Datenjournalismus Daten erzählen Geschichten

Datenjournalismus als neuer Trend
Datenjournalismus als neuer Trend | Foto (Ausschnitt): © ldprod - Fotolia.com

Daten sind der Rohstoff unserer digitalen Zeit. Im Journalismus versprechen die Datenmassen neue Recherchewege und Veröffentlichungsformate. Auch in Deutschland ist der Datenjournalismus auf Wachstumskurs.

Nie zuvor wurden Daten in solcher Fülle und Vielfalt erhoben, aufgezeichnet und in Datenbanken gespeichert. Für den Journalismus bedeuten die Datenberge einen wahren Schatz, denn sie enthalten Informationen und Storys, die nur darauf warten, durch Aggregieren, Gewichten und Auswerten zu Tage gefördert zu werden.

Datenjournalismus nennt sich der Trend, maschinenlesbare Datensätze per Software zu analysieren, um aus der unübersichtlichen Datenmenge einen schlüssigen informativen Mehrwert zu gewinnen. Dieser soll auf verständliche Art und Weise präsentiert und visualisiert werden. Im Idealfall bietet Datenjournalismus den Nutzerinnen und Nutzern zudem die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen durch eine interaktive Rechercheumgebung und die Veröffentlichung der Rohdaten – Datenjournalismus durchbricht die lineare Form traditioneller Publikationsformen, indem er die typischen Möglichkeiten des Internets nutzt: Hypertextualität, Multimedialität und Interaktivität.

Geburtsstunde des Datenjournalismus

Den Stein ins Rollen brachte die Online-Redaktion der britischen Tageszeitung The Guardian im Jahr 2010 mit der Aufbereitung Tausender Geheimdokumente über den Afghanistankrieg, die ihr die Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt hatte. Aus über 90.000 Datensätzen entstanden multimedial angereicherte Berichte und interaktive Grafiken. Zudem stellte die Zeitung eine für Nutzerinnen und Nutzer recherchierbare Datenbank ins Netz. The Guardian beschrieb diese Vorgehensweise später als zwangsläufig: Um den Informationsgehalt der unübersichtlichen Datenmassen zu bestimmen, waren herkömmliche Methoden wie Verschriftlichung oder Tabellenform kaum geeignet. Datenjournalismus hingegen bot eine sinnvolle Recherche- und Publikationsmöglichkeit.

Deutsche Datenjournalismus-Projekte

Mit der leserfreundlichen Aufbereitung der digitalen Informationen war The Guardian Vorreiter im Datenjournalismus. Schon bald darauf starteten auch in Deutschland verschiedenste datenjournalistische Formate. Zu den bekanntesten zählt etwa die Anwendung „Verräterisches Handy“ von Zeit Online aus dem Jahr 2011. Der Politiker Malte Spitz von der Partei Die Grünen hatte seine gespeicherten Vorratsdaten aus dem Zeitraum August 2009 bis Februar 2010 zur Verfügung gestellt. Auf einer animierten Karte visualisiert, zeigen sie zu jedem Zeitpunkt den genauen Aufenthaltsort von Spitz. Um zu verdeutlichen, wie detailgenau sich das Leben eines Menschen abbilden lässt, verknüpft Zeit Online diese Geodaten mit frei im Internet verfügbaren Informationen über Malte Spitz wie Tweets oder Blogeinträge. Das Thema der Überwachung durch Vorratsdatenspeicherung wird durch Artikel weiter angereichert. Nutzer können sich die Daten herunterladen, die Reise durch Spitz‘ Leben mit selbst gewählter Geschwindigkeit abspielen sowie beliebige Zeitpunkte ansteuern. Das Format „Parteispenden-Watch“ der Tageszeitung taz wiederum stellt seit 2009 Parteispenden auf einer interaktiven Karte dar. Erst durch grafische Verdichtung und Begleittexte werden die Spendenbeziehungen transparent und verständlich. Die Berliner Morgenpost wählt etwa für das Flüchtlingsthema eine datenjournalistische Herangehensweise: Grafiken verdeutlichen, woher die Flüchtenden von Januar bis August 2015 kamen und in welchen Bundesländern sie untergebracht wurden.

Gegenwind in Deutschland

Zwar ist Datenjournalismus auch in Deutschland auf Wachstumskurs, dennoch geht hierzulande die Entwicklung eher schleppend voran. Deutsche Medien haben gegen eine Reihe von Hürden anzukämpfen. So machen es die strengen Datenschutzbestimmungen in Deutschland Journalisten mitunter besonders schwer, an Datensätze heranzukommen. Auch die Open-Data-Bewegung, die die freie Verfügbar- und Nutzbarkeit von staatlich finanzierten Daten anstrebt, und die Datenbasis für viele datenjournalistische Projekte liefern könnte, kommt in der deutschen Verwaltung nicht richtig in Schwung. Denn bisher ist die Datenveröffentlichung durch Behörden freiwillig und wird eher zögerlich gehandhabt. Hinzu kommt, dass das kontinentaleuropäische Urheberrecht die freie Nutzung etwa von Karten für Visualisierungszwecke verhindert.

Datenjournalismus braucht Journalisten

Datenjournalisten arbeiten nach denselben ethischen und handwerklichen Grundsätzen wie klassische Journalisten. Da sich ein Datenjournalist jedoch auf anderes Quellmaterial und andere Werkzeuge stützt, verändert sich seine Rolle: Verstanden sich Journalisten früher als Gralshüter der Quellen, so wird ihnen in datenjournalistischen Projekten mehr Offenheit abverlangt. Denn Datenjournalismus basiert auf den Prinzipien einer freien und offenen Netzkultur. Dazu gehört auch die Idee, dass durch das Teilen der Daten mit den Nutzerinnen und Nutzern neue Informationen in die Redaktion zurückfließen, die das Thema weiter vertiefen. Außerdem benötigen Journalisten technische Fähigkeiten, um die Möglichkeiten des Internets auszureizen und Beiträge entsprechend umzusetzen. Nicht selten wird Recherche daher künftig auch im „Scraping“, also dem Durchforsten von Websites und Einsammeln von Rohdaten, bestehen.

All dies heißt jedoch nicht, dass Journalisten zu „Datenschürfern“, Statistikern und Programmierern werden. Und es heißt auch nicht, dass Journalismus künftig ohne Journalisten auskommt, da Programme selbsttätig Datenbanken abfragen, Daten bearbeiten und dann wiedergeben könnten. Weil die Daten nicht für sich sprechen, braucht es weiterhin den klassischen journalistischen Rahmen: Erst wenn Datenquellen erläutert, Zusammenhänge aufgezeigt und Ergebnisse analysiert sind, können Datenmassen einen Informationsmehrwert entfalten.