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Radiokunst
Kunst, die über den Äther geht

Radiokunst ist fast so alt wie das Radio selbst. Und doch ist sie als Kunstgattung wenig bekannt. Wir stellen Radiokunst in Deutschland – und aus der ganzen Welt – vor.

Von Knut Aufermann

Der Eintrag zum Begriff Radiokunst in der deutschsprachigen Wikipedia wurde im Oktober 2016 erstellt, fast ein Jahrhundert nach Beginn der weltweiten Gründungswelle von Rundfunksendern. Radiokunst ist also eine eigenständige Kunstgattung, die sich erfolgreich einer Kategorisierung entzogen hat, obwohl sie auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. In Deutschland suchte der studierte Mediziner (Schwerpunkt Radiologie!) Hans Flesch bereits 1924 im Auftrag des Südwestdeutschen Rundfunkdiensts nach einer rundfunkeigenen Synthese von Technik und Kunst. Heraus kam das Hörspiel, das sich bis heute großer Beliebtheit erfreut. Visionäre Redakteure der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben über die Jahrzehnte dafür gesorgt, dass zeitgenössische Autoren und Komponisten Werke speziell für das Radio schaffen, von Bertolt Brecht und Kurt Weill bis Heiner Müller und Heiner Goebbels. Bereits seit 1959 wird mit dem Karl-Sczuka-Preis vom Südwest-Rundfunk (SWR) die bedeutendste Auszeichnung für Radiokunst vergeben, ursprünglich als reiner Hörspielpreis, 1972 wurde er dann erweitert auf alle akustische Spielarten der radiofonen Kunst.
 
Heidi Grundmann legte 1987 mit dem Beginn der Sendestrecke Kunstradio im Österreichischen Rundfunk (ORF) den Grundstein dafür, dass auch „fachfremde“ Künstlerinnen und Künstler Zugang zum Radio bekamen und dort selbstbestimmt produzieren konnten. „Radiokunst ist nicht die Kombination von Radio und Kunst. Radiokunst ist Radio von Künstlern“ schrieb dazu Robert Adrian. Gleichzeitig ermöglichte der japanische DIY-Radioaktivist Tetsuo Kogawa im Projekt „Mini-FM“ mit seinen einfachen Anleitungen zum Transmitterbau Künstlerinnen und Künstler auf der ganzen Welt, sich des Sendeapparats zu bemächtigen und mit der Materialität der Radiowellen zu experimentieren.
 
In Deutschland haben in den 1980er- und 1990er-Jahren die verschiedenen Bundeländer Gesetze zur Zulassung nichtkommerzieller Radiosender verabschiedet, die, je nach Ausrichtung, zwar keine gebührenfinanzierte Auftragswerke vergeben, dafür aber Sendezeit, völlige künstlerische Freiheit und Raum zum Experimentieren gewähren können. Durch erschwingliche und benutzerfreundliche digitale Audio-Soft- und Hardware kann die Radiokunst-Produktion seit der Jahrtausendwende die Studios der großen Radioanstalten verlassen und mittlerweile fast überall auch eigenverantwortlich von Künstlerinnen und Künstlern betrieben werden. Exemplarisch stellen wir aus den beschriebenen Bereichen einige zeitgenössische Initiativen sowie Radiokünstlerinnen und -künstler vor.
 
Seit 2012 bricht das Datscha Radio, eine temporäre Gartenradiostation, unregelmäßig in den deutschen Äther ein. Entstanden ist es in der Kleingartenparzelle der Künstlerin Gabi Schaffner in der Garten- und Siedlergemeinschaft Einigkeit im Norden Berlins – und in Zusammenarbeit mit dem Medienkünstler Pit Schultz, der den nichtkommerziellen Berliner Künstlerradiosender reboot.fm mitgegründet hat.
 

Im Jahr 2017 lief das Datscha Radio fünf Tage lang und wurde von fünf Redakteurinnen verantwortet. Inhaltlich drehte sich wieder alles um den Garten als Referenzpunkt für künstlerische Arbeiten. Dabei bewies das Senden aus der Datscha, dass Radio eine Funktion des Ortes ist, an dem es entsteht: An keinem anderen Ort als in der Gartenlaube, umgeben von Bäumen, Vogelgezwitscher und Rasenmäher, hätte der Hörspielautor und selbstbetitelte Crachmacheur Frieder Butzmann sein Twitter-Gedicht so fröhlich tiriliert.
 


Stefan Scheib zupft den elektronisch verstärkten Kaktus Stefan Scheib zupft den elektronisch verstärkten Kaktus | Foto: © Knut Aufermann Auch das Liquid Penguin Ensemble setzt sich mit der Natur auseinander – zumindest in seinem preisgekrönten Hörspiel Gras Wachsen Hören von 2007 in dem zum Beispiel ein Kaktus zum Klingen gebracht wird. Seit Ende der 1990er-Jahre produziert das Künstlerpaar Katharina Bihler und Stefan Scheib als Liquid Penguin Ensemble Hörspiele und Klangkunst. Radiohörspiele realisieren sie meist für den Saarländischen Rundfunk (SR) in ihrer Wahlheimat Saarbrücken.
 
Viele Werke des Liquid Penguin Ensembles durchlaufen vor ihrer Ursendung eine Kaskade von Auftritten, in denen das Material auf sein theatralisches Potenzial abgeklopft wird. Die Erfahrungen aus diesen Live-Performances fließen dann in die Produktion der sendefertigen Hörspiele ein. Eine Prise feiner Humor durchzieht alle ihre Stücke.
 

SR-Hörspielchefin Anette Kührmeyer kuratiert für den SR neben ihrer Arbeit am Sender einmal im Jahr das Primeurs, ein Festival der frankofonen Gegenwartsdramatik. Fester Programmpunkt ist dort in jedem Jahr die Darbietung eines aus dem Französischen übersetzten Hörspiels auf einer Bühne – mit allen Bestandteilen live vor dem Mikrofon. Diese Vorstellung wird jeweils direkt im Radio ausgestrahlt – Radiokunst eben.
 
Den programmatisch vielfältigsten Ansatz bei den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland besitzt wohl Deutschlandfunk Kultur. Seit 2016 heißt einer der vier offiziellen Programmbereiche des deutschlandweit ausgestrahlten Kultursenders Radiokunst und umfasst sieben wöchentliche Sendestrecken, die zwischen Hörspiel, Feature und Klangkunst pendeln und die der zuständige Abteilungsleiter Marcus Gammel mit seiner Redaktion gerne noch analog mit Hilfe eines Steckkastens plant.
 
Der bestückte Steckkasten des Programmbereichs Radiokunst Der bestückte Steckkasten des Programmbereichs Radiokunst | Foto (Ausschnitt): © Knut Aufermann, CC BY-NC-SA 4.0
Nicht in diese Ordnung passt die Wurfsendung. Das sind bis zu 45-sekündige radiofone Miniaturen und Kürzest-Hörspiele, die immer wieder unangekündigt ins Tagesprogramm eingestreut werden. Manchmal werden sie sogar im Rahmen von studentischen Arbeiten erfolgreich nachbebildert.
 

Viele der Hörspiele und Features sind auf der Website vom Deutschlandfunk Kultur nachzuhören, wo sich auch eine Filmreihe findet, die über die Entstehung ihrer Radiokunst-Produktionen berichtet. Die Klangkunst-Eigenproduktionen vom Deutschlandfunk Kultur werden nach der Ausstrahlung langfristig unter sonosphere.org archiviert.
 
Noch mehr Möglichkeiten zur erweiterten künstlerischen Nutzung des Radios haben lokale, nicht-kommerzielle Sender, die in einigen deutschen Bundesländern eine Sendelizenz bekommen können. Ein herausragendes Beispiel ist Radio Corax in Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt. Im Oktober 2016 veranstaltete es die Radio Revolten, das weltgrößte internationale Festival der Radiokunst (bei dem der Autor dieses Beitrags als künstlerischer Leiter tätig war). Aus der buchfüllenden Dokumentation dieser 30 Tage seien hier nur zwei Beispiele genannt, die die Spreizung des Radiokunst-Fächers andeuten:
 
Augenblick beim Stück „Tanz Aller“ der Gruppe LIGNA bei den Radio Revolten Augenblick beim Stück „Tanz Aller“ der Gruppe LIGNA bei den Radio Revolten | Foto (Ausschnitt): © Stefan Tenner, CC BY-NC-SA 4.0
Die im Umfeld des freien Radios FSK in Hamburg gegründete Künstlergruppe LIGNA hat mit ihrem Radio-Ballett eine eigene Form der Interaktion mit dem Radio entwickelt. Per Funk vermittelte Anleitungen lassen Gruppen von Hörerinnen und Hörern zu temporären Ensembles werden, die zum Erstaunen von Passanten, synchronisierte Bewegungen im öffentlichen Raum vollführen.
 
Einen Tanz ganz anderer Art hat der bereits erwähnte Performance-Künstler und ehemalige Professor für Kommunikation Tetsuo Kogawa für das Festival auf Video gebannt. Vier selbst konstruierte Miniatur-Radiosender bewegt er auf einer kleinen Manege und zu hören sind die Interferenzen zwischen den einzelnen Ausstrahlungsfeldern – eine Meditation über die Unmöglichkeit der Stille im Radio-Raum.
 

Nicht zuletzt wurde auch der eingangs erwähnte Wikipedia-Eintrag zur Radiokunst während der Radio Revolten geschrieben – live on Air in einer Serie von Radiosendungen. Seit 2018 bietet Radio Corax eine in den Sende-Alltag eingebundene Residenz für Radiokünstlerinnen und Radiokünstler an, und ist mit diesem Angebot nach Wave Farm in Acra im US-Bundesstaat New York die zweite Radiostation weltweit.
 
Ein Blick über die für Radiowellen unwirksamen Grenzen zeigt, dass sich in einzelnen Ländern verschiedene Austragungsorte der Radiokunst etabliert haben, wie zum Beispiel das schon erwähnte ORF Kunstradio in Österreich oder die beiden der Radiokunst verpflichteten, nichtkommerziellen, lokalen community radios Resonance FM und Soundart Radio in Großbritannien.
 
Während sich viele öffentlich-rechtliche Sender in Europa zwecks Austausch und Kooperation zur EBU Ars Acustica Gruppe zusammengeschlossen haben, sind zwei Dutzend nichtkommerzielle unabhängige Radiostationen aus drei Kontinenten seit 2005 im Radiokunst-Netzwerk Radia verbunden. Eine 21-teilige Retrospektive über die Radia-Sender und ihre Künstlerinnen und Künstler wurde 2017 im Rahmen der Documenta 14 vom documenta-14-Radioprogramm gesendet.
 

Das wachsende Interesse der Kunstwelt an der noch viele ästhetische und experimentelle Spielräume bietenden Radiokunst ermöglichte seit den 2000er-Jahren immer wieder die Erkundung neuer Spielarten. So beispielsweise auch ein 24-stündiges Radiokunst-Festival in Stockholm, das auf zwei UKW-Frequenzen gleichzeitig stattfand: Dubbelradio. Linker und rechter Tonkanal geben in der Videodokumentation jeweils eine der Sendefrequenzen wieder.
 

So wie die deutschsprachige Hörspieltradition in anderen Ländern auf eine große Resonanz stößt, haben in den letzten 20 Jahren neue, sprachunabhängige Formen der Radiokunst aus aller Welt in Deutschland Orte der Verbreitung gefunden. Das diffuse Feld der Radiokunst umfasst mittlerweile auch Installation, Performance und Aktion im öffentlichen Raum.

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