Hip-Hop „Man sollte nicht behaupten, etwas zu sein, das man nicht ist“

Von der New Yorker Bronx in die ganze Welt – keine Jugendkultur hat in den vergangenen 30 Jahren so viele Anhänger gefunden wie Hip-Hop. Und kaum eine Jugendkultur wird wiederholt so falsch verstanden. Weder dreht sich alles nur um Gewalt, noch um Geld oder Leute, die ganz einfach nicht singen können. Was junge Menschen zum Rappen, zum Beats Produzieren oder zum Tanzen motiviert, erzählen vier Hip-Hop Fans.

Can Müslüm Demirdögen, 15, Hip-Hop-Fan und Nachwuchs-Produzent aus Mannheim

Can Müslüm Demirdögen, 15, Hip-Hop-Fan und Nachwuchs-Produzent aus Mannheim Can Müslüm Demirdögen, 15, Hip-Hop-Fan und Nachwuchs-Produzent aus Mannheim | Foto: privat Als ich das erste Mal mit Hip-Hop in Berührung gekommen bin, war ich so sechs, sieben Jahre alt. Meine Schwester hat immer viel amerikanischen Rap gehört. Mit acht Jahren habe ich dann meinen ersten MP3-Player bekommen und mir sofort alles von meiner Schwester gezogen, damit ich es den ganzen Tag hören konnte. Rap aus Deutschland habe ich dann erst zwei Jahre später angefangen zu hören, als mir ein neuer Schüler in unserer Klasse auf seinem Handy Songs von Künstlern wie Bushido oder Chakuza gezeigt hat.

Ich mag es nicht, wenn Rapper so tun, als ob sie ein Gangster wären. Oder wenn sie einen auf steinreich machen. Wenn man das mit Humor macht wie Kollegah und einfach in eine Rolle schlüpft, finde ich es cool. Aber man sollte nicht behaupten, etwas zu sein, das man nicht ist.

Seit zwei Jahren mache ich auch selbst Musik und produziere Beats. Mittlerweile habe ich auch schon ein paar von meinen Beats an Rapper aus Deutschland und den USA verkaufen können. Wir Beatmaker sind alle im Internet organisiert, vor allem über die sozialen Medien. Auf diese Weise habe ich schon viele Freunde aus dem gesamten deutschsprachigen Raum gefunden. Ich schreibe viele Leute an und frage sie nach Tipps, oder wie ihnen meine Beats gefallen. Die meisten antworten, nur die wenigsten sind so arrogant und ignorieren einen. Ich finde, dass Beatmaker zusammenhalten müssen, alleine schon um voneinander zu lernen.

Vanny Vst, 21, Rapperin und Produzentin aus Rosenheim

Vanny Vst, 21, Rapperin und Produzentin aus Rosenheim Vanny Vst, 21, Rapperin und Produzentin aus Rosenheim | Foto: privat Das erste Mal bin ich mit ungefähr elf Jahren mit Hip-Hop in Berührung bekommen. Die großen Brüder von meinem Nachbarn haben damals viel Rap gehört, vor allem Eminem, aber auch Künstler aus Deutschland wie Kool Savas oder die ganzen Leute von Aggro Berlin. Seitdem hat mich das immer begleitet. So ab der achten Klasse habe ich dann begonnen, selber Texte zu schreiben, aber so richtig eingestiegen bin ich erst mit 16 oder 17. Zu der Zeit kannte ich schon ein paar Leute aus München und meiner Heimatstadt Rosenheim, die gerappt haben, und ich dachte mir: Wenn die das können, kann ich das auch! Ich habe dann auch recht schnell gemerkt, dass ich ein gutes Gefühl für den Takt und so habe und mir das auch viel Spaß macht.

Anfangs habe ich die englischen Texte eines Eminem natürlich nicht verstanden, aber ich habe gleich gemerkt, dass das etwas anderes ist, als die immergleiche Popmusik, die im Radio läuft. Ich finde es cool, dass Hip-Hop so genreübergreifend ist, dass man viel experimentieren kann. Es gibt viele Hip-Hop-Künstler, die mit Gitarren und Rock-Arrangements arbeiten, aber es gibt auch welche, die eher in die elektronische Richtung gehen.

Mittlerweile konzentriere ich mich auf das Produzieren und rappe gar nicht mehr, weil man als Produzent einfach viel mehr Möglichkeiten hat. Ich glaube, fürs Rappen wird man irgendwann zu alt, das ist ja Musik für junge Leute und irgendwann kann man denen einfach nichts mehr erzählen.

Jeannine Güth, 29, Hip-Hop-Tanzlehrerin aus Hamm, mit ihren Schülern Justin, 17, und Jana, 14

Jeannine Güth, 29, Hip-Hop-Tanzlehrerin aus Hamm, mit ihren Schülern Justin, 17, und Jana, 14 Jeannine Güth, 29, Hip-Hop-Tanzlehrerin aus Hamm, mit ihren Schülern Justin, 17, und Jana, 14 | Photo: privat Ursprünglich habe ich mit Kinderballett angefangen. Meine Eltern hatten damals noch nicht ihre Tanzschule, aber bereits an Turnieren im Paartanz teilgenommen. Sie wollten immer, dass ich nicht demselben Hobby nachgehe wie sie, damit sie nicht die ganze Zeit daneben stehen und rummeckern. Daher haben sie mich fürs Ballett begeistert. Übers Ballett bin ich dann zu moderneren Sachen gekommen, wie eben Hip-Hop. Irgendwann hat mich mein Trainer dann angesprochen, ob ich nicht selbst anfangen möchte, Kurse zu geben, da war ich 14. Später habe ich dann eine Ausbildung zum Tanzlehrer gemacht, aber da lernt man hauptsächlich Paartanz. Den Rest muss man sich selber aneignen.

Ich habe also einen eher klassischen Tanz-Hintergrund. Ich bin jetzt keine Ghetto-Tänzerin oder so was. Aber wenn man im Hip-Hop-Tanz vorankommen will, dann braucht man diese Grundlage auch. Mittlerweile tanze ich kaum noch selbst, sondern konzentriere mich lieber darauf, mein Wissen weiterzugeben. Seitdem nehme ich mit verschiedenen Hip-Hop-Tanzgruppen an Turnieren teil. Besonders erfolgreich sind wir gerade mit unserer Para-Minigruppe „No Difference“, bestehend aus Justin, Jana und mir. Im Oktober sind wir etwa Vizeweltmeister beim Para Worldcup in Kopenhagen geworden. Bei diesen Turnieren geht es darum, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen in einer Gruppe tanzen. Justin ist Autist. Anfangs hat er kaum ein Wort gesprochen, aber nachdem er in unsere Gruppe gekommen ist, wurde er immer offener und hat auch angefangen, von sich aus zu erzählen. Jana hat eine Schiefstellung in der Hüfte und ist kleinwüchsig. Sie war auch schon von Beginn an sehr gut, allerdings hat sie sich anfangs nicht getraut, auf der Bühne aufzutreten. Mittlerweile tanzen die zwei auch in meinen regulären Fortgeschrittenen-Kursen, es gibt also absolut keine Leistungsunterschiede zu Tänzern ohne Handicap.

Christian Weiß alias „Miami Weisz“, 26, Rap-Fan und Hobbyproduzent aus München

Christian Weiß alias „Miami Weisz“, 26, Rap-Fan und Hobbyproduzent aus München Christian Weiß alias „Miami Weisz“, 26, Rap-Fan und Hobbyproduzent aus München | Foto: privat Hip-Hop höre ich jetzt seit fast zehn Jahren. Ich kann aber keinen bestimmten Moment nennen, an dem alles angefangen hat. Wie die meisten Leute bin ich zunächst mit Rapmusik aus den Charts in Kontakt gekommen. Hip-Hop aus Deutschland kannte ich damals kaum, aber auch später hat er mich dann nicht wirklich interessiert. Bis heute finde ich deutschen Hip-Hop zum Großteil peinlich und grauenhaft.

Ich würde auch gar nicht sagen, dass es nur die Musik war, die mich an Hip-Hop gereizt hat. Es war eher das rebellische Element, das Rap vielleicht nicht mehr so sehr in sich getragen hat wie noch zu seiner Anfangszeit, aber für mich immer noch gereicht hat. Man darf auch nicht vergessen: Ich habe mit 16 Jahren angefangen, Rap zu hören. Da achtet man unglaublich darauf, was die anderen Leute über einen denken. Meine besten Freunde haben schon länger als ich Rap gehört und auch Rap gemacht. Man kann mich also getrost als Mitläufer bezeichnen. Meine Freunde waren ein großer Teil dessen, was Rap für mich ausgemacht hat. Ich war allerdings nie DJ oder Breakdancer oder Sprüher. Das hat mich nie interessiert.

Wenn ich selbst Beats mache, arbeite ich viel mit Versatzstücken aus anderen Songs, sogenannten Samples. Mich reizt es, Songs zu untersuchen und ihre beste Teile für etwas Neues zu verwenden. Auf diese Weise lassen sich auch ältere Songs wieder ins Rampenlicht rücken, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Mittlerweile bin ich zum Beispiel ein großer Fan vieler alter Jazz- und Soul-Sachen, die ich zuerst nur auf der Suche nach Samples gehört habe. Hip-Hop nimmt einen immer auch auf eine Reise durch die Musikgeschichte mit, und das finde ich wahnsinnig spannend.