen ihren Auftrag für die Gesellschaft wahrnehmen, sagt er.

Laut der Programmgrundsätze, die in den jeweiligen Rundfunkgesetzen der Bundesländer genauer festgelegt werden, sollen die Rundfunkprogramme der Information, Bildung und Unterhaltung gleichermaßen dienen. Wesentliche Gesichtspunkte sind Pressefreiheit und die Unabhängigkeit von staatlichen Eingriffen. Die Sender sollen eine ausgewogene Berichterstattung gewährleisten und außerdem die Würde des Menschen achten und schützen. Überdies sollen die Programme der Wahrheit verpflichtet sein.

Was wahr und gut ist, könne aber nicht in einer quasidemokratischen Abstimmung einiger Internetnutzer bestimmt werden, sagt Weichert: „Dass im Internet Inhalte per Klick bewertet werden können, kann nicht dazu führen, dies zum Maßstab für gutes Programm zu erheben.“ Er warnt vor der „Verbuzzfeedisierung“, der totalen Ausrichtung des Inhalts nach Quotenaspekten und Effekt, für die zum Beispiel die Website Buzzfeed.com bekannt ist.

Fernsehen wann und wo der Nutzer es will

Noch immer gehören die Programme von ARD und ZDF zu den quotenstärksten, noch immer erreichen die öffentlich-rechtlichen Sender ein Massenpublikum. Die Nutzungsdauer des Fernsehens nimmt seit Jahren ab. Das gelte aber nur für Programmfernsehen, sagt Weichert. „Das klassische lineare Fernsehen ist eine veraltete Kulturtechnik, heute wird geguckt wie, wann und wo der Nutzer es will.“ Mit ihrem in den Programmgrundsätzen niedergeschriebenen „Gebot der Vielfalt“ bestimmen die Öffentlich-Rechtlichen politische Kultur in Deutschland mit; eine Kompetenz, die sie laut Weichert auch ins Internet tragen sollten, „dorthin wo inhaltliche Debatten mit dem Publikum möglich sind“.

Die Nutzer konsumieren zunehmend ein Programm, das sich aus immer mehr Kanälen speist. Dieses wird der ARD/ZDF-Onlinestudie 2014 zufolge vor allem von jungen Zuschauern immer häufiger zeitunabhängig genutzt. ARD und ZDF wollen darauf mit einem gemeinsamen Digitalkanal für 14- bis 29-Jährige reagieren. Geplant war, ein Fernsehprogramm anzubieten, doch die Ministerpräsidenten der Bundesländer machten den beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten einen Strich durch die Rechnung: Für ein TV-Vollprogramm gibt es kein Budget, das Angebot soll ins Internet verlagert werden. Damit zwingen die Politiker nach monatelangen Verhandlungen ARD und ZDF förmlich zur Innovation. Zudem müssen die Sender ihre bisherigen Digitalprogramme Einsfestival, Einsplus und ZDFkultur streichen.

Die Reformbereitschaft sei da, sagt Weichert, Tagesschau.de sei eines der „schnellsten und besten Nachrichtenangebote europaweit“. Zudem treffe beispielsweise ZDF Neo den Zeitgeist und überrasche immer wieder mit hochwertigem Programm.

Ideen für ein Umdenken

Dass die Öffentlich-Rechtlichen bedingt durch ihren großen Verwaltungsapparat vielleicht etwas langsamer agieren, räumt Weichert ein. Das halte sie jedoch nicht von „revolutionären Angeboten“ ab. Weichert nennt den Internet-Auftritt des Deutschlandfunks als Beispiel. „So muss Hörfunk im Internet aussehen.“ Der Medienforscher vermisst eine ähnliche Experimentierfreude in anderen Angeboten, die aus seiner Sicht kein unkalkulierbares Risiko damit eingehen würden: „Im Internet ist nichts für ewig, man kann wieder umlenken, wenn etwas nachweislich nicht funktioniert.“

Für harte Einschnitte dürfe man sich nicht zu fein sein, glaubt Weichert: „Man muss sich fragen, ob man in Zukunft jeden Cutter, jeden Kameramann benötigt, wenn andere mit Videoreportern arbeiten, die in sich eine Personalunion bilden.“ Auch müsse über die Gehälter von topverdienenden Stars und Talkmastern diskutiert werden, sagt Weichert.

Durch das Internet sei die Debatte um Inhalte und Strukturen in die Öffentlichkeit gerückt. Das sei nach Jahren der Gremienarbeit im Hinterzimmer auch nötig, sagt Weichert. Nun sei es an der Zeit den Publikumswillen ernst zu nehmen und dabei den gesetzlichen Auftrag nicht zu vergessen.