Punks „Punk wird man nicht einfach, Punk ist man von Geburt an“

Punk ist nicht nur Musik, sondern eine Lebenseinstellung – und das seit den Siebzigerjahren. Damit ist Punk eine der ältesten noch aktiven Jugendkulturen. Was damals als Subkultur in Auflehnung gegen die Konsumgesellschaft entstand, ist bis heute nicht totzukriegen. Mittlerweile aber ist Punk wie viele andere Jugendkulturen durchsetzt mit anderen Strömungen und Elementen, die eine genaue Definition schwierig machen. Ein klassisches Bild zeichnen am ehesten Straßenpunks, doch auch junge Leute mit festem Wohnsitz oder Beruf fühlen sich der Szene zugehörig – sei es, weil sie die Musik mögen oder den Kleidungsstil. Nach wie vor zentral sind Individualität, Abgrenzung und die linke Szene.

Chris, 19, Dorfpunk

Chris, 19, Dorfpunk Chris, 19, Dorfpunk | © Selina Nowak Ich bin von zu Hause ausgezogen und in die Betreuung vom Jugendamt gekommen. Seit knapp zwei Jahren lebe ich nun in einem 3.000-Seelen-Dorf nahe einer Kleinstadt. Hier habe ich die einzige Wohnung gefunden, die ich mir leisten kann, und die Vermieterin war die einzige, die mich genommen hat. Ich mache eine Lehre als Tierpfleger an einer medizinischen Universität. Ich pflege Labortiere.

Seit wann ich Punk bin? Punk wird man nicht einfach, Punk ist man von Geburt an. Vor allem Individualität macht diese Einstellung aus. Die versuche ich zum Beispiel mittels meiner Kleidung auszuleben. Ich grenze mich damit von der Konsumgesellschaft ab.

In meiner Familie bin ich der einzige, der alternativ ist. Ich habe zwei Geschwister, die eine rechte Partei wählen und einen jüngeren Bruder, der noch nicht wählen darf. Aber das Verhältnis zu meiner Familie ist mittlerweile wieder OK. Man trifft sich hin und wieder.

Veronica Burnuthian, 23, Punk-Sängerin

Veronica Burnuthian, 23, Punk-Sängerin Veronica Burnuthian, 23, Punk-Sängerin | © Lisa Mayerhöfer Den Drang, Musik zu machen und Teil einer kreativen Community zu sein, hatte ich schon immer. Ich muss das machen und ich war auch schon immer ein bisschen verrückt. Was ich an der Punk und D.I.Y.-Szene so mag, ist, dass sie offen, ehrlich und authentisch ist. Wenn du was sagen willst, dann sagst du es. Du kannst sein was du willst, man hört sich zu und jeder ist gleich, es gibt keine Hierarchien. Für Mädchen ist das vielleicht gerade noch besonders wichtig. In München ist es ein bisschen schwierig, jeder macht sein Ding, man unterstützt sich selten gegenseitig. Deswegen organisiere ich jedes Jahr mit den Leuten des Kafe Kult das Kafe Kunst Fest, ein D.I.Y.-Gemeinschaftsprojekt. Und ich spiele in mehreren Bands: Atatakakatta, Diving Deep und Unicorn in the Stars. Außerdem mache ich Guerilla-Shows und Gastauftritte bei anderen Bands.

Punk und Noise habe ich immer gemocht, weil ich die Leute damit nerven kann. Musik muss für mich was haben, es geht nicht darum, aggressiv zu sein sondern laut und emotional. Ich will auf der Bühne nicht in meiner eigenen Welt schweben. Es geht mir um Interaktion, also darum, das Publikum reinzuziehen, sie etwas erleben zu lassen. Außerdem macht „laut“ Spaß. Natürlich höre und mag ich auch andere Sachen, aber diese Antimusik oder kontroverse Musik ist für mich eben etwas Besonderes.

Michael Jecht, 31, Ostpunk

Michael Jecht, 31, Ostpunk Michael Jecht, 31, Ostpunk | © Selina Nowak Ich bin aus der Nähe von Rostock und wurde acht, genau an dem Tag als die Mauer gefallen ist. Schon 1987 habe ich meinen ersten Ostpunker gesehen, als ich von der Schule kam. Ich fand das geil – bunte Haare, zerfetzte Klamotten. Dem ist alles scheißegal. Dann bin ich erstmal mit meinem vier Jahre älteren Bruder und seinen Kumpels mit. Während die dann eher zu Technomaten wurden, ging ich in die linke Szene. Mir hat die Musik besser gefallen.

Im Osten hat man weniger Chancen, bunt zu sein, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, was ja wirklich noch Nazi-Hochburg ist. Da war ich meinen Eltern sehr dankbar, dass sie dann nach Buxtehude Richtung Hamburg gezogen sind. Meine Mama und meine fünfjährige Tochter wohnen immer noch in Buxtehude. Ich sehe sie regelmäßig, fahre mehrmals im Jahr hoch. Hamburg war ein absolutes Schnorrerparadies. Genau das Gegenteil von Wien, wo ich derzeit lebe. Beim Schnorren spielen wir manchmal „Schnorrerbingo“. Wir schreiben auf einen Zettel, was uns die Leute im Laufe des Tages wohl so an den Kopf knappen könnten – zum Beispiel „geht arbeiten“ – dann kreuzen wir jedesmal an und wer’s als erstes voll hat – Bingo!

An meinem Leben gefällt mir die Freiheit – und dass ich am Ende sagen kann: „Hey, ich hab gelebt.“ Negativ ist, dass ich größtenteils immer auf die Hilfe von anderen angewiesen bin. Meine Zukunftspläne? Ich möchte schon arbeiten. In den letzten Jahren habe ich alles Mögliche gemacht. Von Maurer über Koch, Bäcker bis Kindergärtner und Behindertenbetreuung.

Lea, 26, D.I.Y.-Punk

Lea, 26, D.I.Y.-Punk Lea, 26, D.I.Y.-Punk | Foto: privat Ich weiß nicht, ob ich dem Umfeld, in dem ich mich bewege, unbedingt ein Label geben will. Wenn, wäre es wohl eine Mischung aus Punk, linker Überzeugung und D.I.Y. Da kommen für mich Leute zusammen, die in verschiedenen Läden alles selber machen. Und zwar nicht, um Geld zu verdienen, sondern einfach, weil sie Bock darauf haben. Was ich daran so mag, ist, wie heterogen und bunt diese Szene dabei gleichzeitig ist. Ob jetzt durch eine Bastelrunde oder politische Veranstaltungen, jeder kann sich einbringen, wie er will. Ich kenne nichts Vergleichbares.

Deutschlandweit gibt es ein ziemlich cooles Netzwerk an Leuten und Läden. Die Szene in München dagegen ist klein aber fein. Leider kann man das über die Stadt an sich nicht sagen. Ich spiele selbst in einer Band, Todeskommando Atomsturm. Das ist Punk im weitesten Sinne mit allen möglichen Nuancen. Am Ende nenne ich es halt Punkrock. Bei der Musik ist mir Lärm wichtig und Wut. Mit solcher Musik kann man Dinge kompensieren, die man scheiße findet. Ich wäre lange nicht so ausgeglichen, hätte ich diese wütende Musik nicht. Dabei habe ich aber weder Rockstarambitionen, noch geht es mir ums Geld. Es geht um den Spaß und um die Leute. Teil des Ganzen zu sein ist unglaublich schön und wahnsinnig befreiend. Wenn man aufwächst, hat man doch meistens eher unreflektierte Trottel um sich herum. Mir war es wichtig, mit Leuten zu reden, die Themen haben und eine Meinung. In dieser Szene habe ich sie gefunden.

Es gibt schon einen Grundkonsens, zum Beispiel gegen Sexismus und Nationalsozialismus zu sein, aber trotzdem ist es auch okay mal zu streiten. Dadurch kann man sich auch viel freier bewegen, weil Probleme einfach thematisiert werden.