Konstruktiver Journalismus Happy End statt Hiobsbotschaft

Eine konstruktivere Berichterstattung spricht die Leserinnen und Leser an.
Eine konstruktivere Berichterstattung spricht die Leserinnen und Leser an. | Foto (Ausschnitt): © vladans - Fotolia.com

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten? Nein, finden einige Medien in Deutschland und wollen künftig konstruktiver berichten. Doch die größten Kritiker sitzen in den eigenen Reihen.

„Gut zu wissen“ – das ist seit Ende 2016 der neue, inoffizielle Slogan der Sächsischen Zeitung, einem Lokalblatt aus dem Osten Deutschlands. In jeder Ausgabe prangt der Schriftzug zusammen mit einem grünen Smiley über einigen Artikeln. Er ist für die Regionalzeitung eine kleine Revolution. Denn „Gut zu wissen“ steht für einen neuen Ansatz, Journalismus zu machen.

Konstruktiver Journalismus nennt sich das Prinzip, dem sich die SZ verpflichtet hat. Statt vorwiegend über Problemlagen wie islamistischen Terror, verschmutzte Flüsse oder Rathausskandale zu berichten, hebt die Redaktion bewusst positive Themen beziehungsweise Lösungsvorschläge ins Blatt. Die Idee: Journalismus soll die Welt in ihrer Gesamtheit abbilden. Doch die Medien würden überwiegend negative Entwicklungen und Konflikte aufgreifen, um die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten zu erhöhen, ganz nach dem alten Motto: Only bad news are good news. Diese Strategie will die Sächsische Zeitung durchbrechen: Rund 400 Artikel sind mittlerweile mit Smiley und Schriftzug erschienen.

Kritik: Schönschreiber und Volksverdummungspropaganda

Das Konzept ist nicht neu. Tatsächlich stammt der Gedanke aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Wirklich zum Einsatz kommt konstruktiver Journalismus in großen Medienhäusern aber erst seit einigen Jahren. Eines der bekanntesten ersten Beispiele findet sich in der New York Times, wo der US-amerikanische Autor David Bornstein seit 2012 in seiner lösungsorientierten Kolumne „Fixes“ Verbesserungsvorschläge für die Welt bespricht.

Die Sächsische Zeitung experimentiert seit November 2016 mit diesem „positiveren“ Blick auf die Nachrichtenlage. Unterstützer des konstruktiven Journalismus wollen Konfliktthemen nicht ausklammern. Allerdings sollen sie anders gewichtet und stets mit Lösungsvorschlägen präsentiert werden.

Dabei ist das Experiment auch im eigenen Haus umstritten: Es habe „zunächst Ärger in der Redaktion“ gegeben, gibt Oliver Reinhard, stellvertretender Feuilleton-Ressortleiter, zu. Kollegen hätten kritisiert, der neue Ansatz sei „Schönfärberei. „Manche bezeichnen ihn als Volksverdummungspropaganda.“ Er selbst gehört bei der SZ zu den Vorkämpfern der Idee und verteidigt das Projekt auf der Medienkonferenz European Newspaper Congress im Mai 2017 vor anderen Journalisten. „An keinem Tag der Welt passiert nur Schlechtes“, sagt Reinhard, „Eine Zeitung muss das abbilden.“

Vor allem Frauen schätzen das Angebot

Die Leserreaktion hat das Experiment bestätigt. Rund 90 Prozent der Leserbriefe seien wohlwollend bis positiv. Man versuche nun täglich zwei bis vier konstruktive Artikel in die Zeitung zu heben. 80 Prozent eines Artikels müssten „eine positive, inspirierende und motivierende Ausstrahlung“ haben, damit der Artikel als „konstruktiv“ gelte.

Auch die Daten sprechen für den neuen Ansatz, erklärt Reinhard. Smiley-Artikel hätten eine um vier bis 18 Prozent höhere Lesequote. Vor allem Frauen und Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen sprechen auf die konstruktivere Berichterstattung an. Die Anzeigenerlöse seien ebenfalls gestiegen. „Er ist uns aber noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen, die größte Schwierigkeit beim konstruktiven Journalismus ist es, ihn in der alltäglichen Praxis durchzuziehen“, gibt er zu. Manchmal gäbe es noch Ausgaben ohne gute News, so Reinhard. „Meiner Meinung nach, sollte eine solche Zeitung gar nicht erst in den Druck gehen.“

In Deutschland haben auch die Online-Auftritte der beiden wichtigsten überregionalen Wochenmedien Der Spiegel und Die Zeit angekündigt, mehr „konstruktive“ Inhalte zu veröffentlichen. Florian Harms, ehemaliger Chefredakteur von Spiegel Online, versprach schon 2015 mehr Artikel, „die auch bei düsteren Themen einen Aspekt aufzeigen, der Hoffnung macht, der einen Ausweg weist“. Gekennzeichnet werden diese konstruktiven Artikel auf den Plattformen aber nicht. Nur in der Print-Ausgabe räumt Der Spiegel der Idee unter der Rubrik „Früher war alles schlechter“ einen festen Platz ein.
 

Andere Länder sind weiter als Deutschland

Im Vergleich zur sonstigen Berichterstattung nimmt der konstruktive Journalismus in Deutschland damit eine untergeordnete Rolle ein. Als strenge Blattlinie taucht er nur noch bei kleineren, meist jüngeren Medien auf: Tea after Twelve, Brandeins, Perspective Daily und Kater Demos gehören dazu.

„Bei uns zieht sich der konstruktive Ansatz durch das ganze Heft“, erklärt Alexander Sängerlaub, Gründer und Chefredakteur von Kater Demos. Seit 2015 widmet sich sein Magazin halbjährlich gesellschaftlichen und politischen Utopien, etwa der Arbeit und den Medien der Zukunft. „Wir können uns immer ein großes Thema nehmen. Dadurch haben wir viel Zeit und Platz, Input für Lösungsansätze zu liefern. Die Tagespresse hat es da sicher schwerer.“ Finanziert wird die Produktion durch Crowdfunding, das die Redaktion zu jeder Ausgabe neu durchführt. 11.000 Euro kamen zuletzt zusammen. Werbeanzeigen erscheinen traditionell nicht im Blatt, sagt Sängerlaub, die Redaktion solle unabhängig bleiben.

In anderen Ländern wie Dänemark sei man mit dem konstruktiven Journalismus erheblich weiter, findet Sängerlaub. Doch die deutsche Medienlandschaft wandle sich gerade stark. Die Leser würden sich mehr konstruktive Geschichten wünschen. „Aber ganz ehrlich: Wir denken beim Schreiben gar nicht so sehr an die Leser“, räumt Sängerlaub ein und lacht, „Wir machen einfach ein Magazin, das wir gerne selber lesen würden.“