Deutsche Medienblogger „Bloggen ist eine Kulturtechnik“

Diskurse und Diskussionen über Medien
Diskurse und Diskussionen über Medien | Foto (Ausschnitt): © Leonard Novy

Die Medien in Deutschland stehen in der Kritik: Intransparenz, Parteilichkeit und strukturelle Abhängigkeiten sind nur einige der Vorwürfe. In dieser Situation erfährt eine Publikationsform Aufmerksamkeit, die größtmögliche Unabhängigkeit in der Berichterstattung zu ihren Kernkompetenzen zählt: das Bloggen. Zahlreiche Blogs setzten sich kritisch mit der journalistischen Berichterstattung und den Medien auseinander. Doch inwiefern kann und will ein Medienblog erfolgreich eine Gegenöffentlichkeit etablieren, welche Ziele verfolgen die Macher? Mit drei Fragen hat sich Goethe.de an aktuell wichtige deutsche Medienblogger gewandt – ein Blick hinter die Kulissen eines Kulturphänomens.

Carta – Leonard Novy: „Die Freiheit, Interventionen im öffentlichen Diskurs zu schaffen“

Leonard Novy (Carta) Leonard Novy (Carta) | Foto (Ausschnitt): © Leonard Novy
Herr Novy, Carta existiert seit 2008, wurde mehrfach ausgezeichnet, 2016 mit dem LeadAward in Gold in der Kategorie Online Independent des Jahres. Welchen Diskurs wollen Sie mit dem Blog anstoßen? 

Wir sind ein meinungsstarkes Mehrautorenblog, das sich mit den Themen Demokratie, Öffentlichkeit, Medien beschäftigt und von den Beiträgen renommierter Autoren aus Journalismus, Wissenschaft, Politik und Kultur lebt. In den Jahren nach seiner Gründung, als Digitalisierung noch ein politisches Nischenthema war, entwickelte sich Carta rasch zu einer Art Instanz – und zum Treiber – in den Debatten um Medien und Politik im digitalen Wandel. Seither hat sich unser Fokus vergrößert, wir werfen einen weiteren Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen. Die thematische Klammer bildet die Frage nach dem Zustand und der Zukunft von Öffentlichkeit und Demokratie. Nicht nur Medien und Journalismus, unsere Öffentlichkeit insgesamt befindet sich im Umbruch. Carta hatte immer zum Ziel, diesen Strukturwandel zu beleuchten.

Wo verorten Sie „Carta“ innerhalb der Medienlandschaft?

Ich verstehe Carta als Bestandteil einer pluralistischen Medienlandschaft, die freilich mehr neue Projekte mit publizistischem Anspruch, mehr Innovation gebrauchen könnte. Zugleich haben wir uns immer auch als „medienkritisches“ Projekt verstanden, das Dysfunktionalitäten und Fehlverhalten der „großen“ Medien thematisiert – mangelnde Transparenz der öffentlich-rechtlichen Sender, journalistische Entgleisungen Einzelner oder das „Einheitsdenken“ vieler Medien etwa in der Griechenlandkrise.

Was bedeutet Bloggen für Sie persönlich?

Die Freiheit, mit Carta hier und da Interventionen im öffentlichen Diskurs zu schaffen, Akzente zu setzen und Autoren, Themen oder Gedankengängen Öffentlichkeit zu verschaffen, die im öffentlichen Debatte bislang zu kurz kamen. Schnell auf Entwicklungen zu reagieren und sie zu kommentieren oder auch längere Texte zu publizieren, die für große Medien schlichtweg zu lang oder zu komplex sind, reizt mich.

Leonard Novy ist Ko-Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik. Gemeinsam mit Tatjana Brode, Christian Neuner-Duttenhofer und Stefan Heidenreich betreibt er das seit 2008 erscheinende Autorenblog Carta. @carta_, facebook.com/carta.info

Netzpolitik – Markus Beckedahl: „Bloggen ist eine Kulturtechnik.“

Markus Beckedahl (Netzpolitik) Markus Beckedahl (Netzpolitik) | Foto (Ausschnitt): © Daniel Mueller
Herr Beckedahl, Netzpolitik gilt als eines der einflussreichsten deutschen Politik-Blogs. Sie haben die Website vor 15 Jahren, also 2002, gegründet. Was war damals Ihre Motivation?

Seinerzeit fehlte mir ein Ort im Netz, wo viele Informationen über netzpolitische Fragestellungen gebündelt und gesammelt werden und so habe ich mir diesen selbst geschaffen. Am Anfang war es eine reine „Linkschleuder“, ein Nebenbei-Projekt. Mit der Zeit ist das Angebot journalistischer und thematisch breiter geworden. Inzwischen berichten wir aus dem Blickwinkel von Grundrechten im digitalen Zeitalter darüber, wie die Politik das Netz verändert und wie das Netz alles verändert.

Welche Ziele verfolgen Sie heute?

Wir wollen Menschen informieren und gleichzeitig motivieren, sich selbst in unsere Demokratie einzumischen. Gelesen werden wir von rund 60.000 Nutzern täglich, darunter vielen Entscheidungsträgern aus der Politik, vielen Multiplikatoren und noch mehr Bürgerinnen und Bürgern, die sich einfach für die Themen interessieren und sensibilisiert sind. „Fight for your digital rights“ ist unsere Haltung und Imperativ in einem.

Was verstehen Sie persönlich unter Bloggen?

Bloggen – oder allgemeiner gesagt: Publizieren im Netz – ist eine Kulturtechnik. Was früher nur in Form von Blogs ging, ist jetzt mit jedem Social Media Account möglich.

Netzpolitik.org wurde 2002 von dem netzpolitischen Aktivisten und Journalisten Markus Beckedahl gegründet. Die Redaktion besteht aus zehn festen Redakteuren und einem großen Netzwerk an freien Autoren. @netzpolitik facebook.com/netzpolitik

Bettina Blaß, Timo Stoppacher – Fit für Journalismus: „Für Einsteiger, Umsteiger und vor allem Aufsteiger im Journalismus“

Frau Blaß, Herr Stoppacher, Ihr Blog Fit für Journalismus richtet sich an Journalisten und solche, die es werden wollen. Warum ist das gerade heute wichtig?

Timo Stoppacher (Fit für Journalismus) Timo Stoppacher (Fit für Journalismus) | Foto (Ausschnitt): © Timo Stoppacher Timo Stoppacher: Weil es kaum realistische Einblicke in die Arbeit als freier Journalist gibt. Viele Jugendliche mit Berufswunsch Journalist haben ein Bild vor Augen, in dem sie in Redaktionen festangestellt sind und von Termin zu Termin hetzen. In der Realität arbeiten immer mehr Journalisten frei – entweder weil sie es wollen oder müssen. Unsere Themen sind dementsprechend alle Aspekte der Selbstständigkeit.
Bettina Blaß: Und die sind eben nicht nur für junge Menschen wichtig, sondern auch für die älteren, die nach einer Kündigung eventuell plötzlich als Freiberufler arbeiten müssen oder wollen.

 „Fit für Journalismus“ ist eine Mischung aus Service-Angeboten, Interviews, Berichten, Kommentaren und Nutzerantworten. Welche Vorteile bietetet ein Blog im Vergleich zu klassischen redaktionellen Formaten?

Bettina Blaß (Fit für Journalismus) Bettina Blaß (Fit für Journalismus) | Foto (Ausschnitt): © Bettina Blaß Bettina Blaß: Mit einem Blog entkommt man einem redaktionellen Korsett. Man kann selbst bestimmen, was man in welcher Form und Länge veröffentlicht. Das bedeutet nicht, dass wir ungeprüft Fakten veröffentlichen: Wir halten uns auch in unserem Blog an die Richtlinien des Qualitätsjournalismus.
Timo Stoppacher: Durch unser Blog können wir unsere eigene Meinung veröffentlichen und Einblicke geben aus unserem eigenen Praxisalltag als selbstständige Journalisten.

Was bedeutet Bloggen für Sie persönlich?

Timo Stoppacher: In erster Linie Spaß, für uns auch Selbstmarketing.
Bettina Blaß: Für mich ist es auch eine Form der Selbstverwirklichung: Ich bearbeite hier nur Themen, die mir Spaß machen. Für Kunden recherchiere und schreibe ich durchaus auch über andere Themen. Allerdings ist es auch so, dass wir aufgrund unseres Blogs schon mehrfach als Dozenten angefragt wurden. Dementsprechend ist die Arbeitszeit im Blog gut angelegt.

Die Journalisten und Dozenten Bettina Blaß und Timo Stoppacher betreiben das Blog Fit für Journalismus seit  2013. 
@ffjournalismus, facebook.com/Ffjournalismus

Bildblog – Moritz Tschermak: „Wir wollen den Journalismus zum positiven verändern:“

Herr Tschermak, was verbirgt sich hinter Bildblog?

Moritz Tschermak (Bildblog) Moritz Tschermak (Bildblog) | Foto (Ausschnitt): © Privat Das Blog startete im Jahr 2004 als sogenanntes Watchblog, das die Arbeit der Axel-Springer-Publikationen Bild, deren Onlineauftritt Bild.de und Bild am Sonntag kritisch hinterfragt. Es ging darum, auf Fehler in der Berichterstattung hinzuweisen, für die besonders die Bild-Medien lange kritisiert wurden – beispielsweise unsaubere Recherche oder die Verletzung von Persönlichkeitsrechten. 2009 hat sich Bildblog für sämtliche deutschsprachigen Medien geöffnet. Wir wollen dazu beitragen, dass sich der Journalismus in Deutschland zum Positiven verändert. Zum Beispiel, indem Fehler, über die wir bei uns geschrieben haben, korrigiert werden.

Haben Sie damit Erfolg?

Tatsächlich ist es so, dass Fehler, auf die wir hinweisen, von manchen Redaktionen inzwischen recht schnell korrigiert werden. Man merkt das zum Beispiel an Meldungen des Nachrichtendienstes DPA. Da uns inzwischen einige DPA-Journalisten in den sozialen Medien folgen, wird hier in der Regel unmittelbar nach unserem Blogpost nachgebessert. Ein weiteres Beispiel ist die Suizid-Berichterstattung. Hier gibt es das Risiko eines Nachahmereffekts, das aber von vielen Redaktionen lange ignoriert wurde. Man kann sagen, dass es nicht nur, aber auch ein Verdienst von Bildblog war, dass in deutschen Medien inzwischen unter so gut wie allen Suizid-Berichten ein Warnhinweis für gefährdete Personen eingebunden ist.

Welchen Mehrwert sehen Sie im Bloggen?

Ziemlich viel Freiheit, über das zu schreiben, wozu ich Lust habe, vollkommen frei von irgendwelchen Veröffentlichungszwängen und Einengungen. Dass wir mit relativ geringen Ressourcen relativ einfach ziemlich viele Leute erreichen können, ist die große Stärke des Publizierens im Internet.

Das Medienwatchblog Bildblog erscheint seit 2004 und wird seit 2015 von dem freien Journalisten und Blogger Moritz Tschermak betrieben. @bildblog, facebook.com/bildblog

Übermedien – Stefan Niggemeier/Boris Rosenkranz: „Unabhängige Medienkritik ist wichtiger denn je.“

Boris Rosenkranz, Stefan Niggemeier (Übermedien) Boris Rosenkranz, Stefan Niggemeier (Übermedien) | Foto (Ausschnitt): © Privat Herr Niggemeier, Herr Rosenkranz, Übermedien sieht aus wie ein professionelles Web-Magazin für Medienkritik. Wollen Sie den vielen Branchendiensten in Deutschland Konkurrenz machen?

Nein, wollen wir nicht. Weil wir anders sind. Übermedien sieht nicht nur aus wie ein professionelles Medienmagazin, das ist es auch. Wir verstehen uns deshalb weniger als Blog, denn im Grunde machen wir ja nichts anderes als andere Journalisten, nur dass wir „über Medien“ berichten – also, wie sich ein Wirtschafts-Journalist mit Wirtschaft befasst oder ein Sport-Journalist mit Sport. Aber es gibt einen ganz wichtigen Unterschied zu klassischen journalistischen Formaten: Wir sind völlig unabhängig von Sendern und Verlagen, und im Unterschied zu den Branchendiensten richten wir uns nicht nur an Journalisten, sondern insbesondere an Menschen, die Medien nutzen. Also: an Alle.

Warum ist das so wichtig?

Weil die Beziehung zwischen Journalisten und Teilen des Publikums in Deutschland – und nicht nur hier – gestört ist, was man zum Beispiel an Pauschalurteilen über die vermeintliche „Lügenpresse“ erkennt. Und weil es einfach viel zu kritisieren gibt, gerade in einer Zeit des Wandels, wie sie der Journalismus momentan erlebt. Leider tun sich etablierte Medien trotzdem häufig noch schwer, mit Kritik umzugehen. Es war uns deshalb wichtig, Übermedien zu gründen, um differenziert Kritik zu üben, getreu unserem Slogan: „Medien besser kritisieren“.

„Übermedien“ ist das erste Blog, das versucht, sich über zahlende Abonnenten zu finanzieren. Wie?

Unsere Abonnenten zahlen 3,99 Euro im Monat, geben uns so langfristig Planungssicherheit und können im Gegenzug exklusive Beiträge lesen – erst später werden sie für alle frei. Schön wäre es, wenn wir unser Angebot mittelfristig für sämtliche Leserinnen und Leser kostenfrei zugänglich machen könnten – von Anfang an. Damit sich unsere Beiträge weit verbreiten, was wichtig ist, sonst bringt das ja alles nichts.

Das Medienmagazin Übermedien erscheint seit Anfang 2016 und wird von den Gründern Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz betrieben. @uebermedien, facebook.com/uebermedien

iRights.inf0 –David Pachali: „Blogs können ein Korrektiv sein.“

Herr Pachali, bei iRights.info, so lässt schon der Titel vermuten, geht es um Rechtsfragen in der digitalen Welt. Welche Entwicklungen können Sie anstoßen, was wollen Sie politisch verändern?

David Pachali (iRights.info) David Pachali (iRights.info) | Foto (Ausschnitt): © Privat iRights.info ist ein Informationsportal und Webmagazin über Urheberrecht, Kreativität und vieles mehr in der digitalen Welt. Unsere Leserinnen und Leser beschäftigen Fragen, welche Musik sie in ihren Youtube-Videos verwenden dürfen. Andere interessieren sich für aktuelle politische, rechtliche und andere Entwicklungen: Was bedeutet dieses oder jenes Gerichtsurteil? Was plant die EU beim Urheberrecht? Wir wollen dazu beitragen, dass die Debatte um Urheberrechte, Regeln und Regulierung im Internet informiert stattfindet. iRights.info soll aber nicht zu einer bestimmten politischen Haltung bekehren.

Verstehen Sie Ihr Blog als Gegenöffentlichkeit?

Das klingt sehr holzschnittartig. Die Diagnose, dass es so etwas gibt wie „die Mainstream-Medien“, gegen die man antreten müsste, würde ich jedenfalls nicht teilen. Aber punktuell stimmt das vielleicht. Es gibt immer wieder Themen, bei denen iRights.info einen anderen Blick auf die Dinge wirft. Zum Beispiel dort, wo Verlage über Entwicklungen berichten, von denen sie selbst betroffen sind, sehe ich häufig Defizite. Da können iRights.info und andere Blogs ein Korrektiv sein.

Was bedeutet Bloggen?

Ein Blog ist nur ein technisches Gerüst, das sich für viele unterschiedliche Zwecke einsetzen lässt. Bei iRights.info setzen wir es ein, um ein Informationsangebot zu betreiben. So etwas wie „das Bloggen“ an sich gibt es nach meiner Einschätzung nicht.

David Pachali ist Journalist und Blogger. Das Informationsportal iRights.info ist seit 2005 online. Es wird vom gemeinnützigen Verein iRights e.V. betrieben.  @iRightsinfo, facebook.com/irights.info

Franziskript – Franziska Bluhm: „Ventil, Spielwiese, ein Stück weit Sprachrohr“

Franziska Bluhm (Franziskript) Franziska Bluhm (Franziskript) | Foto (Ausschnitt): © Privat Frau Bluhm, auf Franziskript stellen Sie sich mit den Worten vor: „Ich schreibe hier oft Privates, manchmal aber auch nicht.“ Was sind Ihre Themen?

Mein Blog ist seit 2003 meine Spielwiese und mein Kanal für all das, was ich auf anderen Kanälen nicht losgeworden bin und was ich ausprobieren wollte. Ich blogge über Dinge, die mir wichtig sind und die mich beschäftigen – da ich in der Medienbranche tätig bin, häufig über diese Themen. Auszuprobieren, wie ein Podcast funktioniert, ein Videoformat zu konzipieren, bestimmte Themen zu testen, ist in einem privaten Blog oft einfacher. Denn ein Blog ist nicht sofort mit der (oft traditionsbehafteten) Medienmarke verbunden sind.

Sie gehören zur Jury der Goldenen Blogger, die seit 2007 regelmäßig die besten deutschen Blogger auszeichnet. Was bedeutet Bloggen für Sie ganz persönlich?

Ventil, Spielwiese, ein stückweit Sprachrohr. Blogs geben jedem Einzelnen publizistische Macht ganz unabhängig von etablierten Medienmarken.

Noch nie hatten Einzelne mit verhältnismäßig geringem Aufwand so viele Möglichkeiten andere Menschen zu erreichen. Nutzen Sie Ihr Blog als Gegenöffentlichkeit?

Damit würde ich mir persönlich zu viel Bedeutung zuschreiben. Aber grundsätzlich verschaffen Blogs Menschen mit ähnlichen Interessen eine Öffentlichkeit. Nie war es leichter, zu einem noch so „nischigen“ Thema Gleichgesinnte zu finden und sich mit diesen in Blogs und anderen sozialen Medien auszutauschen.

Franziska Bluhm ist Leiterin Digitale Vernetzung der Verlagsgruppe Handelsblatt und beschäftigt sich mit dem Medienwandel in all seinen Facetten, unter anderem auch auf Franziskript.  

Indiskretion Ehrensache – Thomas Knüwer: „Was sich in der Medienwelt verändern muss, damit sie erhalten bleibt.“

Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache) Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache) | Foto (Ausschnitt): © Privat Herr Knüwer, schon der Name Ihres Blogs geht in die Offensive: Indiskretion Ehrensache – Notizen aus dem Medienalltag! Welchen Diskurs wollen Sie anstoßen?

Ich bin noch immer sprachlos darüber, wie rückständig deutsche Medien im Bereich Digitalisierung denken – und daran hat sich in den vergangenen Jahren, seit ich 2005 aus diesen Gründen das Blog startete, nichts geändert. Ich glaube auch nicht, dass wir vorankommen, wenn wir uns nur einreden, dass alles gut und schön wird. Wenn Medienhäuser ihr Denken und ihre Prozesse nicht radikal verändern, werden sie keine Grundlage für ihr Überleben haben. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir offen darüber diskutieren müssen, was und wie sich die Medienwelt ändern muss, damit sie erhalten bleibt. Hinzu kommt: Mir macht Schreiben Spaß, und das Blog war zunächst ein Ort, an dem mich ohne die physischen und organisatorischen Beschränkungen einer Tageszeitung austoben konnte. Das ist auch weiterhin so. Eigentlich will ich mit meinem Blog Spaß haben und geistig durch meine Leser bereichert werden. 

Sie verleihen seit 2007 die „Goldenen Blogger“. Wer und was verbirgt sich dahinter?

Ich verleihe diesen Preis nicht allein, sondern mit Franziska Bluhm von der Verlagsgruppe Handelsblatt, Daniel Fiene von Rheinische Post Online und der freien Journalistin Christiane Link. Entstanden sind die Goldenen Blogger als Satire auf Preisverleihungen und es war nie geplant, die ganze Sache ernst zu nehmen. Aber wie das Internet so ist: Sehr viele Menschen haben unsere Verleihung ernster genommen, als wir selbst. Und so ist, was einst im Wohnzimmer mit einer Webcam auf dem Bügelbrett begann, inzwischen eine öffentliche Gala im Basecamp Berlin geworden. 

Was braucht ein Blog, um von Ihnen nominiert zu werden?

Reduziert gesagt: Eine Chance, nominiert zu werden, haben Blogs die innerhalb des Jahres richtig gerockt haben.

Thomas Knüwer ist Gründer und Leiter der Digitalstrategie-Beratung kpunktnull, und war unter anderem Ressortleiter des Handelsblatt. Seit 2005 schreibt er auf seinem Blog Indiskretion Ehrensache.

Ingeseibel.de – Inge Seibel: „In erster Linie ist mein Blog meine Visitenkarte als freie Journalistin“

Inge Seibel (ingeseibel.de) Inge Seibel (ingeseibel.de) | Foto (Ausschnitt): © Inge Seibel Frau Seibel, Sie bloggen über Journalismus und Soziale Medien – aber nicht nur!

Mein Blog ingeseibel.de sind eigentlich zwei: Ich bin seit 30 Jahren leidenschaftliche Radiojournalistin. Radio ist also mein Hauptthema, dazu kamen die sozialen Medien, allen voran Twitter. Ich beschäftige mich viel mit der Zukunft des Radios oder Berichte über Leuchtturmprojekte. Vor kurzem habe ich mich sogar mal an einem virtuellen Radioquiz versucht. Fand Anklang, ist aber ganz schön aufwendig. Die zweite Säule meines Blogs sind unsere virtuellen Reisetagebücher – die allerdings auch oft mit Medien zu tun haben.

Als Journalistin präsentieren Sie Ihre Themen auch in klassischen Formaten wie Radiosendungen oder Artikeln. Warum bloggen Sie?

Weil ich schreiben und kommentieren kann, was und wie umfänglich ich möchte, ohne mich an Vorgaben der Redaktion oder eines Chefredakteurs halten zu müssen. Das betrifft die Themenauswahl und natürlich auch den Stil, der im Blog viel persönlicher sein darf als beispielsweise in einem Artikel, den ich etwa fürs Medium Magazin schreibe. Wobei ich betonen möchte, dass ich mich auch in meinem Blog auf die journalistischen Grundwerte besinne. Ich stelle keine Behauptungen ohne Quellenangaben oder Recherche auf. 

Verstehen Sie sich als Gegenöffentlichkeit?

Eine schwierige Frage: Bevor ich mit meinem eigenen Blog gestartet bin, haben mein Mann und ich gemeinsam ein Webvideo-Projekt verfolgt, Blogmedien-TV. Darin haben wir monatlich in einem kurzen Video über Höhen und Tiefen von Print, Radio, TV und Online berichtet. Das war sehr aufwändig, bedurfte viel Recherche und leider gab es mehr Tief- als Höhepunkte. Wir haben das dann irgendwann wieder eingestellt. Ich hatte ehrlich gesagt auch keine Lust, auf die Dauer als „Mediengrantlerin“ dazustehen. Aber manchmal platzt mir auch heute noch der Kragen. Dann nehme ich in meinem Blog die Gelegenheit wahr, mich gegen die öffentliche (Medien-) Meinung mancher Kollegen zu stellen.

Die Moderatorin und Journalistin Inge Seibel betreibt das Blog ingeseibel.de seit 2009. @ingeseibel