Radio Revolten Freie Radikale in Halle

Radiokunst
Radiokunst | Foto (Ausschnitt): © AndreaToft

Im sachsen-anhaltischen Halle an der Saale finden den ganzen Oktober 2016 über die Radio Revolten statt, eines der größten internationalen Festivals für Radiokunst. Knut Aufermann, künstlerischen Leiter des Festivals, über eine ebenso künstlerische wie subversive Form des Hörfunks.

Herr Aufermann, in Ihren eigenen Arbeiten haben Sie schon ein Gasometer als Klangraum genutzt, On-Air-Projekte, Audio- Performances und -Installationen realisiert. Was genau ist Radiokunst eigentlich?

Diese Frage beantwortet jeder anders. Die einfachste Antwort lautet: Radiokunst ist, was bei den Radio Revolten passiert. Wir versuchen, die ganze Bandbreite an künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten abzudecken. Natürlich hat Radiokunst immer mit Radio zu tun – eine Ausstrahlung, eine Auseinandersetzung mit dem Medium Hörfunk, mit dem Apparat oder mit der elektromagnetischen Materialität des Radios.

Glockenspiel und Radiotänzer

Knut Aufermann Knut Aufermann | Foto (Ausschnitt): © Sarah Washington Was sind die wesentlichen Strömungen in der aktuellen Radiokunst?

Es gibt viele verschiedene Bereiche. Bei den Installationen gibt es vor allem in Nordamerika spannende Entwicklungen, weil bildende Künstler vom kleinen Kosmos der Klangkunst in den Bann gezogen werden. In England gibt es eine starke Szene, die durch unabhängige Sender wie Resonance FM geprägt ist. Dort haben Tausende Künstler die Möglichkeit, im Radio ihre wildesten Ideen auszutoben. In Deutschland ist der klassische, auch sehr experimentelle Hörspielbereich nach wie vor sehr aktiv.

Was wird bei den Radio Revolten zu hören und zu sehen sein?

Viel Überraschendes. Eine tolles Ereignis wird sein: Auf dem Marktplatz in Halle stehen fünf Türme, in einem hängt das größte Glockenspiel Europas. Das dürfen wir nutzen. Der Kölner Klangkünstler Hans W. Koch hat glocke + tier komponiert für Glockenspiel und zwei Gruppen von Performern mit tragbaren Radiogeräten. Da wir zwei UKW-Frequenzen zur Verfügung haben, gibt es zwei Radioübertragungen elektronischer Kompositionen, die gleichzeitig abgespielt werden. In einer alten Türmerwohnung am Marktplatz werden wir außerdem ein „Radio-Orakel“ einnisten, das befragt werden kann und jeden Tag zwischen 17 und 18 Uhr live senden wird. Und wir präsentieren natürlich viele Performances, fast jeden Abend findet eine Aufführung statt, die auch live übertragen wird.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Einerseits sind die Radio Revolten ein Branchentreffen von hochspezialisierten Fachleuten, andererseits wollen Sie Menschen für Radiokunst interessieren, die kaum einen Bezug dazu haben. Wie kann das glücken?

Wir hoffen auf die Neugierde der Menschen, und dass sie einfach vorbeischauen, weil der Eintritt zu den Veranstaltungen kostenlos ist. Wir sind in zwei alten Häusern direkt am Marktplatz, die seit 15 Jahren nicht öffentlich zugänglich, aber vielen Hallensern bekannt sind. Außerdem senden wir auch auf Mittelwelle, die als Hörfunkwelle in Deutschland eigentlich abgeschaltet ist, aber ein völlig neues Publikum anspricht: die Amateurfunker. Und in der Ausstellung Unsichtbare Wellen in Kooperation mit dem Stadtmuseum wird spannend vermittelt, was es in den letzten 100 Jahren in Halle an Radiorevolten gegeben hat – zum Beispiel Piratenradios während der DDR-Zeit.

Wo findet Radiokunst außerhalb von Radio Revolten statt?

In Deutschland gibt es immer noch Sendeplätze für Radiokunst im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, etwa bei Deutschlandradio Kultur oder beim Südwestrundfunk. Ansonsten weiß ich von sehr vielen kleinen Radiosendern, einigen auch in Deutschland. Radio Corax aus Halle ist sicherlich einer der experimentierfreudigeren Sender, aber auch in Berlin machen verschiedene Radiogruppen wie Reboot.fm ganz interessante Sachen. Und dann passiert immer wieder auch Spannendes im Netz, oft in Verbindung mit etablierten UKW-Radios.

Subversiv und zugleich Öffentlich-Rechtlich

Wer sind die Produzenten und die Finanziers von Radiokunst?

Nur ganz wenige Leute können davon leben. Deutschland ist eines der wenigen Länder, wo sich Künstler manchmal über experimentelle Hörspiele finanzieren können. Im Endeffekt ist Radiokunst eine Untergrundkunst. Die Leute machen es, weil es ihnen Spaß macht. Sie sind eher daran interessiert, irgendwo uneingeschränkte Sendezeit zu bekommen, als dass sie dafür bezahlt werden.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Radiokunst?

Sie hat neue Fenster geöffnet. Vor zwölf Jahren, 2004, habe ich eine Livesendung von einer Insel in der irischen See gemacht, wo es keinen Strom gab, da haben wir über Solarzellen einen Satelliten-Uplink hergestellt, der uns kaum etwas gekostet hat. Wir können plötzlich Projekte machen, die vorher nur großen Medienunternehmen vorbehalten waren. Das eröffnet neue künstlerische Möglichkeiten. Die digitale Verbreitung ist allerdings problematisch. Podcasts haben für mich keine klare Verbindung zum Radio. Das ist fast eine eigene Medienform. Beim Radio ist für mich das Live-Element zentral. Selbst wenn es eine vorproduzierte Sendung ist, weiß ich, dass eine ganze Menge Leute zur gleichen Zeit zuhören. Und: Wenn ich den Anfang verpasst habe, kann ich eben nicht auf den Anfang zurückspulen. Diesen verschwindenden Moment finde ich ganz wichtig.

Hat Radiokunst eine subversive Rolle innerhalb des Hörfunks?

Ich glaube schon. In einem der radikalsten Radios, das ich kenne, Resonance FM aus London, schaffen es Künstler immer wieder, alle zu schocken.

Das Radiokunst-Festival Radio Revolten wurde 2006 gegründet, um Radio als eigene Kunstform sicht- und hörbar zu machen. In der zweiten Ausgabe präsentieren 70 Künstler aus 17 Ländern vom 1. bis zum 30. Oktober 2016 täglich künstlerische Arbeiten, Installationen, Performances und Konzerte. Radio Revolten senden auf UKW- und MW-Frequenz sowie über Livestream. Das Festival ist ein Projekt von Radio Corax, einem etablierten freien Radio in Halle, und wird unter anderem von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Der deutsche Radiokünstler, Musiker, Komponist und Kurator Knut Aufermann (Jahrgang 1972) koordinierte unter anderem von 2002 bis 2005 das Community Radio Resonance FM 104.4 in London, das auf die Übertragung künstlerischer Radioarbeiten spezialisiert ist. Seit 2005 arbeitet er als freier Radiokünstler zusammen mit Sarah Washington unter dem Projektnamen Mobile Radio in Deutschland. 2016 ist Knut Aufermann künstlerischer Leiter des internationalen Radiokunst-Festivals Radio Revolten in Halle (Saale).