Universitäts- und Theaterstadt Göttingen Idyllisch und kultiviert

Das Deutsche Theater in Göttingen
Das Deutsche Theater in Göttingen | Foto (Ausschnitt): Torsten Krueger © Goettingen Tourismus EV

Die niedersächsische Großstadt Göttingen verdankt ihren guten Ruf vor allem ihrer renommierten Universität. Warum es sich hier trotz einiger Enge gut leben lässt, erklärt Nicola Bongard, Dramaturgin für das Junge Schauspiel am Deutschen Theater.

Frau Bongard, am Eingang des Göttinger Ratskellers steht auf Latein: „Außerhalb Göttingens gibt es kein Leben; gibt es Leben, dann kein solches“ …

Also, da muss ich gleich etwas ketzerisch sagen: So einen Spruch kann sich auch nur ein Göttinger ausgedacht haben. Liebe Göttinger, seid mir nicht böse, man kann hier tatsächlich wunderbar leben und fast vergessen, dass es anderswo weniger idyllisch und kultiviert ist, aber ich habe – als jahrelange Nicht-Göttingerin – gerade hier einen Kritikpunkt. Die Göttinger sehen mitunter nicht über ihre Hutschnur hinaus, kehren gerne vor der eigenen Tür und sind für Veränderungen nicht unbedingt zu haben.

Aber das ist die eine Seite. Die andere ist die junge Ausstrahlung der Stadt durch die vielen Studenten und den Tourismus, beides bringt viele Sprachen und eine Frische ins Stadtbild – und sorgt auf seine Weise für die typische Göttinger Enge beziehungsweise Fülle.

Was darf ein Besucher der Stadt auf keinen Fall verpassen?

Ich schwöre, dies sage ich nicht nur als Dramaturgin des Deutschen Theaters! Unbedingt einen Besuch im Theater, am besten im Studio dort, dem Spielort des Jungen Schauspiels, das seit vier Jahren ganz besondere Stücke für Kinder und Jugendliche anbietet, die frisch sind, originell, am Puls der Zeit und vor allem auch formal Standards setzen. Hier gibt es viele Buchadaptionen, das Team ist dafür bekannt, auch in der freien Szene. Außerdem finde ich einen Besuch in der einmaligen Pfannen-Saline empfehlenswert, zum Entspannen und Auf-dem-Wasser-Liegen.

Was ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Ich setze mich gerne an die Leine, da gibt es viele schöne Plätze. Ein schöner Ort ist die Holzbackofenbäckerei des Café Hemer. Und, ein bisschen weiter draußen, der Wendebachstausee.

Welches Gebäude hat für Sie die größte Ausstrahlung?

Die größte Ausstrahlung hat – leider – das neue Rathaus, ein wirklich wahnsinnig hässliches Gebäude, das man aus verschiedenen Richtungen zur Innenstadt hin immer schon von weitem sehen kann und das rein gar nichts mit dem Rest vom an schönen Häusern reichen Göttingen zu tun hat.

Sie haben eine kleine Tochter. Hat Göttingen auch für Kinder Besonderes zu bieten?

Das Besondere von Göttingen für die Kinder ist sicher die Nähe zwischen allen wichtigen Anlaufpunkten: Natur und Stadt, Kultur und Sport. Vor allem aber, auch hier muss ich es wieder sagen, das Göttinger Angebot im Kindertheaterbereich, das ist schon besonders. Meine Tochter wurde gerade in die 5. Klasse der IGS Göttingen eingeschult, auch diese Schule ist – sagt man und hoffe ich – etwas sehr Besonderes. Vergangenes Jahr wurde sie zur besten Schule Deutschlands gekürt.

Die Georg-August-Universität ist seit ihrer Gründung im 18. Jahrhundert hoch angesehen. Gleich 44 Nobelpreisträger kommen dorther oder haben dort gewirkt. Studierende machen ungefähr 20 Prozent der über 120.000 Einwohner aus. Wie prägt die Universität die Stadt?

Die Studenten lassen die Stadt erst einmal jung erscheinen. Es gibt, glaube ich, einen gewissen Stolz in der Bevölkerung auf die Berühmtheiten, aber die Studenten leben doch sehr in ihrer Welt. Da gibt es eine große Subkultur, die nicht außerordentlich auffällig nach außen dringt.

Worüber kommt man mit den Göttingern leicht ins Gespräch?

Über ihre Theater – das Junge und das Deutsche Theater. Da scheiden sich die Geister.

Inwiefern?

Jahr für Jahr steht die Frage im Raum, ob sich Göttingen zwei Stadttheater leisten kann und will. Das Junge Theater ist ja nur vom Namen her jung, es gibt das Theater schon seit 1957 und es macht ein ganz normales Stadttheaterprogramm. Dennoch gilt es vielen vor allem Linken in der Stadt als das innovativere Theater, die Location ist cooler, die Macher scheinen alternativer. Mit Sicherheit ist das Publikum hier nach wie vor jünger und „linker“. Das Deutsche Theater empfinden diese Menschen als einen ehernen Kulturpalast, elitär, traditionell, behäbig, konservativ, aber eigentlich nicht aus eigener Erfahrung heraus, sondern aus Meinungstradition, quasi Überlieferung.

Ja, und dann gibt es die andere Seite, die wahrnimmt, dass es in Wirklichkeit im Deutschen Theater die modernen, originellen Formate zu sehen gibt, dass hier Wagnisse eingegangen werden, spannende neue Autoren zum Zug kommen, spannende junge Regisseure eine Chance erhalten. Der Kinder- und Jugendtheaterbereich ist hier eine eigene Abteilung, das geht weit über das klassische (Weihnachts-) Kinderprogramm jedes Theaters in der Republik und die obligatorischen Jugendclubproduktionen hinaus.

Was vermissen Sie in Göttingen?

Programmkinos. Es ist wirklich schlimm, dass wir neben dem kleinen Lumiere als einzigem alternativen Kino nur das Cinemaxx in der Stadt haben. Und außerdem vermisse ich ein modernes Museum mit museumspädagogischen Angeboten und spannenden Ausstellungen. Ach ja, und ich vermisse gute Fahrradwege. Ich wünsche mir, dass die Busse aus der Innenstadt verschwinden und auch kleinere Kinder gefahrlos Fahrrad fahren können. Das ist allerdings eine klassische Mutter-Perspektive. Als ich aus Hannover nach Göttingen zog, sagten viele, dass ich nun nach Bullerbü käme. Tatsächlich hatte ich in Hannover viel mehr Auslauf, großzügige Fahrradewege und Bürgersteige, viel weniger Einbahnstraßen- und Ampelterror. Es ist schon sehr eng hier.