Glaubwürdigkeitskrise der Medien „Die eigene Rolle überdenken“

Lügt die Presse?
Lügt die Presse? | © mitrija - Fotolia.com

Kumpanei mit Eliten, einseitige Berichterstattung, Machtmissbrauch – viele Deutsche sind unzufrieden mit den Medien. Wie berechtigt sind die Vorwürfe? Und wie könnten Journalisten das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen? Vier Kommentare aus den Bereichen Journalismus, Wissenschaft und Politik.

Haben die Deutschen das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit journalistischer Berichterstattung verloren? Spätestens seit die Anhänger der islamfeindlichen Pegida-Bewegung und der rechten Partei Alternative für Deutschland (AfD) Medien pauschal als „Lügenpresse“ beschimpfen, wird darüber öffentlich debattiert. Zwar teilen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap vom Oktober 2015 etwa 72 Prozent der Befragten diesen Vorwurf nicht. Doch immerhin 20 Prozent bekennen sich explizit zum Begriff „Lügenpresse“, wenn sie an Zeitungen, Radio und Fernsehen in Deutschland denken. Und 42 Prozent aller Befragten äußern grundsätzliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit journalistischer Inhalte.

Wie berechtigt ist die Kritik an den Medien? Wann wird sie für politische Propaganda missbraucht? Inwiefern kann sie auch konstruktiv sein? Und welche Rolle spielt bei der Glaubwürdigkeitskrise die schwierige ökonomische Situation, in der sich viele Redaktionen im Zuge der Digitalisierung befinden? Zu diesen Fragen äußern sich die Medienjournalistin Petra Sorge, der Politologe Thomas Meyer die Politikerin Tabea Rößner (Bündnis 90/Die Grünen) und Uwe Krüger, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Leipzig.

„Die Glaubwürdigkeitskrise hat auch ökonomische Ursachen“ – Petra Sorge, Redakteurin und Medien-Kolumnistin bei „Cicero – Magazin für politische Kultur“

Petra Sorge Petra Sorge | © Andraes Dallmann für Cicero (Ringier Publishing GmbH) Wenn wir über die aktuelle Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus reden, finde ich es wichtig, zunächst zwei Dinge voneinander zu trennen. Einerseits sind die Medien die Projektions- und Angriffsfläche für einen der gefährlichsten kulturpolitischen Richtungskämpfe seit der deutschen Wiedervereinigung. Andererseits befinden sie sich aufgrund des digitalen Umbruchs in einer ökonomischen Krisenphase.

Das Wort „Lügenpresse“ wurde 2014 zum „Unwort des Jahres“ gewählt, weil es, wie die Jury begründete, schon im Ersten Weltkrieg und während des Nationalsozialismus zur Diffamierung unabhängiger Medien diente. Mit dem Begriff, den die islamfeindliche Pegida-Bewegung übernahm, und der im Umfeld der rechtspopulistischen Partei AfD fortlebt, wird den Medien pauschal die demokratische Kontrollfunktion abgesprochen. Der Vorwurf lautet, deutsche Redaktionen würden mit Blick auf eine scheinbar politisch linke Diskurshoheit Fakten verschweigen oder ihren Erzählungen einen regierungsfreundlichen „Spin“, also Dreh, vermitteln. Die Berichterstattung über die sexuellen Übergriffe in Köln und in anderen Städten in der Silvesternacht 2015/2016 zeigt indes, dass von einer linken Diskurshoheit keine Rede sein kann. Straftaten von Migranten sind nun ebenso in den Fokus der Berichterstattung gerückt wie die Kritik an der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel.

Wenn von „Glaubwürdigkeitskrise“ die Rede ist, dann geht es auch um ökonomische Faktoren. Die Digitalisierung hat die Produktionsprozesse in den Medien beschleunigt und die Werbeeinnahmen schmelzen lassen. Redaktionen werden ausgedünnt, für Recherche bleibt immer weniger Zeit. Auf der Suche nach neuen Einkommensquellen gehen Verlagshäuser neue, gefährliche Allianzen ein: Durch sogenanntes „Native Advertising“ räumt man Werbekunden die Möglichkeit ein, Inhalten den Anschein von redaktionellen Beiträgen zu verleihen.

Glaubwürdigkeit herzustellen bedeutet, sich nicht von politischen rechten Angriffen beeindrucken zu lassen, aber auch redaktionelle Unabhängigkeit gegenüber werblichen Einflüssen zu wahren. Und für alle anderen Formen von Kritik, die etwa über Kommentare und soziale Netzwerke geäußert werden, gilt es, das Publikum ernst zu nehmen, eine konstruktive Debatte zu führen und Transparenz herzustellen. Dafür können fachkundige „Teil-Öffentlichkeiten“ im Netz sogar eine Hilfe sein, indem sie Recherchehinweise geben oder Fehler aufdecken.

„Die Republik braucht klärende Gespräche.“ – Thomas Meyer, emeritierter Professor für Politikwissenschaften und stellvertretender Vorsitzender Grundwertekommission der SPD

Thomas Meyer Thomas Meyer | Foto (Ausschnitt): © Reiner Zensen Die Parole „Lügenpresse“ ist seit 2014 der Schlachtruf, mit dem die von Rechtspopulisten durchsetzte Protestbewegung Pegida aggressiv die deutschen Massenmedien bekämpft. Diese pauschale Attacke wurde zu Recht von den Medien zurückgewiesen. Dennoch hat in der Gesellschaft und bei einigen Journalisten eine Diskussion über die tatsächlichen Versäumnisse und Einseitigkeiten des deutschen Mainstream-Journalismus unter dem Stichwort „Kommunikationsinfarkt“ begonnen. Das Bewusstsein breitet sich aus, dass etwas schief läuft im Verhältnis der Gesellschaft zu ihren Funk- und Printmedien. Misstrauen und Entfremdung wachsen.

Woher dies kommt, lässt sich in drei Punkten zusammenfassen. Zum einen hat das Vertrauen in die Objektivität und Wahrhaftigkeit der Massenmedien gelitten. Viele Bürger nehmen beim Vergleich ihrer eigenen Erfahrungen mit dem von den Massenmedien verbreiteten Gesellschaftsbild wahr, dass nicht wenige Journalisten mit verdeckt parteiischen Berichten und Kommentaren selbst Politik zu machen versuchen, statt als faire Sachwalter der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung zu dienen. Und: Von den Talkshows bis in Teile der Qualitäts-Presse wirkt die Tendenz, das politische Geschehen zu entpolitisieren. Statt über relevante gesellschaftliche Themen zu debattieren, werden persönliche Rivalitäten zwischen Prominenten inszeniert. Schließlich dominiert in vielen Medien ein Weltbild, in dem die wichtigsten sozialen Probleme wie wachsende Unsicherheit, Ungleichheit und Exklusion nur eine Randrolle spielen.

Medien und Gesellschaft driften auseinander. Das Vertrauensverhältnis zwischen der Gesellschaft und ihren Medien ist gestört. Gewiss, es geht zunächst um die Zurückweisung der pauschalen Attacken der Rechtspopulisten. Dann aber braucht die Republik klärende Gespräche, um die sichtbaren Risse reparieren zu können.

„Den journalistischen Auftrag neu definieren“ – Tabea Rößner, Sprecherin für Medien, Kreativwirtschaft und Digitale Infrastruktur der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen

Tabea Rößner Tabea Rößner | Foto (Ausschnitt): © Stefan Kaminski/Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Zunächst ist bei Schlagworten wie „Gleichschaltung“ oder „Lügenpresse“ Vorsicht geboten. Das sind politische Kampfbegriffe, die wirklich nicht geeignet sind, die Situation hierzulande abzubilden. Dasselbe gilt für den immer wieder geäußerten Vorwurf der Kumpanei von Journalisten und Machteliten. Solche Verhältnisse herrschen in totalitären Staaten, doch davon sind wir in Deutschland weit entfernt.

Mit anderen Worten: Man sollte sich davor hüten, die Medien generell zu verteufeln. Machen Medien Politik und Meinung? Ja. Aber das ist auch die Rolle, die ihnen verfassungsrechtlich zukommt. Die Medien dienen der Meinungs- und Pressefreiheit und sollen den Bürgern die Möglichkeit geben, unterschiedliche Meinungen zu rezipieren und sich ein eigenes Bild zu machen.

Wir müssen aber den massiven Vertrauensverlust in die Medien, der auch durch Umfragen belegt ist, unbedingt ernst nehmen. Die entscheidende Frage ist: Wie gehen wir mit dieser Glaubwürdigkeitskrise um? Ich glaube, dass es für Rundfunkanstalten und Verlage wichtig ist, die eigene Rolle zu überdenken. Die Zeit der alleinigen Deutungshoheit über gesellschaftliche Realität ist vorbei. Was wir brauchen, ist Reflexion und eine offene Fehlerkultur. Arbeitsbedingungen und -methoden müssen transparenter gemacht werden, die Medien müssen sich selbst viel stärker zum Thema machen.

Darüber hinaus gilt es, den journalistischen Auftrag neu zu definieren. Es reicht nicht mehr, Nachrichten lediglich bereitzustellen. Immer wichtiger werden Hintergründe und Einordnung der Informationen. So können wir vermeiden, dass immer mehr Menschen den vermeintlich einfachen Antworten, den unseriösen Blogs und Verschwörungstheorien Glauben schenken.

Natürlich ist das auch eine Frage der Ressourcen. Umfassende Berichterstattungen, intensive Recherchen, ausführlichere Beiträge und mehr Redakteure und Korrespondenten vor Ort – all das hat seinen Preis. Hier ist nicht zuletzt die Politik gefragt. Wie gelingt es, angesichts der (schwierigen) ökonomischen Situation Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Medien weiterhin hohe journalistische Qualität liefern können, die wir für eine gut funktionierende Demokratie brauchen?

„Verengung des Medien-Diskurses“ – Uwe Krüger, Publizist und Medienforscher an der Universität Leipzig

Uwe Krüger Uwe Krüger | © Olivia Jasmin Czok/ Universität Leipzig „Systempresse“, „Mainstream-Medien“, „Gleichschaltung“, „Lügenpresse“ – die Begriffe sind überspitzt. Dennoch scheinen mir Abwehr und Verdrängung keine adäquaten Strategien zu sein, mit dieser Kritik umzugehen. Denn auch etablierte Publizisten und Politiker teilen bestimmte Eindrücke. Von „Selbstgleichschaltung im Zeitungswesen“ sprach die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung Franziska Augstein bereits 2005. Der damalige Wirtschaftswoche-Chefredakteur Roland Tichy nannte es 2008 „freiwillig gleichgeschaltete Presse“, und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wunderte sich 2014 auf einem Medienkongress über „Homogenität“ und „Konformitätsdruck“ in den Redaktionen.

Natürlich gibt es in Deutschland kein Propagandaministerium, das die Medienlandschaft per Vorzensur gleichschaltet. Es existieren dazu aber verschiedene Mechanismen, die im Zusammenwirken ähnliche Effekte haben und dazu führen, dass sich die Leser „von den etablierten Medien informationell übers Ohr gehauen fühlen“, wie es der Soziologe Arno Klönne formuliert.

Zu diesen Faktoren gehört zum Beispiel die ökonomisch prekäre Situation, in der sich viele Redaktionen heute befinden. Eine  Mischung aus Zeitdruck, PR-Abhängigkeit und Angst vor Stellenstreichungen führt zu einem Klima, in dem Journalisten wenig Anreiz haben, Themensetzungen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Eine andere wichtige Ursache für die Homogenisierung von Weltsicht ist die Homogenität des Journalistenmilieus selbst. Nachwuchs rekrutiert sich vor allem aus einer westlich sozialisierten Oberschicht, und die außenpolitisch tonangebenden Journalisten verfügen meist über gute Kontakte zu USA, Nato und EU.

Grundsätzlich glaube ich, dass sich die Medien in ihrer Themensetzung stark am Diskurs der politischen Elite orientieren. Nun haben sich die Parteien in ihren politischen Positionen immer mehr angeglichen. Auch das kann zu einer Verengung des Medien-Diskurses geführt haben. Wir haben in vielen Themenfeldern zudem beachtliche Gräben zwischen der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung und dem Handeln von Eliten – wenn Nutzer dann die großen Medien auf Seiten der Eliten wahrnehmen und ihre eigenen Fragen nicht gestellt werden, kann das Vertrauen kosten.