Correctiv „Wir wollen mit unseren Recherchen etwas verändern“

Daniel Drepper
Daniel Drepper | © Correct!v

Seit 2014 gibt es mit Correctiv das erste gemeinnützige Recherchebüro in Deutschland. Im Interview erzählt Senior Reporter Daniel Drepper, warum Journalismus in Deutschland als gemeinnützig anerkannt werden sollte und welchen Beitrag Correctiv für die Gesellschaft leisten will.

Herr Drepper, Correctiv will „für die Gesellschaft recherchieren“. Das machen andere investigative Recherche-Teams auch. Was genau ist denn das Gemeinnützige an Correctiv?

Vor dem Gesetz sind wir gemeinnützig, weil wir nicht nur recherchieren, sondern unsere Recherchen auch transparent machen und den Menschen beibringen, wie man recherchiert. Eine Stiftung hat den Start möglich gemacht, langfristig finanzieren wir uns aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Diese sind von der Steuer absetzbar. Wir veröffentlichen unsere Rechercheprotokolle und organisieren Fortbildungen für Journalisten, aber auch für ganz normale Bürger. Außerdem dürfen wir keinen Profit machen, deshalb fließt jeder Euro in unsere Recherchen. Wir können uns ganz auf die Arbeit für die Gesellschaft konzentrieren und möglichst viele Informationen für alle Bürger bereitstellen.

Ziel: Teilhabe fördern

Warum ist das wichtig?

Je mehr Informationen da sind, und je mehr Leute an der öffentlichen Diskussion teilhaben, desto besser ist es für die Demokratie. Das ist unser Ansatz. Wir besetzen damit die Lücke zwischen den Investigativ-Teams der großen Medienhäuser und den lokalen Teams, die vielleicht nicht immer die Ressourcen haben, Geschichten groß aufzuziehen. Wir können Geschichten national angehen und gleichzeitig lokalen Medien die Möglichkeit geben, auf Daten zuzugreifen und die Recherchen für eigene Geschichten auf lokaler Ebene zu nutzen. Genau das zu ermöglichen, gehört – im Gegensatz zu den etablierten Medien – auch zu unserem Auftrag.

Wer bei Correctiv Mitglied wird, bekommt Zugang zur Community und damit zum Beispiel Einblick in Rechercheprotokolle. Wie viele Mitglieder gibt es inzwischen, und wie können sie sich beteiligen?

Wir bewegen uns im Moment im dreistelligen Bereich, nicht mehr 100, aber auch noch nicht 1.000 Mitglieder. Es sollen natürlich mehr werden, und es kommen auch mit jeder Geschichte neue Leute dazu. Zur Beteiligung gehört zum Beispiel, dass die Mitglieder mitbestimmen können, in welche Projekte und Themen wir investieren. Da ist zuletzt das Thema Korruption und Machtmissbrauch gewählt worden. Langfristig soll die Community aber noch sehr viel stärker eingebunden werden. Das setzen wir gerade um, damit die Mitglieder direkt Fragen stellen, laufende Recherchen kommentieren und Anregungen geben können.

Auswahlkriterium: Relevanz für die Gesellschaft

Sie haben über Krankenhauskeime aber auch über weniger bekannte Themen wie „Spendengerichte“ recherchiert, wo Richter und Staatsanwälte durch eingestellte Strafverfahren Millionen einnehmen und sie völlig unkontrolliert verteilen. Wie wählen Sie aus, womit Sie sich beschäftigen?

Es gibt mehrere Kriterien: Ein Ziel ist es, systematische Probleme über große Datenmengen sichtbar zu machen. Bei den Spendengerichten konnten wir über die Datenbank zeigen, dass es sich nicht um Einzelfälle, sondern um einen Systemfehler handelt. Die zweite Frage, die wir uns stellen, ist, wie nah das Thema an den Menschen ist, für die wir das machen. Wie relevant ist das für die Gesellschaft? Betrifft das nur eine kleine Gruppe oder ist das wirklich ein Problem, das viele betrifft? Und: Wie groß ist der Schaden, der dadurch angerichtet wird?

Sie „verschenken“ Ihre Recherchen – und haben sich deswegen von freien Journalisten den Vorwurf eingehandelt, ihnen die Arbeit wegzunehmen. Warum tun Sie das? Damit möglichst viele Menschen auf Correctiv aufmerksam werden?

Ja, auch. Wir wollen zum einen mit unseren Recherchen etwas verändern und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Das schaffen wir als neues, unbekanntes Start-up nicht, wenn wir die Geschichten nur auf unserer Website veröffentlichen. Dafür brauchen wir große Medienpartner und deswegen kooperieren wir mit Magazinen wie Die Zeit oder Der Spiegel. Aber wir organisieren auch Lesungen und andere Veranstaltungen, um in Kontakt mit unseren Lesern zu kommen.

Finanzierung: möglichst breit aufstellen

Ist die deutsche Sprache für Correctiv ein Hemmnis? ProPublica und viele andere erfolgreiche Recherchebüros arbeiten auf Englisch und erreichen damit eine viel größere Zielgruppe.

Es wird in Deutschland sicher nie so viele gemeinnützige Recherchebüros geben wie in den USA. Aber ich glaube, dass auch in Deutschland genügend Platz ist für mehrere solcher Büros. Außerdem versuchen wir, die Geschichten, die über den deutschsprachigen Raum hinaus interessant sein könnten, auch in anderen Sprachen zu veröffentlichen. Die Recherche zum Absturz des Malaysia-Airlines-Flugs MH17 ist zum Beispiel auch auf Englisch, Russisch und Französisch veröffentlicht worden. Das hat uns viel gebracht, weil mehr als 50 Prozent der Menschen, die die Geschichte gelesen haben, nicht deutschsprachig waren. Ansonsten muss man immer im Einzelfall entscheiden, ob man eine Übersetzung anbietet oder nicht.

Sie sind zum Start 2014 mit drei Millionen Euro von der Brost-Stiftung ausgestattet worden. Die Förderung läuft nach sechs Jahren aus. Wie wollen Sie Ihre Recherchen danach finanzieren?

Die Finanzierung soll möglichst breit aufgestellt werden, damit das Büro nicht zusammenbricht, wenn eine Säule wegfällt. Wir hoffen natürlich, dass uns die Brost-Stiftung auch nach den drei Jahren weiter unterstützt, aber wir sehen uns auch nach weiteren Großstiftern um. Die zweite Säule sind Partner, die bestimmte Projekte unterstützen, und die dritte Säule sind ganz normale Bürger, die uns mit kleinen Spenden unterstützen und Teil der Community werden. Wenn wir da genügend Unterstützer finden, können wir auf jeden Fall weiterarbeiten, auch wenn uns mal ein Großspender wegbricht. Diese Basis wollen wir uns erarbeiten. Das ist unser Ziel.

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