Adrenalin-Junkies und Extremsportler „Das Normale langweilt irgendwann“

Amir, 24, Slopestyler
Amir, 24, Slopestyler | Foto: privat

Sport und Jugendkulturen – gehört das zusammen? In vielen Trendsportarten ist Coolness und Szenezugehörigkeit wichtig. Manchmal geht es darum, sich durch Sport den Kick zu holen, manchmal darum, ein Stück Selbstbestimmung zu gewinnen. Drei junge Extremsportler erzählen, worauf es ihnen ankommt.

Amir, 24, Slopestyler

Ich habe viele Sportarten ausprobiert. Judo, Fußball, Tennis, Skateboarden. Alles wurde irgendwann langweilig. Dann habe ich ein paar Jungs gesehen, die mit ihren Fahrradhelmen in den Wald geradelt sind. Ich bin hinterher. Es war Liebe auf den ersten Blick. Das ist jetzt elf Jahre her. Ich wusste sofort: „Wow, das ist mein Ding.“ Von da an habe ich die meiste Zeit im Wald verbracht und mit meinen Kumpels Rampen gebaut.

Fliegen, kopfüber zu sein – das ist wunderschön, das hat mich nie wieder losgelassen. Du brauchst nichts anderes als dein Fahrrad und deinen Helm. Wenn ich einen neuen Trick lande, ist das ein Gefühl, das man im normalen Leben selten ohne Drogen hinbekommt. Ich trainiere jeden Trick, jede Ausführung, bis sie im Detail sitzt. Aber man kann nicht alles trainieren. Es gibt Momente, da ist das Risiko kalkulierbar und Momente, da hast du nicht mehr alles in der Hand.

Ich betreibe den Sport professionell, das ist mein Job. Stell dir vor: Eine Live-Übertragung findet statt, der Veranstalter hat Geld reingesteckt, die Sponsoren sollen zufrieden sein und es ist super windig. Beim Dirt-Biken wirken die Felgen beim Rotieren wie ein Segel. Wenn man springt und der Wind ist zu stark, liegt man sofort auf der Schnauze. Da sage ich: „Jetzt ist es vorbei, meine Gesundheit ist mir wichtiger, obwohl der Veranstalter pusht.“ In solchen Situationen bin ich aber nie alleine mit dieser Meinung. Die Fahrer nehmen sich heraus, über ihre Sicherheit zu entscheiden. Wenn’s knallt, dann knallt’s halt richtig. Den Sport kann man nicht ewig machen. Wenn ich bis Ende 20 als Profi arbeiten kann, ist es ein Traum.

Sarah, 31, Fallschirmspringerin und Base-Flyerin

Sarah, 31, Fallschirmspringerin und Base-Flyerin Sarah, 31, Fallschirmspringerin und Base-Flyerin | Foto: privat Begonnen habe ich mit Fallschirmspringen. Der erste Sprung war einfach geil. Wenn du oben stehst, denkst du dir: „Warum mach ich das eigentlich?“ Aber kurz danach weißt du schon warum. Fit muss man eigentlich nicht sein, aber ich bin schon sportlich. Ich glaube, sonst kommt man gar nicht auf die Idee. Das Normale langweilt irgendwann. Die Höhe beim Fallschirmspringen ist abstrakt. Man nimmt sie gar nicht als 4.000 Meter wahr. Das macht es leichter. Beim Base-Flying springt man von einem Hochhaus. Da ist alles sehr nah und trotzdem furchtbar weit weg.

Wenn ich Angst habe, erkläre ich mir rational, dass viele alltägliche Dinge gefährlicher sind. Autofahren zum Beispiel. Im Kopf fühlt es sich aber anders an. Weil es halt total bescheuert ist, von einem Haus zu springen. In anderen Extremsportarten geht es härter an die körperliche Grenze, beim Springen ist es eine mentale. Meine Mutter macht sich natürlich trotzdem Sorgen. Aber sie weiß auch, dass sie mich einfach machen lassen muss. Das Nachher ist das Beste. Objektiv hat man nicht viel geschafft, aber man hat sich etwas getraut. Im Alltag lebt man in seinem Trott und in seiner Komfortzone. Dass man die eigene Angst überwunden hat, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Ich bin nicht risikofreudig. Ich bin eigentlich ein Sicherheitsmensch. Aber ich bin neugierig.

Marius, 21, Freerunner

Marius, 21, Freerunner Marius, 21, Freerunner | © Nicole Herzel Wenn ich erzähle, was ich mache, gibt es die wildesten Reaktionen. Von „Das sind die Verrückten“ bis „Völlig bekloppt“. Damit kämpfen wir ein bisschen. Wir sind keine Adrenalin-Junkies, wir sind Extremsportler. Ich spreche gerne von der Kunst der Fortbewegung. Parkour habe ich auf Youtube entdeckt, ein Video gesehen und gedacht: „Das will ich auch machen!“ Ich bin mit einem Kumpel vom Klettergerüst gehüpft und habe gesagt: „Hey, wir machen Parkour! Voll geil!“

Durch das Internet, damals noch über Foren, habe ich mitbekommen, dass es noch andere Leute gibt, die das machen, hier in meiner Stadt. Wir haben uns vernetzt, sind in Baden-Württemberg rumgefahren, haben uns organisiert, ausgetauscht und trainiert. Mit dem Risiko umgehen ist die Kunst beim Parkour. Ich stehe oben an der Häuserkante, es geht 25 Meter runter. Ich kann die Augen schließen und ich weiß genau, ich vertraue meinem Körper so sehr, dass er nicht aus dem Gleichgewicht kommt.

Beim Springen blende ich die Welt aus. Anlauf, Absprung. Und dann kommt dieses Blackout. In der ersten Phase nach dem Absprung bekommt man nichts mit. Ich sehe nur die Landung. Das Schönste ist für mich, wenn ich in meinen Workshops mit Kindern sehe, wie Parkour sie positiv verändert. Sie blühen auf, sie organisieren sich selbst und treten selbstbewusster auf. Selbst die, die am Anfang still waren, sagen dann: „Hey, hier bin ich, guck mal, was ich kann!“